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22.12.2016

10:54 Uhr

Italien

Staatsrettung für Monte dei Paschi steht bevor

Italiens Krisenbank schockt mit der Nachricht, dass ihre Finanzlage schlechter sei als bisher bekannt. Die Bank scheitert wohl mit dem Versuch, private Investoren anzulocken. Die Aktie ist wieder im freien Fall.

Bankenkrise

Deswegen stehen die italienischen Banken unter Druck

Bankenkrise: Deswegen stehen die italienischen Banken unter Druck

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MailandDie italienische Krisenbank Monte dei Paschi steuert auf eine Rettung durch den Staat zu. Das Geldhaus aus der Toskana teilte am Mittwochabend mit, keinen Ankerinvestor gefunden zu haben. Die drittgrößte Bank des Landes, die unter einem Berg fauler Kredite ächzt, hatte gehofft, den Staatsfonds von Katar überzeugen zu können, neue Aktien zu zeichnen. Dieser sollte allein eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen. Die Option sei nun nicht mehr auf dem Tisch, sagte eine mit der Situation vertraute Person zu Reuters. „Ohne einen Ankerinvestor gibt es keine Nachfrage von anderer Seite.“

Zugleich verdichtet sich, wie die Bank gerettet werden könnte. Auf der Sitzung des italienischen Senats und der Abgeordnetenkammer gaben die Parlamentarier am Mittwoch grünes Licht, dass die Regierung bis zu 20 Milliarden Euro zusätzliche Schulden machen darf, um den angeschlagenen Bankensektor im Notfall stützen zu können.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

Die Rettung der Krisenbank durch den italienischen Staat wird sich einem Medienbericht zufolge über mehrere Monate hinziehen. Die Staatshilfe erfolge in mehreren Schritten und erforderte zwei bis drei Monate Zeit, berichtete die Tageszeitung „Il Sole 24 Ore“ in ihrer Donnerstagausgabe. Auch unter dem Rettungsprogramm werde die Kapitalerhöhung bei etwa fünf Milliarden Euro liegen.

Die Aktie der italienischen Krisenbank Monte dei Paschi schwankt am Donnerstag extrem. Die Papiere stürzten zu Handelsbeginn um 6,8 Prozent auf ein neues Rekordtief von 14,71 Euro, wenig später notierten sie im Plus. Immer wieder wurde der Handel wegen automatischer Volatilitäts-Aussetzungen unterbrochen.

Der vor fünf Monaten als Chef bei Italiens größter Bank Unicredit gestartete Jean-Pierre Mustier zeigt sich im Handelsblatt-Interview optimistisch: „Ich bin extrem zuversichtlich, dass es eine Lösung für Italiens Banken geben wird“, sagte der Franzose, der im ersten Quartal die Rekordsumme von 13 Milliarden Euro bei den Anlegern für eine Kapitalerhöhung einsammeln will.

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Italiens Banken stecken in der Krise. Doch Mustier erwartet eine Lösung. Im Interview sagt er zudem, warum die HVB wichtig ist, was er von Theodor Weimer hält – und welche Lehren er aus seiner Fallschirmjäger-Zeit zieht.

Am Mittwochmorgen hatte sich abgezeichnet, dass die Zukunft Monte dei Paschis Spitz auf Knopf steht. Die älteste Bank der Welt hatte bekannt gegeben, dass die Finanzlage sehr viel schlechter sei, als bisher bekannt. Die Liquidität reiche nur noch für vier Monate. Bislang war die Konzernführung davon ausgegangen, dass das Geld noch für elf Monate reichen werde. Derzeit wird das Liquiditätspolster auf etwa 10,6 Milliarden Euro beziffert.

Am Mittwoch und Donnerstag waren die Monte-Aktien vom zeitweise Handel ausgesetzt worden. Erst im November hatte das Geldhaus aus dem toskanischen Siena seine Aktien zusammengelegt, um den Kurs zu stützen. Mit dem Parlamentsbeschluss aus Rom konnten die Titel am Mittwoch zunächst die Verluste reduzieren, sie drehten zeitweise sogar ins Plus. Doch dann gaben die Papiere deutlich nach – eine wahre Achterbahnfahrt, die sich am Donnerstag fortsetzte.

Kommentare (12)

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Frau Lana Ebsel

21.12.2016, 11:50 Uhr

Eine Bank, die nicht systemrelevant ist, wie diese Bank, darf nur so behandelt werden, wie jede andere Firma die zahlungsunfähig ist, nämlich vom Markt verschwinden. Wenn die Italiener jetzt ihre Schäfchen durch schüren von Angst und wohlfeiler Hilfe aus Brüssel auf Kosten der Nachbarländer ins Trockene bringen können, dann sollten die Bürger Europas endlich Köpfe rollen lassen.

Frau Evelyn Send

21.12.2016, 14:44 Uhr

Zum x-ten Male wieder der Steuerzahler und wir Deutsche sind selbstverständlich als Gläubiger fauler Kredite wieder dabei,- wie schon damals.......vor wieviel Jahren?

Herr Norbert Bluecher

21.12.2016, 15:08 Uhr

Wie auch immer, sollen die Italiener unter sich ausmachen - bitte nicht mit deutschen Steuergeldern! Uns geht das nichts an!

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