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19.10.2011

16:08 Uhr

Investment-Banking

„Die Situation ist beängstigend“

VonRolf Benders, Michael Maisch

Der jüngste Quartalsverlust bei Goldman Sachs war Zeichen für einen großen Einbruch des Investment-Bankings. Immer mehr Kunden scheuen riskante Anlagen. Analysten sehen die Branche bereits im „Krisenmodus“.

Ab in den Hintergrund: Die Investmentbanken, einstige Geldmaschinen der Finanzmärkte, stecken nun in der Krise. Reuters

Ab in den Hintergrund: Die Investmentbanken, einstige Geldmaschinen der Finanzmärkte, stecken nun in der Krise.

New York, LondonIn manchem Handelsraum an der Wall Street, der Londonder City und der Finanzmetropole Frankfurt herrscht beängstigende Stille. „Wir haben immer weniger zu tun. Die Kunden sind einfach ängstlich und machen nichts“, sagt der Händler eines großen US-Instituts in London. „Immer mehr Schreibtische um mich herum werden geräumt, die Leute entlassen. Das ist schon beängstigend“, fügt der Händler hinzu - obwohl er in seinem langen Berufsleben schon einige Krisen erlebt hat.

Neuer Beleg für die Krise des Investment-Bankings ist der Quartalsverlust von Goldman Sachs. Der Handel mit Anleihen etwa - bislang eine Art Gelddruckmaschine des Instituts - ist drastisch eingebrochen, weil die Kunden sich zurückhalten.

Goldman Sachs Stärken und Schwächen

Stärken

Die Stärken von Goldman Sachs liegen vor allem in der großen Attraktivität für ambitionierten Nachwuchs, den treuen Kunden und die guten Verbindungen zur Politik.

Die besten Talente

Goldman Sachs gilt unter jungen College-Absolventen, die es in die glitzernde Welt der Wall Street zieht, als Wunschadresse. Nicht nur wegen der Traumgehälter – trotz eines drastischen Rückgangs im dritten Quartal kommt jeder Mitarbeiter durchschnittlich auf knapp 300.000 Dollar pro Jahr. Auch der legendäre Ruf der Investmentbank ist ein starker Anreiz: Niemand schafft es derart clever, so heißt es, aus jeder noch so kleinen Marktbewegung Profite zu ziehen, von flauen Quartalen wie dem vergangenen mal abgesehen. In der Finanzwelt gilt: Wer das harte Auswahlverfahren bei Goldman Sachs überlebt, der hat es geschafft.

Die Kunden

Wie kaum eine andere Bank kann Goldman Sachs auf ein riesiges Netzwerk langjähriger, treuer und zahlungskräftiger Kunden zurückgreifen. Wer einen Konkurrenten übernehmen, an die Börse gehen oder sein privates Vermögen anlegen will, der lässt sich gerne von Lloyd Blankfeins Truppe beraten. Zwar ging es zwischen der Bank und ihren Kunden nicht immer friedlich zu. Einige etwa waren höchst verärgert, als im vergangenen Jahr der Vorwurf laut wurde, Goldman habe während der Finanzkrise auf eigene Rechnung gegen Klienten spekuliert. Andere störten sich am zweifelhaften Ruf der Bank in Öffentlichkeit und Politik. Doch trotz alledem: Umfragen unter Kunden haben ergeben, dass viele zwar skeptisch sind – im Zweifel aber trotzdem ihr Geld zu Goldman Sachs tragen.

Verdrahtung in der Politik

Hier ist Goldman Sachs Meister. Angesichts der vielen Banker, die in die Politik wechselten und umgekehrt, redet die Finanzwelt von einer „Drehtür“ zwischen Goldman und den Fluren der Macht. Der ehemalige US-Finanzminister Hank Paulson, der in der Finanzkrise zahllose Banken rettete und Lehman Brothers fallenließ, war zuvor Goldman-Chef. Auch Vorgänger Robert Rubin war einst Goldman-Vorstand, der künftige EZB-Präsident Mario Draghi und Weltbank-Chef Robert Zoellick waren ebenfalls einst bei der Bank angestellt. Ganz zu schweigen von den vielen Beamten in den US-Behörden. Die Liste ist lang.

Schwächen

Doch wie nicht zuletzt die Zahlen zeigen, hat Goldman Sachs auch einige Schwachstellen.

Strenge Regulierung

Nach der Finanzkrise haben Regierungen in aller Welt damit begonnen, neue Beschränkungen für die Branche zu erlassen. So müssen die Banken künftig mehr Kapital vorhalten (Basel III) und sich strengeren Regeln bei der Kundenberatung unterwerfen. Von einem Gesetzespaket ist aber besonders Goldman Sachs betroffen: der Volcker-Rule.

Das knapp 300 Seiten starke Regelwerk, benannt nach dem früheren US-Finanzminister und heutigem Obama-Berater, verbietet in erster Linie den Eigenhandel und beschränkt die Risiken, die Banken eingehen dürfen. Während Vollbanken die neuen Regeln etwa durch ihr klassisches Bankgeschäft ausgleichen können, hat Goldman Sachs als Investmentbank ein Problem, da sie gerade in turbulenten Zeiten hier besonders viel Spekulationsgewinne abschöpfen konnte. Als Folge der bald in Kraft tretenden Volcker-Rule hat die Goldman den Eigenhandel bereits fast vollständig abgewickelt.

Große Abhängigkeit vom Kapitalmarkt

Das Geschäftsmodell hat eine weitere negative Folge: Goldman Sachs ist mangels stabilisierenden Privatkundengeschäfts von den Launen der Investoren weltweit abhängig. Das zeigt sich etwa im dritten Quartal: Die Schuldenkrise in Europa und die Ungewissheit über die US-Konjunktur ließen die Anleger zögern - und Goldmans Einnahmen einbrechen. Die Marktverwerfungen dezimierten auch den Wert von Beteiligungen, etwa an der chinesischen Bank ICBC.      

Zweifelhafter Ruf

So legendär der Ruf von Goldman Sachs in der Branche ist – in Öffentlichkeit und Politik ist er es nicht. Gerade wegen ihres Erfolges gilt die Investmentbank in den Augen vieler als Verkörperung von Gier und gewissenloser Spekulation. Oft zitiert wird der inzwischen legendäre Satz des „Rolling Stone“-Autor Matt Tiabbi, Goldman sei „eine Vampirkrake im Antlitz der Menschheit“. Angesichts von Kritiken wie dieser sah sich  Bankchef Blankfein im vergangenen Jahr dazu gezwungen, die Aktionäre zu beschwichtigen: Goldman wette nicht gegen die Kundeninteressen und spekuliere auch nicht wild an den Märkten herum.

Aber nicht nur Goldman, sondern die gesamte Branche kämpft mit schwierigen Problemen - die Kunden plagen düstere Erinnerungen an die Lehman-Pleite im September 2008, die Lust am Risiko ist ihnen vergangen. Die Analysten der Schweizer Großbank UBS sehen die Investmentbanker bereits im „Krisenmodus“. Dafür machen die Experten nicht nur die wegbrechenden Einnahmen verantwortlich, sondern „eine lange Liste von Sorgen“, die von Problemen bei der Refinanzierung über den immer stärkeren Druck der Politik bis zum wachsenden Risiko juristischer Klagen von erbosten Kunden reicht.

Diese Probleme machen nicht nur den großen Wall-Street-Häusern zu schaffen, sondern auch der europäischen Konkurrenz. Wenn die Deutsche Bank am 25. Oktober ihr Ergebnis für das dritte Quartal vorlegt, erwarten die UBS-Analysten einen Einbruch des Vorsteuergewinns im Investment-Banking um fast 90 Prozent. Für die gesamte Bank rechnen die Experten mit einem Rückgang des Ergebnisses um 63 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

Ausgesprochen pessimistisch für die gesamte Branche sind auch die Experten von JP Morgan. Sie sagen voraus, dass in diesem Jahr, verglichen mit 2010, der Gewinn der wichtigsten Investmentbanken um 24 Prozent sinken wird. Für 2012 prognostizieren sie einen Rückgang um 13 Prozent.

Kommentare (8)

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shofflehead

19.10.2011, 16:38 Uhr

Man sollte doch hoffen das dies erst der Anfang vom Ende des Investment-Bankings ist. Es ist schlichtweg verrucht, was diese Sparte des Bankwesens verursacht hat.
Völlig losgelöst von Realwirtschaftlichen Tugenden wurde einfach nur Geld mit Geld verdient. Die derzeit noch vorhandenen Gewinne sollten gänzlich von unseren darbenden Staaten abgeschöpft werden und danach sollte dieser Geschäftszweig komplett verschwinden.
Weiterhin erschrecken ist es doch, wenn eine Eigenkaptial-Rendite von 9,5% als mager bezeichnet wird. Welcher Immobilienbesitzer oder redlicher Kaufmann kann solche Renditen erzielen ohne betrügerisch vorzugehen?

reisender

19.10.2011, 17:51 Uhr

Andere Branchen wären froh, diese Rendite von 9,5% zu erwirtschaften. Die Banker dagegen sind ausgesprochen "pessimistisch". Der Optimismus, der lange herrschte, war irreal. Jetzt ist man auf den Boden zurückgekehrt, endlich.

Account gelöscht!

19.10.2011, 17:54 Uhr

Was soll´s?
Es trifft doch keine Armen. Und die Aktionäre dürften sich bei 9,5% Rendite auch nicht beschweren. Die Anleger sollten das Risiko gekannt haben, dass man mit riskanten Anlagen auch Geld verlieren kann.

Also mein Mitleid hält sich in Grenzen.

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