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16.07.2012

14:07 Uhr

Libor-Affäre

Credit Suisse erwartet keine Sanktionen

Die Großbank Credit Suisse gibt sich in der Libor-Affäre um Zinsmanipulationen gelassen: Sie rechnet nach eigener Aussage nicht mit einem „materiellen Problem“. Gegen mehrere Banken und Angestellte wird derzeit ermittelt.

Credit Suisse hat Unterstützung bei den Ermittlungen zugesagt. dpa

Credit Suisse hat Unterstützung bei den Ermittlungen zugesagt.

ZürichDie Credit Suisse gibt sich in der Affäre um Zinsmanipulationen durch Großbanken gelassen. Mit materiellen Auswirkungen der Untersuchungen von Tricksereien bei dem Libor-Zinssatz sei nicht zu rechnen, sagte ein Sprecher der Schweizer Großbank am Montag. "Obwohl die Thematik komplex ist und die branchenweiten Untersuchungen anhalten, gehen wir heute nicht davon aus, dass die Credit Suisse in dieser Sache ein materielles Problem hat." Der Sprecher wies darauf hin, dass die Aufsichtsbehörden weltweit mehr als 50 Banken kontaktiert hätten. Das Schweizer Geldhaus habe die volle Unterstützung bei den Ermittlungen zugesagt.

In der vergangenen Woche hatten Analysten von Morgan Stanley berechnet, dass in dem Skandal auf elf weltweite Banken bis ins Jahr 2014 insgesamt 14 Milliarden Dollar an Bußgeldern und Kosten zur Beilegung der Untersuchungen zukommen könnten. Auf die Credit Suisse entfielen 446 bis 827 Millionen Franken. In der Zeitung "Finanz und Wirtschaft" vom Samstag wies die Bank diese Berechnungen zurück. Sie seien falsch und verantwortungslos. Am Montag wollte sich die Credit Suisse dazu nicht weiter äußern.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Als erstes Geldhaus hatte Barclays ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt und einigte sich mit Behörden in den USA und Großbritannien auf eine Geldbuße von einer halben Milliarde Dollar. Die Führungsspitze musste gehen. Die ebenfalls ins Visier der Ermittler geratene Deutsche Bank sicherte sich Insidern zufolge inzwischen bei der EU und in der Schweiz Kronzeugenstatus.

Ob auch die Credit Suisse eine solche Regelung anpeilt, ist unklar. Der Sprecher wollte dies nicht kommentieren. Andere in den Skandal verstrickte Banken wie etwa die Schweizer UBS haben in verschiedenen Ländern Kronzeugenstatus erhalten.

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