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02.08.2012

15:13 Uhr

Libor-Affäre

Der Deutschen Bank drohen hohe Kosten

VonNicole Bastian, Peter Köhler, Michael Maisch

Der Skandal um die manipulierten Zinsen könnte die Deutsche Bank teuer zu stehen kommen. Auf viele Milliarden Euro schätzen Analysten von Macquarie nun die Klagerisiken. Andere Prognosen sind wesentlich bescheidener.

Der Sitz der Deutschen Bank in Frankfurt. Reuters

Der Sitz der Deutschen Bank in Frankfurt.

Frankfurt/LondonDie möglichen Kosten für die internationalen Großbanken aus dem Skandal um manipulierte Referenzzinsen wie den Libor lassen die Analysten nicht zur Ruhe kommen. Jetzt haben die Experten der australischen Investmentbank Macquarie einen Versuch unternommen, die juristischen Folgekosten für die einzelnen Banken abzuschätzen. Für die Deutsche Bank und die WestLB kommen sie auf mögliche Klagerisiken von jeweils 8,3 Milliarden Euro.

Solche Schätzungen sind mit vielen Unsicherheiten versehen, weil sich die Ermittler nicht in die Karten schauen lassen und die meisten Geldhäuser bisher entweder keine Rückstellungen dafür gebildet haben oder diese nicht ausweisen. Die Macquarie-Analysten warnen selbst davor, dass die Schätzungen grob und mit vielen Unsicherheiten behaftet sind. Aber sie betonen: "Insgesamt glauben wir, dass alle Hauptmitglieder des Libor-Panels sich möglicherweise mit substanziellen Zivilklagen konfrontiert sehen wegen falscher Angaben der Libor-Sätze."

Die Analysten gehen davon aus, dass der Libor auf Dollar-Basis im Jahr 2008 um 41 Basispunkte und 2009 um 37 Basispunkte zu niedrig lag. Sie rechnen über alle damals ausstehenden betroffenen Produkte, wie hoch der Schaden für Investoren war - und kommen auf die stolze Summe von 176 Milliarden Dollar. Der größte Brocken für mögliche Ansprüche wäre dabei der Schaden bei syndizierten Krediten, der auf knapp 112 Milliarden Dollar taxiert wird.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Wegen Unsicherheiten etwa bei der Durchsetzung von Rechtsansprüchen und möglicher Absicherungsgeschäfte der Investoren halbieren sie den potenziellen Gesamtschaden und verteilen ihn dann auf die Banken der Libor-Runden. Da Deutsche Bank und WestLB Mitglieder bei allen Panels in verschiedenen Währungen waren, kommen die Analysten für beide auf die gleiche Summe.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

02.08.2012, 17:19 Uhr

Jeder Tag an dem der Inder noch in Amt und Würden ist bei der Deutschen Bank ist ein verlorener Tag.
Alles was der Kerl in den letzten 10 Jahren bei der Deutschen Bank gemacht hat war auf Sand gebaut. Ich glaube mittlerweile das unter dem Strich im Investmentbanking in den letzten 10 Jahren ein Minus steht wenn man alle aktuellen Positionen glattstellen würde, aber der Inder hat in dieser Zeit mehr als 100 Mio Euro abkassiert.

melitaz

02.08.2012, 17:33 Uhr

Als wenn das so einfach wäre! Der Libor wird als Durchschnitt aus den gemeldeten Zinsen gebildet, wobei der höchste u. der niedrigste Zins gestrichen wird. Somit stellt sich die Frage, war die Deutsche Bank bei jeder Aktion dabei oder nicht. Macquaire-Analysten stellen hier Berechnungen an, die jeder Grundlage entbehren, aber offensichtlich die gewünschte Wirkung erzielen. Wohlgemerkt, auch ich verurteile das Verhalten der Händler, aber ich bin nicht bereit das Kind mit dem Bad auszuschütten!

Jupp-Hirsenkoetter

02.08.2012, 17:46 Uhr

Wetten dass die auch beim Wechselkurs koordiniert handeln und so entsprechend der Devisenstrom-Flussrichtung ( von Privat an Institutionen oder umgekehrt ) bescheissen, in Europa wie in den USA etc...???
ZORRO oder iwe der Oberzocker heisst laesst gruessen !

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