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07.04.2011

13:19 Uhr

Kapitalverkehrskontrollen

Der IWF gefährdet die Weltwirtschaft

VonTorsten Riecke

Der Internationale Währungsfonds spricht sich neuerdings für Kapitalverkehrskontrollen aus. Dieser Pragmatismus ist richtig, birgt aber auch erhebliche Gefahren für die Weltwirtschaft.

In bewegten Zeiten wird selbst Revolutionäres beiläufig. Wenn sich die Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds (IWF) nächste Woche in Washington zu ihrem Frühlingstreffen zusammenfinden, werden sie etwas abhaken, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war: Der Fonds befürwortet jetzt nicht nur Kapitalverkehrskontrollen unter bestimmten Voraussetzungen. Er liefert auch gleich eine Gebrauchsanweisung mit. Was unter dem früheren marktliberalen "Washingtoner Konsens" noch tabu war, wird dadurch zum Alltagswerkzeug. Der Paradigmenwechsel ist richtig, birgt aber erhebliche Gefahren.

Dass die geistige Wende des Fonds kaum mehr für Aufregung sorgt, hat einen einfachen Grund: Der IWF passt sein Denken lediglich einer Wirklichkeit an, die ihn längst überholt hat. Fast 40 Schwellenländer von Brasilien über China bis zur Türkei versuchen derzeit, hohe Zuflüsse von Spekulationsgeldern (hot money) durch Steuern, Zinsveränderungen oder andere staatliche Maßnahmen abzuwehren.

Die Empfängerländer befürchten, dass der Kapitalzufluss bei ihnen zu Hause zu Spekulationsblasen führt und die ausländischen Investoren bei ersten Krisensymptomen das Land wieder fluchtartig verlassen könnten. Solche Marktexzesse gibt es zum Beispiel auf dem chinesischen Immobilienmarkt. Im Falle der Türkei, Südafrikas und Brasiliens machen die Nettozuflüsse bereits mehr als sechs Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts aus. Ein Klimawechsel bei den Investoren hätte also gravierende realwirtschaftliche Folgen.

Über die Frage, warum die Kapitalströme in die Schwellenländer so stark angeschwollen sind, streiten sich die Experten. Die Mehrzahl der Ökonomen sieht die Hauptursache in dem Wachstumsvorsprung der Empfängerländer gegenüber den hinterherhinkenden Industrienationen. Die Schwellenländer selbst machen dagegen vor allem die lockere Zinspolitik der USA dafür verantwortlich. Während die amerikanische Federal Reserve noch immer an ihrer Nullzinspolitik festhält, hat die Zentralbank in Brasilien den Leitzins vor kurzem auf 11,75 Prozent erhöht.

Das ist geradezu eine Einladung an Spekulanten, mit sogenannten "Carry Trades" schnelles Geld zu verdienen. Finanzmittel werden in den USA zu günstigen Zinsen aufgenommen und zu hohen Renditen in Brasilien angelegt. Die Wahrheit bei der "Schuldfrage" dürfte in der Mitte liegen. Damit es zu derart großen Kapitalbewegungen kommen kann, müssen die Bedingungen auf beiden Seiten günstig sein.

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