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29.09.2011

20:03 Uhr

Kapitalaufstockung

Man muss die Banken zu ihrem Glück zwingen

VonTorsten Riecke

Europas Banken brauchen mehr Kapital. Nur so sind sie in der Lage, den überfälligen Schuldenschnitt der Staaten zu verkraften. Doch die wehren sich. Wenn es mit guten Worten nicht geht, muss man sie zwingen.

Die Frankfurter Skyline: Banken zu ihrem Glück zwingen. dpa

Die Frankfurter Skyline: Banken zu ihrem Glück zwingen.

Belehrungen aus dem hochverschuldeten Amerika sind in Europa im Moment nicht sonderlich beliebt. Dennoch können sich die Europäer vom großen Bruder zwei Dinge abschauen: Wer das Vertrauen in das Finanzsystem sichern will, muss mit den Banken beginnen.

Und: Man muss die Banken notfalls zu ihrer eigenen Rettung zwingen, sprich: sie zwangsweise mit so viel Kapital ausstatten, dass selbst ein Schuldenschnitt der am stärksten gefährdeten Euro-Länder die Finanzhäuser nicht zusammenbrechen lässt.

Europas Regierungen sollten deshalb die Vertreter der wichtigsten Banken nach Brüssel einladen, in einen Raum sperren und sie per Unterschrift zu einer Rekapitalisierung verdonnern. Genau so hat es der frühere US-Finanzminister Hank Paulson im Oktober 2008 mit den großen Banken der Wall Street gemacht. Das mag wie eine Nötigung erscheinen. Zumal man den Bankern klarmachen müsste, dass sich ihre Position deutlich verschlechtern würde, sollten sie das Angebot jetzt ausschlagen und später doch wieder auf staatliche Hilfe angewiesen sein.

Die Köpfe der Finanzkrise

Das Lehman-Desaster

Im Bankgeschäft geht es um mehr als Bilanzen und Zahlen. Beziehungen spielen an der Wall Street eine große Rolle. Das gilt nicht nur für das Verhältnis der Manager untereinander, sondern auch zur Politik. Die wichtigsten Spieler der Lehman-Pleite im Überblick.

Richard „Dick“ Fuld

Fuld war der mit Abstand dienstälteste CEO einer Großbank. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, führte er Lehman Brothers in den Abgrund. Er führte die Investmentbankvon 1994 bis zum 15. September 2008. Sein Spitzname lautet „Gorilla“. Er hatte sogar einen Plüsch-Affen in seinem Büro stehen.

Henry „Hank“ Paulson

Paulson war zur Zeit der Lehman-Pleite Finanzminister der USA. Ihn verband mit Fuld eine innige Feindschaft. Zuvor war Paulson unter anderem Chef des großem Lehman-Konkurrenten Goldman Sachs.

Timothy Geithner

Als Lehman Insolvenz anmelden musste, war Geithner Präsident der New Yorker Fed, hatte also auch schon damals eine wichtige Position. Legendär sind die Berichte, dass Geithner an dem entscheidenden Wochenende stundenlang nicht zu erreichen war. Heute ist er Finanzminister der USA.

Lloyd Blankfein

Er hat auch die Finanzkrise überlebt. Seit 2004 ist Blankfein Chef von Goldman Sachs und hat dafür gesorgt, dass die Investmentbank auch in schlimmsten Zeiten vergleichsweise gute Zahlen vorweisen konnte. Unvergessen sein Zitat aus dem Jahr 2009, dass er „Gottes Arbeit“ verrichte.

James Dimon

Auch „Jamie“ Dimon ist immer noch in Amt und würden. Der Chef von JP Morgan Chase darf sich noch mehr als Lloyd Blankfein als Krisengewinnler bezeichnen, denn sein Haus liefert üppige Gewinne. Dimon ist nicht nur CEO, sondern auch Chairman von JP Morgan.

John Thain

Der Mann mit dem superteuren Büro: Thain war von Dezember 2007 bis Januar 2009 CEO der Investmentbank Merill Lynch. Nach seinem Rücktritt sorgte er mit einer hohen Abfindung für Aufsehen. Er ließ sich mitten in der Finanzkrise für sehr viel Geld sein Büro ausstatten. Vorher war Thain Chef der Nyse und Präsident von Goldman Sachs.

Jimmy Cayne

Auch Jimmy Cayne ist eine Legende der Finanzkrise: Er kam 1969 zu Bear Stearns und wurde 1993 CEO. Zudem war Cayne Großaktionär der Bank und ein professioneller Bridge-Spieler. Das wurde ihm 2007 zum Verhängnis, als er sich während der Hedgefonds-Krise tagelang bei einem Bridge-Turnier aufhielt. Im Dezember 2007 erlitt die Firma den ersten Quartalsverlust ihrer Geschichte und wurde später von JP Morgan Chase aufgekauft. Im Januar 2008 musste Cayne zurücktreten und das Amt des CEO Alan D. Schwartz überlassen.

Charles “Chuck” Prince

Charles Prince war eines der ersten Opfer der Finanzkrise. Er musste seinen Posten als Chef der Citigroup bereits im November 2007 aufgeben. Prince hatte das Amt seiner Zeit vom Großen Sandy Weill übernommen.

Vikram Pandit

Gerade zu Beginn der Finanzkrise wurde Vikram Pandit CEO der Citigroup. Der gebürtige Inder leitet seit November 2007 die Geschicke der Bank und hat sie wieder in einigermaßen ruhiges Fahrwasser geführt.

Ken Lewis

Lewis war während der Finanzkrise Chef der Bank of America und musste 2010 zurücktreten. Für ihn rückte Brian Moynihan an die Spitze des gemessen am Vermögen größten Geldhauses der USA. Probleme hat ihm Lewis genug hinterlassen. Keine andere Bank gilt als so insolvenzgefährdet wie die Bofa.

Maurice Greenberg

2005 trat Greenberg als CEO des Versicherers AIG zurück, behielt die Fäden aber auch in Zeiten der Finanzkrise in der Hand.

Doch die Zeit ist längst abgelaufen, da man die Banker mit Samthandschuhen anfassen kann, damit sie ihre Häuser in Ordnung bringen. Zumal immer klarer wird, dass der freiwillige Beitrag der Finanzinstitute zur Rettung Griechenlands nicht reichen wird. Statt des versprochenen Nachlasses von 21 Prozent sind längst Schuldenschnitte von 50 Prozent und mehr im Gespräch. Das würde jedoch gefährliche Löcher in die Kapitalpolster vieler europäischer Banken reißen.
Wie groß die Löcher dann sein werden, darüber wird immer noch gestritten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat den Kapitalbedarf auf mindestens 200 Milliarden Euro geschätzt und damit zunächst eine Welle der Empörung bei Europas Finanzelite ausgelöst. Inzwischen schätzt selbst die Deutsche Bank die Sicherheitslücke auf bis zu 200 Milliarden Euro, sollten die Banken alle Anleihen aus den verschuldeten Randstaaten zu ihrem Marktpreis bewerten.

Mit privaten Mitteln lässt sich dieser Kapitalbedarf nicht mehr decken. Dazu ist das Vertrauen der Investoren in die Banken durch die Schuldenkrise zu stark beschädigt. Die Folge ist, dass es schon seit Monaten kaum noch größere Anleihenplatzierungen europäischer Finanzhäuser auf den Kapitalmärkten gibt. Von Kapitalerhöhungen ganz zu schweigen.

Und die als Allheilmittel ins Spiel gebrachten Wandelanleihen, kurz Cocos genannt, haben ihre Wirkung am Markt noch nicht entfaltet. Auch Staatsfonds aus Asien sind vorsichtiger geworden und werden nicht wie 2008 wieder in die Bresche springen. Und Warren Buffett steckt sein Geld allenfalls noch in die Bank of America.

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