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23.11.2011

20:55 Uhr

Kommentar

Wie die Banken sich schön rechnen

VonFrank Wiebe

Die Kernkapitalquoten der Banken sind niedriger, als sie aussehen. Müssten die Institute Bilanzen wie in jeder anderen Branche vorzeigen, bekämen viele keinen Kredit mehr.

Ein Schild mit den Aufschriften "Bankfurt" und "demokratischer Sektor" bei einer Kundgebung der Partei "Die Linke" vor der Alten Oper in Frankfurt. dapd

Ein Schild mit den Aufschriften "Bankfurt" und "demokratischer Sektor" bei einer Kundgebung der Partei "Die Linke" vor der Alten Oper in Frankfurt.

DüsseldorfWenn ich in eine Bank gehe und nach einem Kredit frage, will die Bank Sicherheiten sehen. Wenn ich dann mit einer Eigenkapitalquote von 2,6 Prozent daher komme, muss das Geschäft schon ziemlich gut sein, damit die Bank mich mit meinem Kreditwunsch nicht freundlich hinauskomplimentiert.

Die Deutsche Bank hat laut Geschäftsbericht für das vergangene Jahr eine Eigenkapitalquote von 2,6 Prozent. Die Commerzbank kommt auf 3,8 Prozent aus. Kleine Institute sind oft besser ausgestattet: Bei der Volksbank Düsseldorf Neuss etwa sind es rund fünf Prozent, bei der Kreissparkasse Köln noch etwas mehr.

Frank Wiebe

Der Autor

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Korrespondent in New York.

Angesichts solch niedriger Prozentzahlen ist es schon merkwürdig, wenn die Banken glauben, sie sind für alle Krisen, auch für einen Bruch der Euro-Zone, ausreichend gerüstet. Die Banken selber rechnen in der Regel freilich mit anderen Kennziffern, die deutlich besser aussehen. Sie berechnen ihre Quote mit "Tier 1", auf Deutsch ist das das Kernkapital. Und dann gibt es noch "Core Tier 1", das müsste man eigentlich mit Kernkernkapital übersetzen, weil es etwas enger definiert ist. Bei diesen Kennziffern werden einige Teile des Vermögens nur zu Bruchteilen oder gar nicht eingerechnet, weil sie als wenig risikoreich oder risikolos gelten. Als risikolos gelten zum Beispiel Staatsanleihen - eine mutige Einschätzung, wie wir immer deutlicher sehen! Diese Kennziffern sind es auch, mit denen Finanzaufseher und die Experten des Baseler Financial Stability Boards rechnen, die neue Normen für die Kapitalausstattung von Banken erarbeiten.

Diese Ziffern sind aber nicht Bestandteil der offiziellen Bilanz, unter die die Wirtschaftsprüfer ihre Unterschrift setzen. Und hier liegt das Problem: Die Zahlen, die in der Praxis zählen, und die offiziellen Jahresabschlüsse haben immer weniger miteinander zu tun. Das Phänomen gibt es nicht nur bei Banken, sondern auch in anderen Branchen, wo Konzerne mit Gewinnen wie Ebit,Ebita oder Ebitda jonglieren - ohne Verankerung in der offiziell veröffentlichten Gewinn- und Verlustrechnung und immer auf der Suche nach einer Chance, möglichst gut auszusehen. Aber bei den Bankbilanzen geht es nicht nur um Gewinne und Aktionäre. Hier steht die Stabilität des gesamten Finanzsystems auf dem Spiel - und damit auch der "realen" Wirtschaft, die ganz ohne Banken ja auch ganz real auf dem Schlauch steht.

Daraus folgt für die Europäische Bankenaufsicht, die sich dieser sache gerade mal wieder annimmt, zweierlei. Erstens: Die Banken sollten ihr Kapital ruhig noch deutlicher aufstocken, auch wenn das die Rendite schmälert. Dabei wäre es schon ein Fortschritt, wenn die großen Institute wenigstens auf die Quoten ihrer kleinen Konkurrenten kämen. Und zweitens: Es wäre schon hilfreich, das Kennzahlengewirr zu lichten, das nach außen kommuniziert wird. Schließlich wollen in Krisenzeiten nicht nur Aktionäre, sondern auch Politiker und Steuerzahler verstehen, wie es ihren Banken geht.

Kommentare (16)

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Pequod

23.11.2011, 21:26 Uhr

Woher wollen eigentlich die Banken das Geld zur Auf-
stockung nehmen, wenn sie sich nicht einmal mehr selbst
untereinander trauen? Tritt da etwa wieder Merkel & Co.
zu Lasten der BRD Steuerzahler in Aktion, damit man auch
nicht auf die Boni zu verzichten braucht? Das wäre
allerdings hart wenn das nicht mehr funktionieren würde!!

Ahnungsloser

23.11.2011, 21:48 Uhr

Mit ein wenig mehr Recherche würde man auch darauf kommen, dass die Banken im Rahmen der Offenlegung (sog. Säule 3) verpflichtet sind, exakt diese Kennzahlen zu veröffentlichen. Der geneigte Leser muss sich nur die Mühe machen...

HaraldPflueger

23.11.2011, 21:59 Uhr

Gut dargestellt. Kleiner Schönheitsfehler: Es fehlt der Hinweis darauf, dass staatliche Bankenaufseher es waren, die den seriösen und konservativen Geldanlegern signalisierten, Staatsanleihen seien 100% sicher und dafür müsse man keine Eigenkapitalposition zur Sicherheit halten. Jetzt, da sich die Staatsschuldenkrisen überall zuspitzen, Staatsanleihen zu Schrottpapieren herabqualifiziert werden, greifen ausgerechnet die Politiker zum Mittel des dialektischen Frontalangriffs. Sie fordern ganz frech, die Banken mögen sich eben wappnen für Ausfälle von Staatanleihen. Obwohl es gerade Landesbanken, also Banken in staatlicher Gewährsträgerschaft und Banken mit Staatsbeteiligung sind, die die größten Geldsorgen plagen, rufen die größten Polit-Populisten sogar nach der Verstaatlichung der Banken. DA wird dann der Finanzbrand mit Benzin gelöscht. Guten Morgen, Deutschland!

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