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04.04.2011

14:04 Uhr

Kampf um die Nyse

Die Zeit spielt für die Deutsche Börse

VonOliver Stock

Die Deutsche Börse setzt im Kampf um die Nyse Euronext auf Geduld. Sie wird vorerst nicht auf das Gegenangebot der Nasdaq reagieren. Richtig so - die deutsche Seite kann gelassen bleiben. Ein Kommentar von Oliver Stock.

"Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!" Der Schlachtruf der Fußballfans ertönt immer dann, wenn die deutsche Elf auf dem Rasen zurückliegt. Er kommt aus dem Bauch und soll nicht den Nationalismus, sondern die letzten Kräfte mobilisieren.

Könnte das auch die Losung sein, mit der Aktionäre die Deutsche Börse antreiben sollten, damit die im frisch entbrannten Übernahmekampf um die US-Börse Nyse einen frischen Vorstoß macht? Das Bauchgefühl spräche dafür, den Amerikanern zu zeigen, welche Kräfte in Frankfurt aus der Reserve gelockt werden können, um diese vielversprechende Börsenfusion zu retten. Die amerikanische Nasdaq will sie platzen lassen, indem sie sich selbst mit der Nyse vermählt, statt die Deutsche Börse in New York zum Zug kommen zu lassen.

Doch diese Übernahme ist kein Fußballspiel. So schade es aus Zuschauersicht auch ist: Emotionen sind fehl am Platz. Reto Francioni, Chef der Deutschen Börse, kann das Spiel bis auf weiteres laufen lassen. Denn es entwickelt sich von allein zu seinen Gunsten.

Er muss nur warten. Warten, bis beim neuen Konkurrenten, der Nasdaq, die Zweifel am eigenen Angebot lauter werden. Die Nasdaq-Offerte für die Nyse besteht etwa zu einem Drittel aus Cash, der Rest wird in eigenen Aktien bezahlt.

Zusammengenommen liegt das Angebot rund 19 Prozent höher als das aus Deutschland. Allerdings hat die chronisch verschuldete Nasdaq damit die Grenzen dessen erreicht, was ihre Investoren gerade noch zu geben bereit waren. Die Ratingagentur Moody's hat deswegen keine zwölf Stunden gebraucht, um die Aktie der Nasdaq auf ihre Beobachtungsliste zu hieven. Dahinter steckt die Befürchtung, dass es angesichts der Verschuldung der Nasdaq mit dem Aktienkurs nur abwärts gehen kann. Je stärker der Kurs sinkt, desto weniger ist allerdings auch das Gesamtangebot wert. Francioni kann darauf zählen.

Er kann auch in Ruhe zusehen, wie ein zweiter Brandsatz, den die Nasdaq in ihrem Angebot versteckt hat, einschlägt und seine verheerende Wirkung entfaltet: 740 Millionen Dollar Synergien sollen im Fall einer inneramerikanischen Fusion gehoben werden. Das steht im Gegensatz zu den bescheideneren Ankündigungen der deutschen Seite, die mit 440 Millionen Dollar rechnet.

Aus Aktionärssicht mag der höhere Synergieeffekt die Fantasie beflügeln. Aus Sicht der Mitarbeiter von Nyse und Nasdaq muss er aber erschrecken: Höhere Synergien bedeuten weniger Mitarbeiter, die nach der Fusion übrig bleiben. Das, was die Amerikaner untereinander planen, läuft auf eine Selbstamputation hinaus. Den ersten Kongressabgeordneten in Washington dämmert das bereits. John Conyers von den Demokraten ist einer von ihnen. Er hatte seinerzeit die Pläne des deutschen Konzerns als "völlig inakzeptabel" verurteilt. "Aber die neue Offerte ist noch schlimmer", sagt er jetzt.

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