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30.06.2012

12:19 Uhr

Landesbanken

„Überkommene Strukturen werden einzementiert“

Nicht nur für den letzten WestLB-Chef Voigtländer ist die Zerschlagung der Bank kein großer Wurf. Auch Experten sehen keine bedeutende Veränderung der problembehafteten Landschaft der Landesbanken.

Auch die verbliebenen Landesbanken haben Problemberge angehäuft. ap

Auch die verbliebenen Landesbanken haben Problemberge angehäuft.

Frankfurt/DüsseldorfDie Finanzmarktkrise und Brüssel haben geschafft, was Landespolitiker und Banker seit Jahrzehnten verhindern: Die Zahl der deutschen Landesbanken sinkt. Mit der Zerschlagung der WestLB ist Nordrhein-Westfalen das erste große Bundesland ohne eigene Landesbank. Mit dem Düsseldorfer Bankkonzern verschwindet erstmals seit Ausbruch der Krise in Deutschland vor fünf Jahren eine Großbank vom Markt. Die Steuerzahler und die Sparkassen müssen bei dem Abriss Milliardenlasten schultern. In anderen Bundesländern heißt das Motto Umbau statt Zerschlagung.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass der Landesbankensektor in der jetzigen Aufstellung langfristig nicht überlebensfähig ist“, sagte der letzte WestLB-Chef Dietrich Voigtländer der „Wirtschaftswoche“. Um Kapazitäten abzubauen, seien Fusionen am sinnvollsten, auch wenn sie leider schmerzhaften Personalabbau bedeuteten. „Bis heute werden überkommene Strukturen einzementiert, und regionale Interessen bleiben im Vordergrund“, kritisierte Voigtländer. Die WestLB wird heute zerschlagen.

So wurde die WestLB zerschlagen

Zerschlagung

Die WestLB ist seit dem 30. Juni 2012 Geschichte. Das Geldhaus, das auf die 1832 in Münster gegründete Westfälische Provinzial-Hülfskasse zurückgeht, wurde in drei Teile zerschlagen.

Verbundbank I

Sie umfasst das Sparkassengeschäft der WestLB - und wurde von der Frankfurter Helaba übernommen. 451 Mitarbeiter der WestLB wechselten dabei den Arbeitgeber. Die Helaba übernahm nach langem Poker mit den WestLB-Eignern - dem Land NRW und den beiden örtlichen Sparkassenverbänden - sowie der bundesweiten Sparkassenorganisation Geschäfte mit einer Bilanzsumme von rund 40 Milliarden Euro.

Verbundbank II

Eine Milliarde Euro erhielt die Verbundbank als Mitgift – die beiden NRW-Sparkassenverbände polsterten die Kapitaldecke der Verbundbank mit 500 Millionen Euro auf, weitere 500 Millionen Euro steuerten die Sicherungseinrichtungen der Sparkassen-Finanzgruppe bei. Diese wurden im Gegenzug an der Helaba beteiligt. Die vor allem in Hessen und Thüringen aktive Helaba konnte damit nach Nordrhein-Westfalen expandieren.

Erste Abwicklungsanstalt I

Die EAA ist die Bad Bank der WestLB - sie soll bis voraussichtlich 2027 die unverkäuflichen Überbleibsel der Bank abwickeln. Die Resterampe der Landesbank wurde im Dezember 2009 aus der Taufe gehoben. Die beiden Vorstände Markus Bolder und Matthias Wargers begannen danach, Käufer für Risikopapiere und Geschäftsbereiche der WestLB mit einem Volumen von rund 77,5 Milliarden Euro zu suchen. Mitte 2012 standen davon noch rund 45 Milliarden Euro in den Büchern der EAA.

Erste Abwicklungsanstalt II

Auf Bolder und Wargers kommt nun aber neue Arbeit zu: Portfolios mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Euro, darunter auch der Immobilien-Finanzierer WestImmo, landeten aus der Erbmasse der WestLB bei der EAA. Die Übertragung soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Für Verluste aus der Abwicklung stehen Steuerzahler und Sparkassen gerade. Allein für das mit besonders risikoreichen Papieren bestückte, „Phoenix“-Portfolio haben Land und Sparkassen Garantien in einer Höhe von fünf Milliarden Euro gegeben.

Portigon I

Am 1. Juli 2012 ging das neue Serviceinstitut an den Start. Rund 3500 Mitarbeiter sollte Portigon zunächst haben, bis Jahresende sollen es dann weniger als 2700 Menschen sein – und die Zahl der Beschäftigten soll in Zukunft weiter schrumpfen, bis Ende 2016 soll das Service-Geschäft verkauft sein.

Portigon II

Die Portigon-Mitarbeiter werden sich zunächst vor allem mit gut bekannten Geschäftsvorgängen beschäftigen: Sie sollen die EAA bei der Abwicklung ihrer Milliarden-Portfolien unterstützen. Diese strebt selbst einen Personalstand von rund 100 Mitarbeitern an. Auch Portigon wurde mit einer Finanzspritze auf den Weg geschickt: Das Land Nordrhein-Westfalen gab eine Milliarde Euro – es ist nun auch alleiniger Eigner von Portigon.

Beim WestLB-Chef mag Enttäuschung mitklingen. Aber auch Beobachter sehen ungelöste Probleme bei Landesbanken. „Ich kann nicht erkennen, dass das Ausscheiden der WestLB eine substanzielle Veränderung der Bankenlandschaft beziehungsweise der Landesbankenstruktur ist“, sagt Stefan Best von der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Den meisten Landesbanken ist der Zugang zu stabilen Geldströmen von Privatkunden versperrt - auch weil die Sparkassen als Miteigentümer dieses Endkundengeschäft gerne selbst beackern. So war die WestLB ein Koloss auf tönernen Füßen, der keine Sparkassen übernehmen durfte.

Kommentar: Traditionsbank am Ende

Kommentar

Traditionsbank am Ende

Die WestLB steht vor ihrer Auflösung. Kaum etwas wird übrig bleiben von dem Institut, das sich in der Finanzkrise verzockt hat - und das ist gut so. Es steht für die desaströsen Kungeleien von Politik und Finanzwelt.

Die Problemberge sind nach wie vor gigantisch: Die mit Milliarden Steuergeldern gestützte BayernLB arbeitet ihre Vergangenheit vor Gericht auf und muss mit Auflagen aus Brüssel rechnen. Die HSH Nordbank hofft nach einer von den Wettbewerbshütern verordneten Schrumpfkur auf frischen Wind durch die Finanzierung von Windparks. Auch anderen Schiffsfinanzierern wie der NordLB bereitet das Nischengeschäft Probleme. Selbst die mit Abstand größte deutsche Landesbank, die LBBW, kämpft - obwohl gut im baden-württembergischen Mittelstand verankert - noch mit Altlasten in ihrer Bilanz.

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