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12.06.2012

17:54 Uhr

Helaba

Giftpapiere blockieren WestLB-Übernahme

VonThomas Bauer, Robert Landgraf

Die Landesbank Hessen-Thüringen möchte das Sparkassenverbundgeschäft der WestLB übernehmen. Doch Verluste aus Derivaten könnten das Geschäft doch noch verhindern. 450 Jobs stehen auf dem Spiel.

Das Sparkassenverbundgeschäft der WestLB soll verkauft werden. dpa

Das Sparkassenverbundgeschäft der WestLB soll verkauft werden.

FrankfurtDer Streit um die Lastenverteilung bei der Zerschlagung der WestLB spitzt sich weiter zu. Es geht dabei um Derivate der WestLB im Umfang von 4,2 Milliarden Euro und einem negativen Wert von 300 Millionen. Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), die eigentlich das Sparkassenverbundgeschäft der WestLB übernehmen möchte, will diese nicht übernehmen. Der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans verweigert sich ebenfalls. Er will die Derivate weder in die WestLB Nachfolgegesellschaft Portigon noch die WestLB-Abwicklungsbank EAA übertragen.

Für beide Institute haften vor allem der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen – in letzter Konsequenz also der Steuerzahler. Walter-Borjans (SPD) hat mehrfach signalisiert, dass das Land NRW nicht noch weitere Lasten schultern will. Dem SPD-Politiker war bereits im Landtag von der oppositionellen FDP vorgeworfen worden, er habe im Poker um die Lastenverteilung den Sparkassen zu viele Zugeständnisse gemacht. Das Land muss neben milliardenschweren Haftungsrisiken nämlich auch eine Milliarde Euro als Kapitalspritze an den WestLB-Nachfolger Portigon beisteuern.

WestLB: Von der „Hülfskasse“ zur Zerschlagung

Die Westdeutsche Landesbank hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Das Institut geht zurück auf die Gründung der „Westfälischen Provinzial Hülfskasse“ vor 179 Jahren und deren Pendant im Rheinland.

1832

Die Westfälische Provinzial-Hülfskasse nimmt in Münster ihre Tätigkeit auf. Gut 20 Jahre danach startet ihr Pendant im Rheinland

1954

Das Land NRW wird Anteilseigner beider Landesbanken

1969

Aus der Fusion beider Landesbanken entsteht die Westdeutsche Landesbank Girozentrale (WestLB)

1973

Durch Devisenspekulationen verzockt die WestLB fast ihren gesamten Jahresgewinn.

1981

Friedel Neuber wird Bankchef und leitet über zwei Jahrzehnte die Geschicke des Bankkonzerns. Unter seiner Führung wird die WestLB zu einem der einflussreichsten Kreditinstitute in Deutschland und zu einem Instrument der Industriepolitik für die NRW-Regierung

1998

Die Rubelkrise und der Zusammenbruch des russischen Anleihemarkts brockt der WestLB einen Milliardenverlust ein.

1999

Die WestLB soll an das Land auf Geheiß der EU eine illegale Beihilfe über 808 Millionen Euro zurückzahlen. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgt.

2002

Die WestLB wird auf EU-Druck aufgespalten in die WestLB AG für kommerzielle Geschäfte und die NRW.Bank für das Fördergeschäft

2003

Die WestLB erlebt mit Fehlinvestitionen unter anderem beim britischen Fernsehverleiher Boxclever ein Fiasko. Die Bank verbucht Milliardenverluste

2004

Wegen unerlaubter Beihilfen des Landes NRW muss die WestLB auf Druck der EU 1,4 Milliarden Euro zurückzahlen. Bei der WestLB entsteht ein Verlust von 1,2 Milliarden.

2005

Am 19. Juli beginnt für die Landesbanken eine neue Ära: Die Staatsgarantien fallen weg. Nach einer Kapitalerhöhung sind die beiden Sparkassenverbände im Rheinland und Westfalen mit insgesamt 51 Prozent Mehrheitseigentümer der WestLB

2007

Händler der WestLB setzen 600 Millionen Euro in den Sand. Chef Thomas Fischer tritt zurück. Nachfolger wird Alexander Stuhlmann von der HSH Nordbank. Die EU gibt grünes Licht für eine staatliche Kapitalspritze über 6,2
Milliarden Euro, die die Bank zur Aufspaltung in die NRW-Bank und die WestLB braucht.

2008

In einer Rettungsaktion geben die Eigentümer fünf Milliarden Euro Garantien für faule Papiere

2009

Harte EU-Auflagen: Die WestLB muss um die Hälfte verkleinert werden und bis Ende 2011 mehrheitlich in neue Hände kommen

2010

Der Bund steigt in die WestLB mit einer Kapitalspritze von drei Milliarden Euro ein. Damit wird die Auslagerung von risikoreichen und nicht mehr zum Kerngeschäft gehörenden Papieren in eine „Bad Bank“ möglich.

2011

Bund, Land und Sparkassen beschließen das Konzept für die Zerschlagung der WestLB. Die EU-Kommission besiegelt das Ende.

2012

Nach zähen Verhandlungen wird die Bank zum Stichtag 30. Juni zerlegt: Das Sparkassengeschäft fließt ins Schwesterinstitut Helaba. Nicht verkäufliche Geschäfte werden in die „Bad Bank“ verschoben. Die restliche WestLB wird zur Servicegesellschaft „Portigon“ umgewandelt.

Die WestLB wiederum muss aber nach einem jahrelangen Streit mit der EU-Kommission um milliardenschwere öffentliche Beihilfen und Garantien bis zum Ende des Monats zerschlagen werden. Alle Gespräche finden daher unter massivem Zeitdruck statt.

Eine für heute vorgesehene Verwaltungsratssitzung der Helaba findet nicht statt. Es gäbe keine Beschlussbasis, nachdem gestern Gespräche zwischen Vorständen der Helaba, der WestLB, Vertretern des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums und der beiden NRW-Sparkassenverbände zu keiner Klärung mehr geführt hätten, war aus dem Umfeld der Teilnehmer zu erfahren. Aber auch wenn die Zeit bis zur vertragsgerechten Abwicklung der WestLB denkbar knapp werde, gebe es immer noch Ersatztermine für die Entscheidungsgremien.

Eigentlich hätte heute die Übernahme der WestLB-Verbundbank mit einem Bilanzvolumen von über 40 Milliarden Euro und rund 450 Mitarbeitern für zustimmungsfähig erklärt werden sollen. Auf Seiten der Helaba müssen dieser Übernahme sowohl der Verwaltungsrat wie auch Trägerversammlung zustimmen, in der unter anderem Bürgermeister, Sparkassenvorstände und der Präsident des Sparkassenverbands Hessen-Thüringen sitzen.

Sowohl die Nachrichtenagentur Reuters wie auch das Handelsblatt sind bei ihren Recherchen in Nordrhein-Westfalen mit der Vermutung konfrontiert worden, dass Helaba-Vorstandschef Hans-Dieter Brenner möglicherweise kein Interesse mehr an der Übernahme des WestLB-Sparkassengeschäfts habe und einen Grund zum Ausstieg suche.

Brenner hat in den vergangenen Tagen mehrfach für die Helaba ausgeschlossen, die Lasten des Derivatepakets zu übernehmen.

„Wir sind nicht bereit 300 Millionen Euro Verlustrisiko aus einem Geschäftsbereich abzudecken, der nicht zum Verbundgeschäft gehört“, sagte ein Sprecher der Helaba. Brenner selbst zeigte sich bereits am Mittwoch vergangener Woche überrascht über die Existenz des Derivatepakets: „Dieses war uns nicht bekannt, und diese werden wir nicht nehmen“, soll Brenner nach Aussagen von Teilnehmern gesagt haben. NRW Finanzminister Walter-Borjans bezweifelt dagegen, dass ein Derivatepaket dieser Größe überraschend aufgetaucht sein könnte. Brenner soll dennoch auch nach der gestrigen Sitzung weiter damit drohen, die gesamte Übernahme platzen zu lassen.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

12.06.2012, 19:57 Uhr

Was passiert eigentlich wenn der Deal platzt? Fällt dann der Hammer: Ausfall, Schließung, Liquidation?

Account gelöscht!

13.06.2012, 06:34 Uhr

...die höchste Wahrscheinlichkeit besteht dann in der Integration dieses Abwicklungsteiles in die EAA. Folglich wird der deutsche Steuerzahler auch für diese Risiken über kurz oder lang aufkommen müssen. Und was sind da schon 450 weitere Arbeitsplätze???

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