Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.01.2010

10:00 Uhr

Kriminalität

Fahnder verzweifelt gesucht

VonSonia Shinde

Überlastete Staatsanwälte und fehlendes Fachwissen: Bei der Strafverfolgung mangelt es derzeit an allen Ecken und Enden. Jetzt wo Staatsanwälte gegen eine Reihe von Managern ermitteln, zeigt sich das Problem besonders deutlich. Es gibt zu wenige Ermittler - eine echte Gefahr für die Verfahren.

Razzia bei einer LBBW-Tochter im Dezember. Quelle: dpa

Razzia bei einer LBBW-Tochter im Dezember.

FRANKFURT. Kaum ein Bankmanager muss sich für die Folgen der Finanzkrise verantworten, befürchten Strafrechtsexperten. Die Staatsanwälte seien überlastet, bei den Strafverfolgern von Polizei und Anklägern fehle häufig das Finanzfachwissen, zudem kämpften sie mit hoher Fluktuation. Im schlimmsten Fall gehe es aus wie das Hornerberger Schießen, heißt es bei einigen Ermittlern.

"Das sind extrem umfangreiche und komplexe Verfahren und die Anzahl fachkundiger Staatsanwälte bei den Schwerpunktstaatsanwaltschaften ist sehr begrenzt", sagt Gerhard Dannecker, Leiter des Lehrstuhls für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Heidelberg.

"Prinzipiell wäre es sinnvoll, die Verfolgung von Finanzstraftaten bundesweit in einer Art Task Force zu bündeln, um dem Abfluss von Wissen zu begegnen", sagt Christian Schröder, Strafrechtsprofessor an der Universität Halle, der zum Thema Strafrecht und Finanzkrise forscht und Staatsanwälte fit macht für die Verfolgung von Finanzdelikten.

Auch eine frühe Spezialisierung der Strafverfolger sei geboten, sagt Schröder. "Derzeit ermitteln sie heute bei Mord und Totschlag, morgen klagen sie den betrunkenen Autofahrer an und übermorgen den Bankvorstand wegen riskanter Geschäfte", moniert er.

Außerdem sei der Arbeitsanfall bei solchen Verfahren enorm, "da wollen viele Staatsanwälte ganz schnell wieder weg", sagt der Heidelberger Professor Dannecker. In der Tat: Allein die Strafverfolger in Stuttgart wühlen sich in diesen Tagen durch etwa 1500 Aktenordner und rund 680 Gigabyte Computerdaten, um herauszufinden ob Bankmanager Schuld an der Schieflage der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) haben. Die größte deutsche Landesbank hat Schätzungen zufolge im vergangenen Jahr ein Minus von rund zwei Mrd. Euro eingefahren, nach 2,1 Mrd. Euro im Jahr zuvor. Damals mussten das Land, die Sparkassen und die Stadt Stuttgart dem Institut mit einer Kapitalspritze von fünf Mrd. Euro unter die Arme gegriffen. Außerdem gaben sie Garantien für riskante Wertpapiere in Höhe von 12,7 Mrd. Euro.

Hohe Fluktuation in der Staatsanwaltschaft

Sieben ehemalige und amtierende LBBW-Vorstände sollen nach den Vorwürfen der Strafverfolger noch im Jahr 2006 dreistellige Millionenbeträge in hochriskante US-Hypothekenanleihen investiert haben - kurz vor dem Zusammenbruch des Marktes.

Den Stuttgarter Oberstaatsanwalt Hans Richter quält bei den Ermittlungen aber nicht nur die schiere Masse des Materials: "Wir haben eine irrsinnige Fluktuation", klagt er. Häufig kämen Berufsanfänger zu ihm, die spätestens nach zwei Jahren woanders hin wechselten. "Da geht jedes Mal sehr viel Know-how verloren."

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

WPITZ

31.01.2010, 11:32 Uhr

Was für ein irrsinn!! Seit Regierungsgenerationen, egal welche Partei am Knopf saß, haben Finanzbetrüger jeglicher Art in Deutschland sozusagen Narrenfreiheit weil ihnen von der Justiz aufgrund galaktischem Knowhowdefizit kaum Gefahr droht. Ein weiteres beispiel wie wenig sich unsere Parteien und Politiker um des Volkes Wohl schert.
Ausreichend hochqualifizierte Fahnder bilden wohl auch kein Wählerpotential.

Tasse im Schrank

31.01.2010, 12:13 Uhr

Dass die Justiz bei der Verfolgung von Straftaten im Umfeld banken, Politik, Großkonzernen und öffentlicher Verwaltung zahnlos bleibt, ist doch politisch gewollt. Oder?

Leertasche

31.01.2010, 13:35 Uhr

Mache den genannten beiden Staatsanwälten beim nächsten Kirchenbesuch jeweils eine Kerze an! bleiben Sie aufrecht und lassen Sie sich nicht unterkriegen. - Denken Sie doch wie ich: Es sind korrupte Zeiten, die nicht folgenlos an betroffene vorübergehen. Den Willen zu Verhandlungen mit betroffenen schreiben Sie mal lieber klein, ganz klein. Eingedenk ihrer Kollegin aus Wuppertal, die sich jetzt in Köln wiederfindet.
Unter den beschriebenen Umständen braucht man in berlin auch keine 2,5 Mio. € für bankdaten aus der Schweiz ausgeben. Da fehlen die Fachleute ja dann auch. What a pitty!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×