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16.07.2011

12:36 Uhr

Krisenszenario

Banken-Experte kritisiert Stresstest-Anforderungen

Alle deutschen Banken haben den Stresstest der europäischen Bankenaufsicht bestanden. Doch Experten bemängeln die Kriterien des Krisenszenarios. Die Kapitalanforderungen seien ein Angriff auf deutsche Landesbanken.

Blick auf die Bankentürme von Frankfurt am Main: Die Europäische Bankenaufsicht steht für die Praxis des Stresstests in der Kritik. Quelle: dpa

Blick auf die Bankentürme von Frankfurt am Main: Die Europäische Bankenaufsicht steht für die Praxis des Stresstests in der Kritik.

Berlin/ Frankfurt, MainNach Einschätzung des Banken-Experten Hans-Peter Burghof hat der jüngste Krisentest nur begrenzte Aussagekraft. „Krisen haben immer viele Dimensionen. Ein solcher Test bildet nur ein mögliches Szenario ab - und es ist extrem manipulierbar, welches Szenario das ist“, sagte Burghof.

Im Schnitt kamen die deutschen Teilnehmer im Krisenszenario - Einbruch von Wirtschaft und Aktienmärkten, höhere Zinsen für frisches Geld - auf eine harte Kernkapitalquote von 7,5 Prozent. Die europäische Bankenaufsicht EBA hatte mindestens 5,0 Prozent gefordert. Acht Institute rasselten durch: fünf aus Spanien, zwei aus Griechenland und eins aus Österreich. 16 weitere Banken erfüllten die Anforderungen bei dem umstrittenen Härtetest nur knapp, darunter die NordLB und die HSH Nordbank.

Burghof bemängelt den Umgang der Aufseher mit der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): Das Frankfurter Institut wäre nach EBA-Kriterien durchgefallen, weil bestimmte Kapitalpositionen überraschend doch nicht als hartes Kernkapital für Krisenzeiten anerkannt wurden.

„Das ist eine bürokratische Albernheit, wenn man jetzt sagt: Die Helaba ist ein unsolides Institut, nur weil sie die eine oder andere Unterlage vielleicht nicht rechtzeitig geliefert hat.“ Der Bankenexperte urteilte: „Man kann dahinter einen Angriff auf die Landesbanken vermuten oder aber es ist schlicht bürokratische Sturheit. Beides ist kein gutes Signal.“

Insgesamt sei es bei dem Test nur vordergründig um mehr Transparenz gegangen, meinte Burghof: „Ziel ist, bei bestimmten Instituten strukturell einzugreifen.“ Im Visier der Behörden: Vor allem spanische Sparkassen und deutsche Landesbanken.

Nach der Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse hat auch DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki die Praxis der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), Stille Einlagen nicht als hartes Kernkapital anzuerkennen, als ideologisch motiviert beschrieben. „Erneut wird von europäischer Ebene Druck auf den öffentlichen Bankensektor in Deutschland gemacht. Schließlich versuchen marktradikale Kräfte in der Europäischen Kommission schon lange, die ungeliebte staatliche Konkurrenz der Privatbanken loszuwerden“, sagte Matecki am Samstag in Berlin.

Dass die EBA den Landesbanken „weder eine angemessene Frist zur Verkleinerung ihres Bestands an Stillen Einlagen gewährt, noch die entsprechenden Maßnahmen des Landes Hessens berücksichtigt habe, zeige um was es wirklich gehe, erklärte Matecki. Der EBA sei von Anfang an klar gewesen, dass insbesondere deutsche Landesbanken über einen hohen Anteil an Stillen Einlagen verfügten.

Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) hatte der EBA untersagt, ihre Stresstest-Ergebnisse offen zu legen. Die Praxis, bei der Kernkapitalquote Stille Einlagen der Länder nicht anzuerkennen, kritisierte das Institut scharf. Die anderen zwölf untersuchten Banken aus Deutschland bestanden den Test.

Auch die Anlage des Tests habe Mängel, befand Burghof. „Ein Schuldenschnitt im Falle Griechenlands ist ja kein ganz unwahrscheinliches Ereignis mehr. Insofern hätte man das in dem Test berücksichtigen sollen“, sagte der Professor der Universität Hohenheim. „Wenn es jetzt zu einem Crash bei den Staatsfinanzen kommt, dürften einige Banken erhebliche Probleme bekommen und nicht mehr so viel Kapital haben, wie sie gerne hätten.“

 

 

 

 

 

Kommentare (1)

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Querdenker

16.07.2011, 12:54 Uhr

Noch ein Stück näher am Abgrund der EU. Es sind wohl nur noch Dilettanten in den speziellen Gremien die über unser Wohl und Wehe befinden. Experten lässt man da sehr gerne außen vor. Die könnten ihnen ja den Posten streitig machen. Und bei solchen hohen Gehältern kämpft der Dilettantismus um jeden Zentimeter.

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