Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.09.2012

14:00 Uhr

Libor-Reformpläne

300 Billionen Dollar suchen einen neuen Maßstab

Einige gierige Händler von Großbanken haben den Leitzinssatz manipuliert und die Finanzwelt einmal mehr erschüttert. Die britische Finanzaufsicht hat nun ihre Reformpläne vorgelegt. Doch der große Wurf bleibt aus.

Blick auf das Bankenviertel Canary Wharf in London. dpa

Blick auf das Bankenviertel Canary Wharf in London.

LondonDer Leitzinssatz Libor soll grundlegend reformiert werden. Die britische Finanzaufsicht hat nun Pläne vorgelegt, wie das Vertrauen in den ins Zwielicht geratenen Referenzzins wieder hergestellt werden soll. Eine größere Transparenz, eine strengere Aufsicht und härtere Strafen sollen den Libor wieder auf eine solide Basis stellen.

Trotz des Manipulationsskandals wird der Referenzzins damit vorerst nicht abgeschafft. „Das System ist beschädigt und muss komplett überarbeitet werden“, sagte Martin Wheatley, Chef britische Finanzaufsicht FSA. Allerdings sei der Libor so stark als zentraler Zinssatz im Finanzsystem verankert, dass eine Abschaffung derzeit nicht möglich sei. Es gebe aktuell auch keine besseren Alternativen. Langfristig sollte man darüber jedoch nachdenken, betonte der Chef-Aufseher. Wheatley hatte im Auftrag der britischen Regierung eine Untersuchung des Systems geleitet und am Freitag seinen Bericht vorgelegt.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Ein Manipulationsskandal hatte in diesem Sommer das Vertrauen in den bedeutenden Zinssatz erschüttert. Auf diesem beruhen weltweit Finanzprodukte im Wert von mehr als 300 Billionen Dollar, darunter Hypotheken, Kreditgeschäfte und komplexe Derivate-Transaktionen. Eine Reihe von Händlern mehrerer Großbanken hatte systematisch und über Jahre den Libor-Satz manipuliert. Die Händler hatten sich untereinander abgestimmt, je nach Wunsch höhere oder niedrigere Zinssätze gemeldet und so den gesamten Referenzsatz nach oben oder unten getrieben.

Weltweit ermitteln die Aufseher gegen rund 15 prominente Geldhäuser, die in den Skandal verwickelt sein sollen. Analysten von Morgan Stanley schätzen den durch die Libor-Tricksereien entstandenen Schaden für die Weltwirtschaft auf 17 Mrd. Dollar, das Haftungsrisiko für Banken auf 6,2 Mrd. Dollar.

Der Libor beruht auf einer Umfrage, die seit 1986 der britische Bankenverband BBA organisiert. 18 große Banken am Finanzplatz London melden täglich, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Ergebnissen errechnet die Nachrichtenagentur Reuters dann Zinssätze für 15 verschiedene Laufzeiten und zehn Währungen. Allerdings beruht der Libor nicht nur auf tatsächlichen Transaktionen, sondern zum großen Teil auch auf Schätzungen der Banken, vor allem für längere, weniger liquide Laufzeiten. Diese Konstruktionsschwäche macht den Leitzins anfällig für Manipulationen.

Libor-Skandal: „Die ganze Hedge-Fonds-Branche wird dich küssen“

Libor-Skandal

„Die Hedge-Fonds-Branche wird dich küssen“

Mitteilungen zeigen, wie Mitarbeiter von RBS und Deutscher Bank den Skandal entfachten.

Der nun vorgestellte Zehn-Punkte-Plan deckt sich weitgehend mit den Erwartungen der Marktteilnehmer. Nach den Vorschlägen der FSA schreibt ein Verhaltenskodex den Banken künftig vor, nach welchen Prioritäten sie die Referenzsätze für ihre tägliche Meldung ermitteln. An erster Stelle stehen die Konditionen von realen Transaktionen im unbesicherten Interbanken-Einlagenmarkt – und nicht mehr Schätzungen.

Die Wirtschaftsprüfer von PwC sehen auch nach der Reform noch eine entscheidende Schwäche. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass in Stressszenarien die Liquidität am Interbankenmarkt austrockne, weil sich die Geldhäuser  gegenseitig kein Geld mehr leihen. In einer solchen Situation  lassen sich auch mit den neuen Methoden keine aussagekräftigen Liborsätze mehr berechnen. „Ausgerechnet wenn er am wichtigsten wäre, wird der Libor nutzlos“, klagt PwC.  Die Schlussfolgerung der Wirtschaftsprüfer: Auf Dauer werden Aufseher und Anleger nicht darum herumkommen, sich einen völlig neuen Referenzzins zu suchen.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Wendepunkt

28.09.2012, 13:12 Uhr


ALLE INVESTOREN enteignen!

BÖRSE abschaffen !

Zinseszinssystem abschaffen!

Zinsfreie Darlehen für Not leidende Länder !

Und alles kommt wieder in Balance.

Und einem neuen freiedlichen, ehrlichen, demokratischen Wirtschaftsgedanken ,
(...)
+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Bitte achten Sie auf unsere Netiquette:
„Kommentare sind keine Werbeflächen“

http://www.handelsblatt.com/netiquette


die Finanz-Diktatur die wir eigentlich schon viele Jahre haben : ist OUT

Platon

28.09.2012, 13:14 Uhr


The world is Greek

ibecomeworrd2

28.09.2012, 13:26 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Bitte achten Sie auf unsere Netiquette:
„Kommentare sind keine Werbeflächen“

http://www.handelsblatt.com/netiquette

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×