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09.12.2016

10:46 Uhr

Italienische Krisenbank

Monte Paschi bittet EZB um Aufschub für Rettungsplan

Das italienische Geldhaus Monte dei Paschi hat die Europäische Zentralbank um einen Aufschub für ihren Rettungsplan gebeten. Eine zusätzliche Unsicherheit für die Bank sei das gescheiterte Verfassungsreferendum.

Das Institut, das zuletzt regelmäßig durch die europaweiten Banken-Stresstest fiel, leidet unter einem Berg fauler Kredite und braucht dringend frisches Eigenkapital. AFP; Files; Francois Guillot

Monte dei Paschi

Das Institut, das zuletzt regelmäßig durch die europaweiten Banken-Stresstest fiel, leidet unter einem Berg fauler Kredite und braucht dringend frisches Eigenkapital.

MailandDie italienische Krisenbank Monte dei Paschi hat die Europäische Zentralbank (EZB) um einen Aufschub für ihren Rettungsplan gebeten. Das Geldhaus strebe nun als Frist den 20. Januar an, teilte die Traditionsbank am Mittwochabend mit. Hintergrund sei die Unsicherheit darüber, wie es nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum mit der neuen Regierung weitergeht, verlautete aus Kreisen. Ministerpräsident Matteo Renzi reichte seinen Rückzug ein. Der EZB-Rat wolle bei der Sitzung am Donnerstag über die Situation bei Monte Paschi beraten, hieß es weiter.

Das Institut, das zuletzt regelmäßig durch die europaweiten Banken-Stresstest fiel, ächzt unter einem Berg fauler Kredite und braucht dringend frisches Eigenkapital.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

Der ursprüngliche Plan sah vor, bis Monatsende über eine Kapitalerhöhung fünf Milliarden Euro am Markt einzusammeln. Doch die Suche nach neuen Ankerinvestoren gestaltet sich schwieriger als gedacht. Aus Finanzkreisen verlautete, de facto hätten die begleitenden Investmentbanken das Vorhaben, das mit einem Anleihentausch einhergehen sollte, erst einmal auf Eis gelegt.

Am Finanzmarkt war zuletzt die Hoffnung auf eine Rettung der italienischen Krisenbank durch den Staat gestiegen. Die Regierung hatte zwar einen Medienbericht dementiert, wonach sie einen Milliarden-Kredit beim Euro-Rettungsschirm ESM zur Stützung des heimischen Banken-Sektors erwägt. Gleichwohl gibt es konkrete Rettungspläne für Monte dei Paschi, wie Reuters am Dienstagabend von zwei Insidern erfahren hatte.

Von

rtr

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