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22.01.2013

20:08 Uhr

Interbanken-Zinssatz

Bafin will Libor abschaffen

Das bestehende Zinssystem um Libor und Euribor ist nach Ansicht von Bafin-Chefin Elke König nicht zukunftsfähig. Es müsse an einem Ersatz gearbeitet werden, um das Vertrauen in die Branche wieder herzustellen.

Die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Elke König. dpa

Die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Elke König.

FrankfurtDie deutsche Finanzaufsicht Bafin fordert ein grundlegend neues System von Interbanken-Zinssätzen, das die von Manipulationen erschütterten Libor- und Euribor-Sätze ersetzt. Die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Elke König, sagte am Dienstagabend in Frankfurt, sie frage sich als Aufseherin, ob das heutige System überhaupt reformierbar sei.

Weil die Marktzinssätze auf eigenen, geschätzten Angaben der Banken und nicht auf tatsächlichen Transaktionen beruhten, seien sie anfällig für Manipulationen. „Meines Erachtens müssen wir nicht nur an der Generalüberholung, sondern auch am Ersatz des Systems arbeiten“, sagte sie.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Von Libor und Euribor hängen die Bewertungen und Renditen von Tausenden Finanzprodukten ab. Als offenbar wurde, dass mehrere Banken in der Krise falsche Angaben zu den Zinssätzen gemacht hatten, hatte dies das Vertrauen in die ganze Branche weltweit erschüttert. König äußerte Verständnis für Banken - darunter die BayernLB -, die aus der Ermittlung des Euribor ausgestiegen waren.

Die EU-Bankenaufsicht EBA hatte die nationalen Aufseher gedrängt, auf die Institute einzuwirken, damit sie bei der Stange blieben. König sagte dazu: „Ob eine Bank an der Ermittlung einer solchen privatwirtschaftlichen Benchmark mitwirkt, ist allein ihre Entscheidung.“ Sie müsse dazu aber ordentliche Prozesse gewährleisten können.

Die empfindlichsten Strafen für Banken

Hohe Bußgelder

Geldwäsche oder Libor-Skandal – vielen Finanzhäusern drohen hohe Geldbußen. Eine Übersicht, wer schon happige Strafen zahlen musste.

Barclays

Die britische Bank Barclays hatte sich im Juni bereit erklärt rund 470 Millionen Dollar zu zahlen, um die Libor-Untersuchungen in Großbritannien und in den USA beizulegen.

Barclays II

Die US-Energiemarktaufsicht FERC forderte im Juli 2013 von der britischen Bank Barclays eine Rekordstrafe von 453 Millionen Dollar. Die Behörde warf dem Bankhaus vor, in den Jahren 2006 bis 2008 den Strommarkt manipuliert zu haben. Vier Barclays-Händler hätten die Preise am Strommarkt künstlich gedrückt, um am Derivatemarkt mit Wetten gegen steigende Strompreise abzusahnen.

Goldman Sachs

Die US-Bank stimmte einem 500 Millionen Dollar schweren Vergleich mit der US-Aufsicht SEC zu. Die SEC hatte der Großbank vorgeworfen, ein auf faulen Krediten basierendes Finanzprodukt in dem Moment aufgelegt zu haben, als der Immobilienmarkt in den USA abzustürzen begann.

ABN Amro

Die niederländische Bank ABN Amro zahlte wegen des Verstoßes gegen Iran-Sanktionen 500 Millionen Dollar.

Credit Suisse

Die Crédit Suisse muss wegen Verstoßes gegen Iran-Sanktionen 536 Millionen Dollar Strafe zahlen.

ING

Die niederländische ING zahlte 619 Millionen Dollar. Sie soll für kubanische und iranische Kunden Milliarden durch das US-Finanzsystem geschleust haben.

Standard Chartered

Die britische Bank geriet wegen ihrer Iran-Geschäfte ins Visier der New Yorker Finanzaufsicht DFS. Fast zehn Jahre lang soll fast zehn Jahre lang gegen die Sanktionen verstoßen haben und Geschäfte mit dem Iran abgewickelt haben. Die Bank hat die Vorwürfe zwar vehement abgestritten, dann stimmten die Briten doch einer Zahlung von 340 Millionen Dollar zu. Außerdem schloss die Bank einen Vergleich mit der US-Notenbank Fed, dem US-Justizministerium und der Staatsanwaltschaft Manhattan und zahlt noch einmal 330 Millionen Dollar, insgesamt also insgesamt 670 Millionen Dollar.

Royal Bank of Scotland

Die Royal Bank of Scotland zahlte eine Strafe von 500 Millionen Dollar. Sie soll über die niederländische Bank ABN Amro Geld für Kunden aus dem Iran, Libyen und Syrien gewaschen haben. Für die Verwicklung in den Libor-Skandal zahlt die Bank 615 Millionen Dollar an die Behörden in den USA und Großbritannien.

HSBC

Die Großbank hatte über Jahre hinweg mexikanischen Drogenbossen und saudi-arabischen Terrorfinanzierern bei der Geldwäsche geholfen. Die US-Behörden verdonnerten die Bank zu einer Strafe von rund 1,9 Milliarden Dollar.

UBS

Die Schweizer Großbank UBS zahlt wegen des Libor-Skandals insgesamt Strafen in Höhe von 1,16 Milliarden Euro (1,4 Milliarden Franken) an Behörden in den USA, Großbritannien und der Schweiz. Die Strafzahlungen führen dazu, dass die UBS im vierten Quartal 2012 einen Reinverlust von bis zu 2,5 Milliarden Franken verbucht. Zudem zahlt die Bank 780 Millionen Dollar Strafe wegen Beihilfe zum Steuerbetrug.

UBS II

Im Juli 2013 einigt sich die Schweizer Großbank UBS mit US-Behörden, einen Streit über Hypothekenpapiere beizulegen. Die Vorwürfe beziehen sich auf das Jahr 2008. Die UBS zahlt 885 Millionen Dollar, ohne eine Schuld anzuerkennen.

Großvergleich in den USA

Mehrere Banken in den USA stimmten Anfang des Jahres einem mehr als 25 Milliarden Dollar schweren Vergleich zu. Zu den Finanzhäusern zählen Ally Financial, Bank of America, Citigroup, JP Morgan Chase sowie Wells Fargo. Bei dem Vergleich geht es um Forderungen aus Hypothekenkrediten.

(Quelle: eigene Recherche, Stand Dezember 2012)

Auch die Versicherungsbranche beschäftigt die Bafin. Sie erwägt, auch von systemrelevanten Versicherern ein „Testament“ für den Krisenfall einzufordern. „Auch die Bafin prüft derzeit, ob Versicherer Sanierungspläne entwickeln sollten und welche Mindestanforderungen daran zu stellen wären“, sagte König in Frankfurt. „Wie in der Bankenaufsicht würde sich diese Anforderung natürlich primär an große, in der Regel international tätige Gruppen richten.“ Bei den neuen Aufsichts- und Eigenkapitalregeln für die Versicherungsbranche („Solvency II“) indes spreche vieles „eher für den Start zum 1. Januar 2017“.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

22.01.2013, 20:33 Uhr

Kann mir jemand den Unterschied erklären zwischen Libor-Manipulation durch Privatbanken und willkürlichen Zinsfestsetzungen, sogar für einzelne Anleihen wie italienische Bonds, durch das Direktorium der EZB? Ist glaube beides Marktmanipulation.

Mazi

23.01.2013, 19:48 Uhr

Man muss ernsthaft an der Kompetenz dieser Frau zweifeln.

Offensichtlich ist ihr unbekannt wie viele Verträge sich auf diesen, richtigerweise die Referenzzinssätze beziehen?

Indirekt weist sie dennoch auf den Unsinn, auf die Erhebung dieser Referenzzinssätze, hin, wenn der Zins tatsächlich nicht von Banken ermittelt sondern von der EZB vorgegeben wird. Das ist einfach Sozialismus oder Merkel pur.

Ein anderes Thema ist natürlich die Frage,
wie lange es noch Finanzdienstleister gibt,
ob Regularien und Aufsichtsbehörden für eine nicht mehr existente Branche noch erforderlich sind?

Bei der fehlenden Wertschätzung des Konsumverzichts der Bürger und einem seitens der EZB vorgegebenen Zinssatz von nahe Null, muss man die volkswirtschaftliche Leistung von Banken und Versicherungen in Frage stellen.

Dass Bürger ihr Erspartes real nicht mehr zurück erhalten, nehmen die Bürger scheinbar schon hin. Wenn aber jetzt die Banken und Versicherungen keine Zinseinnahmen aus deren Geldanlage mehr erhalten und von dieser "Null" auch noch deren Verwaltungskosten und Boni für die Leistungen der Vorstände entnommen werden müssen, dann ist der Sparer gut beraten, sein Geld fortan unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten besser unter sein Kopfkissen zu legen.

In dem Fall - und dem stehen wir heute gegenüber - lösen sich Banken und Versicherungen selbst auf. Eine Branche, die aufgelöst ist, braucht weder eine Aufsicht noch braucht sie Regularien.

Und dennoch ist die Lage nicht so schlimm wie sie erscheint. Es gibt ein praktisches Beispiel. Dieses beweist, dass dadurch die Welt auch nicht untergeht.

Im Islam ist gibt es keinen Zins. Wenn es also jetzt quasi keinen Zins mehr gibt, dann greift die Politik der EZB, Draghis, lediglich einer weiteren Islamisierung vor.

Ein kühner Gedankengang, anhand der Fakten aber bereits belegt.

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