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11.09.2013

13:10 Uhr

Libor-Prozess

Deutsche Bank verliert im Händlerstreit

Herbe Niederlage für die Deutsche Bank: Vier Händler hatten gegen das Geldinstitut geklagt. Sie hielten ihre Kündigung im Zuge des Libor-Skandals für unrechtmäßig. Das Arbeitsgericht Frankfurt gab ihnen nun Recht.

Die Deutsche Bank in Frankfurt am Main. dpa

Die Deutsche Bank in Frankfurt am Main.

FrankfurtDie Deutsche Bank hat im Streit mit den vier im Zuge des Libor-Skandals entlassenen Händler ein Niederlage vor dem Arbeitsgericht Frankfurt einstecken müssen. Die Kündigung sei nicht rechtskräftig, entschieden die Richter. Die Händler sollen weiter beschäftigt werden und haben einen Anspruch auf Gehaltsnachzahlung, hieß es – samt Zinsen. Das Geldinstitut hatte die außerordentlichen Kündigungen mit „schwerwiegendem Fehlverhalten“ ihrer Angestellten begründet. Ihr Anwalt hatte den Geldmarktexperten vorgeworfen, bei der Ermittlung der Referenzzinssätze Libor und Euribor mehrfach verbotenerweise mit Derivate-Händlern im eigenen Haus kommuniziert zu haben. Man prüfe nun die Berufung, erklärte ein Vertreter der Bank.

Die vier Händler der Bank hatten gegen ihre im Februar ausgesprochenen außerordentlichen Kündigungen geklagt. Die Deutsche Bank hatte allen Vieren unangemessene Kommunikation untereinander und mit Derivatehändlern im Zuge des Libor-Skandals vorgeworfen. Die Händler hatten sich gegen diese Vorwürfe und die Kündigungen gewehrt und eine Klage gegen das Geldinstitut angestrengt.

Weltweit wird in dem Skandal gegen mehr als ein Dutzend Banken ermittelt, einige davon – dazu zählt nicht die Deutsche Bank – haben bereits teure Vergleiche geschlossen, um das Kapitel abzuschließen. Der Vorwurf lautet, dass mehrere Ringe von Händlern in der Finanzkrise Referenzzinsen wie Libor und Euribor zu ihren Gunsten manipuliert haben, um Handelsgewinne einzustreichen. Der Euribor ist der Zinssatz, den europäische Banken  beim Handel von Einlagen mit einer festgelegten Laufzeit von einer Woche bis zwölf Monaten voneinander verlangen. Der Libor ist der im Londoner Interbankenhandel üblichen Zinssatz.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Mit einer Entscheidung des Gerichts war noch heute gerechnet worden. Bevor sich die vorsitzende Richterin Annika Gey am Vormittag zur Beratung mit ihren Kollegen zurückzog, hatte sie noch einmal die Positionen der Parteien zusammengefasst.

Die entlassenen Händler waren allesamt über zehn Jahre für die Bank tätig, drei von ihnen meldeten den Euribor, ein vierter den Libor in Schweizer Franken. Die Deutsche Bank wirft ihnen vor, dass sich die drei Euribor-Melder mit Christian Bittar abgesprochen haben, dem Mann, der 2008 mit seinen Wetten auf Referenzzinsätze der Bank einen dreistelligen Millionengewinn und sich selbst einen Bonusanspruch von 80 Millionen Euro beschert haben. Die Händler behaupten, es habe jeden Montag eine von Bittars Chef David Nicholls einberufene Telefonkonferenz gegeben, auf der alle Handelspositionen besprochen wurden und wie die Zins-Melder darauf reagieren sollten.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

11.09.2013, 14:05 Uhr

...da wird aber auch nichts ausgelassen...

Der_ewige_Spekulant

11.09.2013, 15:30 Uhr

Kleinanleger sollten sich solche Gerichtsurteile genau durchlesen!

Denn dann verstehen sie vielleicht, wovon ihr Erfolg an der Börse abhängt.

Ein Kartell von Banken spricht sich - über die Vorstände - ab, ob es gen Süden oder Norden geht. Dann pushen sie alle zusammen die Kurse dahin, wo sie die meisten Kleinanleger am meisten schädigen können.

Marc

11.09.2013, 16:32 Uhr

ja, erst diese Art von Geschäft propagieren und die Erträge einfordern und wenn's kritsch wird nichts mehr davon wissen wollen und die Mitarbeiter billigst im Regen stehen lassen. Hut ab vor den Arbeitsgericht Frankfurt, was dieses genauso durchschaut hat. Zumindest bekommen sie jetzt eine gerechte Abfindung, weil beruflich geht's da bestimmt nicht weiter.

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