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16.07.2012

20:08 Uhr

Libor-Ermittlungen

Barclays-Manager beschuldigt Ex-Chef im Zinsskandal

Ex-Barclays-Manager del Missier hat in der Libor-Affäre vor dem britischen Parlamentsausschuss ausgesagt. Er räumte ein, für falsch angegebene Zinssätze mitverantwortlich zu sein, habe aber auf Anweisung gehandelt.

Barclays-Ex-COO del Missier fühlte sich offenbar ermutigt, falsche Zinssätze anzugeben. dapd

Barclays-Ex-COO del Missier fühlte sich offenbar ermutigt, falsche Zinssätze anzugeben.

LondonEin zurückgetretener Topmanager der Großbank Barclays hat vor einem Ausschuss des britischen Unterhauses eingeräumt, während der Finanzkrise 2008 Angestellte zur Angabe falscher Zinssätze angewiesen zu haben. Er habe geglaubt, ein solches Vorgehen sei von der Bank of England gedeckt, sagte der frühere Leiter des operativen Geschäfts (COO), Jerry del Missier, am Montag in London.

Diesen Schluss habe er aus einem Gespräch mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Bob Diamond im Oktober 2008 gezogen. Er betonte, er habe geglaubt, nichts Unrechtes zu tun. Die vermeintliche Anweisung Diamonds habe er an Mark Dearlove weitergegeben, den Chef des Geldmarkt-Handels bei der Bank.

Del Missier war am 3. Juli als COO der Bank zurückgetreten, nur wenige Stunden nach Diamond. In einer Aussage vor dem Parlamentsausschuss am 4. Juli hatte Diamond erklärt, del Missier habe einen Vermerk falsch verstanden, den er, Diamond, nach einem Gespräch mit einem ranghohen Vertreter der Bank of England, Paul Tucker, gemacht habe.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Del Missier sagte hingegen, Grundlage seines Vorgehens sei ein Gespräch mit Diamond gewesen. Zu diesem Zeitpunkt habe er den Vermerk noch nicht gekannt. „Ich weiß nur, woran ich mich aus meiner Unterhaltung mit Herrn Diamond deutlich erinnern kann“, sagte er. Tucker, heute stellvertretender Gouverneur der britischen Zentralbank, hat erklärt, er habe Barclays nicht ermutigt, falsche Zinssätze anzugeben.

Die Behörden in Großbritannien und den USA hatten Ende Juni gegen Barclays eine Geldstrafe in Höhe von 453 Millionen Dollar (360 Millionen Euro) verhängt, weil die Bank zur Festlegung des Londoner Referenzzinssatzes (LIBOR) zwischen 2005 und 2009 falsche Daten angegeben haben soll.

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Von

dapd

Kommentare (1)

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Mazi

17.07.2012, 15:51 Uhr

Wer derartiges künftig wenigstens verhindern will, weiss, dass der Mann sofort weg gesperrt werden muss.

Offen ist derzeit, ob er noch weitere Unregelmäßigkeiten begangen hat. Jedenfalls ist das bei diesen Charakterzügen häufiger der Fall.

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