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24.06.2011

11:27 Uhr

Landesbank-Konzept

Der Umgang mit der WestLB ist ein Armutszeugnis für Deutschland

VonFrank Matthias Drost

Das Konzept für die WestLB steht - für viele Mitarbeiter ist es ein Ende mit Schrecken. In diesem Fall muss man der EU höchst dankbar sein, denn ohne ihren Druck hätte das Siechtum noch länger gedauert.

Mehr als nur Müll: Die WestLB hat eine Zukunft - aber nur ein kleiner Teil. Quelle: dpa

Mehr als nur Müll: Die WestLB hat eine Zukunft - aber nur ein kleiner Teil.

Danke, Herr Almunia. Ohne den permanenten Druck des EU-Wettbewerbskommissars wäre den WestLB-Eignern bestimmt wieder etwas eingefallen, was das Siechtum der WestLB nur verlängert hätte. Jetzt haben sich die Protagonisten einschließlich des Bundes auf einen Umbauplan verständigt, der die Auflösung der WestLB vorsieht.

Das wird wieder Geld kosten, aber dieses Mal ist es gut investiert. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Diese Bank hat Milliarden verschlungen und hat es dennoch nicht vermocht, ein nachhaltiges Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Die WestLB ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie eine Bank erst in den Dienst der Politik gestellt wurde und sich dann in der Geschäftspolitik vergaloppierte – und immer wieder gestützt werden musste. Die einzige Konstante schien manchmal der Wechsel an der Spitze des Vorstandes zu sein.

WestLB: Von der „Hülfskasse“ zur Zerschlagung

Die Westdeutsche Landesbank hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Das Institut geht zurück auf die Gründung der „Westfälischen Provinzial Hülfskasse“ vor 179 Jahren und deren Pendant im Rheinland.

1832

Die Westfälische Provinzial-Hülfskasse nimmt in Münster ihre Tätigkeit auf. Gut 20 Jahre danach startet ihr Pendant im Rheinland

1954

Das Land NRW wird Anteilseigner beider Landesbanken

1969

Aus der Fusion beider Landesbanken entsteht die Westdeutsche Landesbank Girozentrale (WestLB)

1973

Durch Devisenspekulationen verzockt die WestLB fast ihren gesamten Jahresgewinn.

1981

Friedel Neuber wird Bankchef und leitet über zwei Jahrzehnte die Geschicke des Bankkonzerns. Unter seiner Führung wird die WestLB zu einem der einflussreichsten Kreditinstitute in Deutschland und zu einem Instrument der Industriepolitik für die NRW-Regierung

1998

Die Rubelkrise und der Zusammenbruch des russischen Anleihemarkts brockt der WestLB einen Milliardenverlust ein.

1999

Die WestLB soll an das Land auf Geheiß der EU eine illegale Beihilfe über 808 Millionen Euro zurückzahlen. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgt.

2002

Die WestLB wird auf EU-Druck aufgespalten in die WestLB AG für kommerzielle Geschäfte und die NRW.Bank für das Fördergeschäft

2003

Die WestLB erlebt mit Fehlinvestitionen unter anderem beim britischen Fernsehverleiher Boxclever ein Fiasko. Die Bank verbucht Milliardenverluste

2004

Wegen unerlaubter Beihilfen des Landes NRW muss die WestLB auf Druck der EU 1,4 Milliarden Euro zurückzahlen. Bei der WestLB entsteht ein Verlust von 1,2 Milliarden.

2005

Am 19. Juli beginnt für die Landesbanken eine neue Ära: Die Staatsgarantien fallen weg. Nach einer Kapitalerhöhung sind die beiden Sparkassenverbände im Rheinland und Westfalen mit insgesamt 51 Prozent Mehrheitseigentümer der WestLB

2007

Händler der WestLB setzen 600 Millionen Euro in den Sand. Chef Thomas Fischer tritt zurück. Nachfolger wird Alexander Stuhlmann von der HSH Nordbank. Die EU gibt grünes Licht für eine staatliche Kapitalspritze über 6,2
Milliarden Euro, die die Bank zur Aufspaltung in die NRW-Bank und die WestLB braucht.

2008

In einer Rettungsaktion geben die Eigentümer fünf Milliarden Euro Garantien für faule Papiere

2009

Harte EU-Auflagen: Die WestLB muss um die Hälfte verkleinert werden und bis Ende 2011 mehrheitlich in neue Hände kommen

2010

Der Bund steigt in die WestLB mit einer Kapitalspritze von drei Milliarden Euro ein. Damit wird die Auslagerung von risikoreichen und nicht mehr zum Kerngeschäft gehörenden Papieren in eine „Bad Bank“ möglich.

2011

Bund, Land und Sparkassen beschließen das Konzept für die Zerschlagung der WestLB. Die EU-Kommission besiegelt das Ende.

2012

Nach zähen Verhandlungen wird die Bank zum Stichtag 30. Juni zerlegt: Das Sparkassengeschäft fließt ins Schwesterinstitut Helaba. Nicht verkäufliche Geschäfte werden in die „Bad Bank“ verschoben. Die restliche WestLB wird zur Servicegesellschaft „Portigon“ umgewandelt.

Management, Aufsichtsrat und die Politik haben bei der WestLB kläglich versagt. So scheiterten Gespräche über eine Fusion von WestLB mit anderen Landesbanken an Standortfragen – der ehemalige CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers wird sich erinnern. Blamiert hat sich auch der Bund, der zwar mit drei Milliarden Euro in die Landesbank einstieg und endlich ein Faustpfand in den Händen hielt, um die Geschicke der Landesbank in seinem Sinn zu beeinflussen. Davon hat man nichts gemerkt, der Einstieg scheint an keine Auflagen geknüpft gewesen zu sein.

Es ist schon ein Armutszeugnis für Deutschland, dass keiner den Mumm hatte, die Reißleine zu ziehen. Letztlich musste die EU-Kommission die Geschicke der WestLB in die Hände nehmen, um den Beihilfenstrom zu stoppen und den Steuerzahler zu schonen. Aber wie gut, dass es passiert ist.

Kommentare (11)

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JID

24.06.2011, 14:22 Uhr

Mit Schrecken muss ich als WestLB Mitarbeiterin mal wieder eine Ihrer Schlagzeilen lesen.Das Handelsblatt prügelt wie so oft auf der WestLB und deren Mitarbeitern herum.Ich finde das erschreckend wie hier mit Menschen umgegangen wird.Viele WestLB Mitarbeiter arbeiten schon seit Jahr und Tag für diese Bank und haben sich mehr als bezahlt gemacht.Ihre reißerischen Artikel sind ein Schlag ins Gesicht von jedem Mitarbeiter der Bank,der auch jetzt noch täglich seinen Kopf für die Bank hinhält.
Was die Zerschlagung für den Steuerzahler bedeutet ist auch fraglich.Wer hat denn bitte schön schon mal eine Lamdesbank zerschlagen und weiß sämtliche Risiken einer Zerschlagung abzuschätzen?Wissen Sie das?Ich vermute mal nicht.Ausserdem hilft es dem Steuerzahler wohl auch wenig wenn 3400 Mitarbeitet,die jetzt noch in Lohn und Brot stehen arbeitslos werden.Ganz zu schweigen von den Konsequenzen,die eine Bankschliessung für die umliegenden Geschäfte und Infrastruktur in Düsseldorf bedeutet.
Fazit:Dieser Artikel des Handelsblattes ist mal wieder an Unqualifiziertheit nicht zu übertreffen.
MfG,J.I.D.

Buerge-r

24.06.2011, 15:07 Uhr

"Letztlich musste die EU-Kommission die Geschicke der WestLB in die Hände nehmen, um den Beihilfenstrom zu stoppen und den Steuerzahler zu schonen. Aber wie gut, dass es passiert ist."

Wenn die EU nur bei Griechenland genauso konsequent wäre! Dass es für die Betroffenen nicht schön ist (s. Beitrag von JID) und sie es auch persönlich nehmen, ist verständlich, darf aber nicht den Blick für das Notwendige verstellen. Der Finanzsektor ist überdehnt und generiert Instabilität weil kein ausreichendes realwirtschaftliches Geschäftsmodell vorhanden ist. Besonders die Landesbanken haben mit dem Wegfall der Gewährträgerhaftung vor ein paar Jahren ihr Geschäftsmodell verloren und sind deshlab anfällig für "windige Geschäfte" die ihnen (und indirekt dem Steuerzahler) nun zum Verhängnis werden geworden.

witau

24.06.2011, 15:40 Uhr

Die Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Kreditwesens ist schon lange Ziel des Privatbankensektors in Deutschland. Nun sind sie diesem Ziel ein Stück näher gekommen. Und der Steuerzahler läßt sich die Zerschlagung "seiner" Banken noch zusätzlich einiges kosten. Wenn die Kunden später 950,-- Pfund für ihr Konto jährlich zahlen müssen wie in GB und 50 km zum nächsten Beratungsgespräch unterwegs sind, haben die Privatbanken endlich ihr Ziel erreicht. Höchstselbst haben sie ihre faulen Papiere an die IKB und an die HRE weitergeleitet. Dass das Handelsblatt sich interessengeleitet hier zum Kofferträger macht ist bedauerlich, muss aber auch nicht verwundern!

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