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08.06.2015

16:30 Uhr

John Cryan übernimmt die Führung

Der Tag danach bei der Deutschen Bank

In einem Brief an die Mitarbeiter wirbt der Aufsichtsratschef für den neuen Deutsche-Bank-Boss John Cryan. Analysten glauben, dass der Brite noch stärker sparen wird. Und sogar die Kanzlerin äußert sich zum Chefwechsel.

In der Deutsche-Bank-Konzernzentrale in Frankfurt beginnt die Deutung: Was wird der neue Chef anders machen als Jain und Fitschen? dpa

Kein Weg zurück

In der Deutsche-Bank-Konzernzentrale in Frankfurt beginnt die Deutung: Was wird der neue Chef anders machen als Jain und Fitschen?

Düsseldorf/FrankfurtDer Aktienkurs in rot eingefärbt, daran hatten sich in den vergangenen Wochen die Manager in den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt gewöhnt. Das Papier der Deutschen Bank verlor in diesem Zeitraum immer wieder an Wert – und rot ist die Farbe des Verlusts. Dabei hatte die im April verkündete neue Strategie eigentlich das Gegenteil bewirken sollen.

Am Montag dann das umgekehrte Zeichen. Die Aktie schnellt am Morgen um bis zu acht Prozent in die Höhe, der Börsenwert der Bank steigt um drei Milliarden Dollar. Die Investoren begrüßen John Cryan als neuen Vorstandschef der Bank auf ihre Weise. Mit grünen Zahlen, mit einem satten Plus beim Kurs.

Doch wie es unter Cryan weitergeht ab Tag eins nach seiner Nominierung durch den Aufsichtsrat, dazu gibt es nur Ahnungen. Die Grundsätze der neuen Strategie – Verkauf der Postbank, Schrumpfen des Investmentbankings – bleiben bestehen, schließlich hatte Cryan als bisheriger Aufsichtsrat der Bank das Paket selbst durchgewinkt. Der Plan der bisherigen Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen könnte aber durchaus modifiziert werden.

Die internationale Presse zum Deutsche-Bank-Umbau

„Neue Zürcher Zeitung“ (Schweiz)

Will man einen Teich trockenlegen, sollte man besser nicht die Frösche um Rat fragen. Diese alte Weisheit scheint der Aufsichtsrat der Deutschen Bank befolgt zu haben, als er am Sonntag John Cryan zum neuen operativen Chef der Bank gewählt hat. Aufräumen muss ein Neuer, einer, der sowohl innerhalb der Bank wie auch außerhalb, bei Aktionären und in der Öffentlichkeit, glaubwürdig für frischen Wind sorgen kann. Cryan erfüllt dieses Kriterium zumindest insofern, als er nicht dem Investment-Banking-Sumpf der Deutschen Bank entstammt. Auf ihn kommt viel Arbeit zu, denn der Teich, der die „Deutsche“ in Verruf gebracht hat, ist noch nicht trockengelegt - die meisten Frösche sind noch da.

„Times“ (Großbritannien)

Mitten im Kampf der Deutschen Bank, eine Fülle von Skandalen zu bereinigen, sind ihre unter Druck stehenden Co-Vorstandschefs unerwartet von ihren Posten zurückgetreten. Nach Spekulationen an den Märkten könnte dieser plötzliche Führungswechsel bei der Bank, die zu den weltweit größten Investment-Häusern gehört, durch wachsenden Druck globaler Aufsichtsgremien und Investoren ausgelöst worden sein, die für eine neue Führung plädierten, um Vertrauen zurückzugewinnen.

„Jyllands-Posten“ (Dänemark)

Die Deutsche Bank war in den letzten Jahren von einer Reihe von äußerst unangenehmen Fällen geplagt. Einige davon hatten die Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei ihrer Ernennung im Jahr 2012 übernommen, andere kamen seitdem hinzu, aber fast keiner von ihnen wurde gelöst. Zur gleichen Zeit ähnelte die Aktienentwicklung der Bank in den vergangenen drei Monaten der Fieberkurve eines schwer kranken Patienten.

„Svenska Dagbladet“ (Schweden)

Anshu Jain, der für den Investment-Banking-Bereich zuständig ist, wurde zum Sündenbock für große Einschnitte gemacht und in Deutschland heftig kritisiert. Gleichzeitig wurde Jürgen Fitschen in den Skandal um die Mediengruppe Kirch 2002 verwickelt.

„Corriere della Sera“ (Italien)

Zu viele Finanzskandale, zu viele bezahlte Strafen, schwaches Vertrauen der Investoren, stockende Kurse an der Börse: Am Ende haben sie bei der Deutschen Bank entschieden, dass ein kompletter Wandel nötig ist. Und dafür bezahlen müssen die beiden Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen. (...) Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Wahl des neuen Chefs auf John Cryan gefallen ist, der mehr Kontrolleur als Geschäftsmann ist.

„El País“ (Spanien)

Eine Serie von Skandalen beschleunigt die Wachablösung an der Spitze der Deutschen Bank. Die beiden Chefs des größten deutschen Geldinstituts kündigen überraschend ihr Adiós an.

„Hospodarske Noviny“ (Tschechien)

Zu dem Wechsel auf den höchsten Posten kommt es nur einen Monat, nachdem die Hauptversammlung eine neue Strategie gebilligt hatte. Deren Ziele sind es, den Gewinn und die Rendite des eingesetzten Kapitals zu erhöhen. Denn in den zurückliegenden Jahren sah es mau aus.

Zwar bleibt Jain zunächst als Berater und Fitschen bis Mai kommenden Jahres sogar als Co-CEO an der Seite Cryans, was für Kontinuität spricht. Doch Cryan „tut sich bei Kürzungen im Investmentbanking sicher leichter als Jain, der die Sparte viele Jahre geleitet hat“, sagt ein Top-10-Aktionär des Instituts. Und die Analysten der US-Großbank JP Morgan erwarten, dass der 54-jährige Brite an der Spitze der Deutschen Bank etwa im Privatkundengeschäft deutlicher durchgreifen könnte und das Filialgeschäft in Italien, Spanien oder Polen abstoßen könnte.

In den Türmen begannen die Deutungen rund um die Mitteilung nach einem Aufsichtsratstreffen am Sonntag in einem Frankfurter Hotel. Jain geht zum Ende des Monats, Fitschen bleibt bis Mai 2016, schrieb die Deutsche Bank. Und die Manager in Frankfurt registrierten vor allem, was nicht geschrieben stand. Es habe keine weiteren Abgänge im Vorstand oder dem erweiterten Topmanagement – dem GEC – gegeben. „Tabula rasa ist nicht gefragt“, meinte ein Manager in den Zwillingstürmen.

John Cryan im Porträt: Der neue Boss der Deutschen Bank

John Cryan im Porträt

Premium Der neue Boss der Deutschen Bank

Der Aufsichtsrat hat am Sonntag einen neuen Chef für die Deutsche Bank ernannt. Ein Mitglied des Gremiums enthielt sich der Stimme: John Cryan. Denn der 54-Jährige übernimmt selbst den Spitzenjob. Eine Herausforderung.

Der Deutschen Bank ist sehr daran gelegen, die Top-Personalie als Teil eines langfristigen Plans aussehen zu lassen. Doch Zweifel an dieser Darstellung sind angebracht. Noch bei der Hauptversammlung vor gut zwei Wochen war von personellen Konsequenzen an der Konzernspitze keine Rede. Im Gegenteil: Nachdem Privatkunden-Chef Rainer Neske im Streit um den künftigen Kurs der Bank hingeschmissen hatte, kehrte das Kontrollgremium eilends die Scherben zusammen und ordnete den Vorstand neu. Hauptergebnis: Jain sollte künftig mehr Macht bekommen. Kurz danach bot er selbst seinen Rücktritt an – und Fitschen gleich mit.

Kommentare (3)

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Herr Manfred Zimmer

08.06.2015, 18:14 Uhr

Die Kommentare lesen sich nicht so als dass man in Euphorie ausbrechen müsste.

Meine Einschätzung zur Aktie "Deutsche Bank": Yours!

Account gelöscht!

08.06.2015, 18:20 Uhr

Jetzt noch den Milliardenvernichter der Commerzbank ... Blessing weg!
Dilettantismus ist seine Reputation.

Frau Sabine Schmid

08.06.2015, 20:41 Uhr

Jetzt geht es um Nuancen:
Gutes, krisenresistentes Banking braucht auch immer eine Prise des defensiven Assekuranzkonzeptes. Mit Experten, die selbst Schlechtwetterszenarien und Rechtsproblemen intern zu einer gebührenden Berücksichtigung verhelfen können.
Ein prosperierendes Versicherungsunternehmen braucht im Gegenzug auch immer den Wagemut zu innovativen Produktkonzepten, die man noch nicht vollständig mit Daten abbilden kann. Das hat einen gewissen Investment-Charakter.
Den All-Finance-Eintopf, hochgelobte Spezialität der Milleniumswende, möchten wir allerdings nicht mehr serviert bekommen.

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