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12.08.2014

06:53 Uhr

Jochen Sanio

Ein Jäger wird zum Gejagten

ExklusivEs ist ein höchst bemerkenswerter Fall in der deutschen Justizgeschichte: Staatsanwälte ermitteln gegen den Ex-Bafin-Chef Jochen Sanio. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Bankenaufseher sind schwer. Er wehrt sich.

„Kurz vor der Verjährung noch sicherheitshalber eine Ermittlung eingeleitet“: Ex-Bafin-Chef Jochen Sanio.

„Kurz vor der Verjährung noch sicherheitshalber eine Ermittlung eingeleitet“: Ex-Bafin-Chef Jochen Sanio.

Düsseldorf/FrankfurtDer ehemalige Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, ist im Zusammenhang mit der Schieflage der Privatbank Sal. Oppenheim ins Visier der Staatsanwaltschaft Köln geraten. Die Behörde ermittelt gegen den Bankenaufseher im Zusammenhang mit einem Kredit der damaligen Sal.-Oppenheim-Tochter BHF-Bank an ihre Mutter wegen des Verdachts auf Beihilfe zur Untreue und versuchter Erpressung.

Sanio steht im Verdacht, die handelnden Akteure 2009 zu dem möglicherweise rechtswidrigen Kredit gedrängt zu haben. Entsprechende Informationen bestätigte sein Anwalt Ulrich Sommer dem Handelsblatt (Dienstagausgabe). Er hält die Untersuchungen für haltlos. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Ermittlungen eingestellt werden“, sagte er dem Handelsblatt. Sommer argumentierte, die Vorgänge, um die es gehe, seien seit langem bekannt. „Da hat man kurz vor der Verjährung noch sicherheitshalber eine Ermittlung eingeleitet“, betonte Sanios Anwalt.

Auch gegen ehemalige Führungskräfte der BHF-Bank wird ermittelt. Das betrifft Finanzkreisen zufolge auch den heute amtierenden BHF-Chef Björn Robens, der damals als einfaches Vorstandsmitglied die Kreditentscheidung mitverantwortete. Die Ermittlungen seien noch in einem frühen Stadium, heißt es in Finanzkreisen.

Zwölf ereignisreiche Bafin-Jahre

Mai 2002

Die Bafin heißt vollständig Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. 2002 entsteht sie durch die Zusammenlegung der Bundesaufsichtsämter für das Kreditwesen, den Wertpapierhandel und das Versicherungswesen. Erster Präsident: Jochen Sanio.

Juni 2003

Die Anschläge des 11. September bringen die Mannheimer Lebensversicherung AG in Schieflage. Die Bafin erarbeitet eine Auffanglösung – später übernimmt die Protektor Lebensversicherung AG das Unternehmen.

März 2005

Der Phoenix Kapitaldienst GmbH untersagt die Bafin ihre Geschäfte. Die Finanzaufsicht hatte von Unregelmäßigkeiten bei der Verwaltung von Treuhandgeldern in Höhe von 680 Millionen Euro erfahren.

März 2006

Die Bafin muss feststellen, dass einer ihrer Beamten Geld veruntreut hat – jahrelang. Der Mitarbeiter wird später zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Schaden für die Behörde liegt bei 6,4 Millionen Euro.

2007

Juli: Die IKB Deutsche Industriebank AG macht Probleme, im Zuge der weltweiten Finanzkrise gerät die Bank ins Trudeln. Die Bafin organisiert einen Rettungsschirm, der mehrmals erweitert wird, bevor die staatliche KfW ihre Anteile an die Lone-Star-Gruppe überträgt.

August: Nun bekommt auch die Landesbank Sachsen Probleme, die Bafin befürchtet einen Liquiditätsengpass. Später übernimmt die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) das Institut.

2008

Februar: Die Bafin überprüft die Hypo Real Estate (HRE). Das Institut kann nur mit Hilfe der privaten Finanzwirtschaft und erheblicher Staatsunterstützung stabilisiert werden.

Frühjahr: Die WestLB AG, die BayernLB sowie die HSH Nordbank AG beantragen beim Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung die Gewährung von Garantien.

April: Die Bafin ordnet ihre Führung neu. Nachdem bislang Präsident Sanio die Behörde allein leitete, werden ihm nun vier Exekutivdirektoren zur Seite gestellt: Sabine Lautenschläger für die Bankenaufsicht, Karl-Burkhard Caspari für die Wertpapieraufsicht, Thomas Steffen für die Versicherungsaufsicht und Michael Sell für Querschnitts- und Verwaltungsaufgaben.

2011

Januar: Das Europäische System der Finanzaufsicht nimmt seine Arbeit auf. Auch die Bafin ist beteiligt und Mitglied in Gremien und Arbeitsgruppen. Außerdem entsendet sie Mitarbeiter in die europäischen Behörden.

Dezember: Präsident Jochen Sanio geht in den Ruhestand, Nachfolgerin wird Elke König. Im Direktorium sitzen neben König die Exekutivdirektoren Raimund Röseler für die Bankenaufsicht, Gabriele Hahn für Querschnitts- und Verwaltungsaufgaben, Felix Hufeld für die Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht und Karl-Burkhard Caspari für Wertpapieraufsicht und Asset-Management.

2014

Große Aufgabe: Die 2300 Bafin-Mitarbeiter kontrollieren 1880 Banken, 680 Finanzdienstleister, 600 Versicherer, 30 Pensionsfonds, 5900 inländische Fonds und 77 Kapitalanlagegesellschaften. Allerdings wird die Bafin im Zuge der Europäischen Bankenunion Anfang 2016 ihre Zuständigkeit für deutsche Großbanken verlieren.

Im Sommer 2009 war Sal. Oppenheim in eine schwere Krise geraten. Um einen Liquiditätsengpass zu überbrücken, drängten die Kölner ihre Frankfurter Tochter, ihnen kurzfristig mit einem Kredit auszuhelfen. Die BHF Bank überwies daraufhin 100 Millionen Euro zur Stabilisierung an Sal. Oppenheim. Der BHF-Finanzchef Ingo Mandt trat damals zurück, weil er juristische Bedenken wegen des Kredits hatte. Nach Aussagen der BHF-Bank wurde das Geld eine Woche später wieder zurückgezahlt. Die Kölner Staatsanwaltschaft sagte, sie überprüfe das.

Den vollständigen Report zum Fall Sal. Oppenheim und warum die Bankenbranche vor Jochen Sanio zitterte, lesen Sie als Digitalpass-Kunde oder finden Sie als Einzeldownload im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Kommentare (6)

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Herr Wigand von Bremen

12.08.2014, 07:57 Uhr

Der Staatsanwaltschaft Köln Respekt und Anerkennung für die steten Bemühungen um die Aufklärung der Machenschaften um Sal.Oppenheim im Jahr 2009 und in den viel früheren Jahren. Es scheint dass man fündig werden wird wenn man der Phantasie bei der Recherche keine Grenzen setzt. Weiter so!

Herr Manfred Zimmer

12.08.2014, 08:03 Uhr

Sind es die Dossiers, die Sanio in der Hand zu haben scheint, die die handelnden Akteure zurück schrecken lässt?

Frau Pia Paff

12.08.2014, 08:51 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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