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20.07.2012

12:11 Uhr

Libor-Skandal

Banken arbeiten an Gruppenlösung

In der Libor-Affäre wollen sich offenbar mehrere Banken gemeinsam mit den Regulierungsbehörden um einen Vergleich bemühen. Welche Banken beteiligt sind und ob die Behörden mitspielen, ist aber unklar.

Im Dunst liegenden Hochhäuser von Banken. Die weltweiten Ermittlungen richten sich gegen mehr als ein Dutzend Geldhäuser wie die Citigroup, HSBC, JPMorgan Chase und die Deutsche Bank. ap

Im Dunst liegenden Hochhäuser von Banken. Die weltweiten Ermittlungen richten sich gegen mehr als ein Dutzend Geldhäuser wie die Citigroup, HSBC, JPMorgan Chase und die Deutsche Bank.

Zürich/WashingtonMehrere Banken wollen den Skandal um Zinsmanipulationen offenbar mit einem gemeinsamen Vergleich hinter sich bringen. Einige der ins Visier der Ermittler geratenen Institute führten darüber seit einigen Wochen Gespräche, sagten mehrere mit den Plänen vertraute Banker der Nachrichtenagentur Reuters. Sie wollten damit vermeiden, ähnlich wie die britische Großbank Barclays isoliert bestraft und an den Pranger gestellt zu werden.

Noch gebe es aber keine abschließende Übereinkunft unter den Geldhäusern. Zudem sei unklar, ob sich die weltweit tätigen Ermittler darauf einlassen. Welche Banken an den Gesprächen beteiligt sind, blieb offen. Ermittelt wird gegen mehr als ein Dutzend Häuser, darunter die Deutsche Bank, die Schweizer UBS, Citigroup und JP Morgan. Sie äußerten sich nicht dazu.

Banken die in den Libor-Skandal verwickelt sind

16 Großbanken beteiligt

Die Affäre um Zinsmanipulationen durch Großbanken hat die Ermittler in Europa, Japan und den USA auf den Plan gerufen. Insgesamt werden derzeit mehr als ein Dutzend Institute durchleuchtet. Ihnen wird vorgeworfen, beim Libor-Zinssatz getrickst zu haben. Der einmal täglich in London ermittelte Libor zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen und dient damit als Referenz für billionenschwere Kreditgeschäfte mit Kunden rund um den Globus.

Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit auf das Jahr 2008, als sich die Finanzkrise zuspitzte. Damals trugen 16 Großbanken zur Festsetzung des Libor bei. Im Folgenden einige Informationen zu diesen Instituten (in alphabetischer Reihenfolge):

Bank of America

Das US-Institut ist von den Ermittlungen betroffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von einem Insider erfahren hatte. In ihrem Geschäftsbericht 2011 hat sich die Bank zur Sache aber nicht geäußert. Wegen Libor wurde die Bank vom Brokerhaus Charles Schwab verklagt.

Barclays

Die britische Großbank hat ein Fehlverhalten einiger Händler beim Libor eingeräumt und wurde zu einer Strafe von einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Die Führungsspitze muss gehen. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in London befasst sich mit der Aufklärung des Skandals und der Frage, wie viel die Aufseher von den Zinsmanipulationen wussten.

BTMU

Im Februar 2012 wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden unter anderem gegen das japanische Geldhaus Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen ermitteln. Die Bank machte dazu in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben. Zwei in London ansässige Händler wurden wegen Manipulationsvorwürfen beurlaubt - nach offiziellen Angaben hatte das aber nichts mit ihrer Arbeit bei BTMU zu tun.

Citigroup

Die US-Bank hat eingeräumt, dass Töchter von den Ermittlungen betroffen sind und ihre Kooperation bei der Aushändigung von Informationen angekündigt. In den USA ist die Bank auch von Libor-Klagen betroffen. In Japan wurde einigen Citi-Mitarbeitern auch die Manipulation des Interbanken-Zinssatzes Tibor vorgeworfen.

Credit Suisse

Die Schweizer Bank wird von den heimischen Behörden durchleuchtet. Sie werfen dem Institut als einem von insgesamt zwölf Häusern vor, Libor und Tibor manipuliert zu haben sowie damit zusammenhängende Derivate. Die Bank hat ihre Kooperation bei der Aufklärung der Vorwürfe zugesichert.

Deutsche Bank

Der deutsche Branchenprimus kooperiert mit den Ermittlern in den USA und Europa, die Untersuchungen drehen sich um den Zeitraum 2005 bis 2011. Wegen Libor gibt es in den USA bereits Klagen gegen das Geldhaus. In Deutschland hat die Bankenaufsicht Bafin Kreisen zufolge eine Sonderprüfung eingeleitet, die Ergebnisse stehen noch aus. Zwei Mitarbeiter hat das Geldhaus Finanzkreisen zufolge bereits suspendiert.

HBOS

Die inzwischen zu Lloyds gehörende Bank taucht ebenfalls in Klageschriften in den USA auf. Im Geschäftsbericht 2011 teilte HBOS mit, die Auswirkungen und das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse seien nicht abzuschätzen. Die Bank arbeite mit den Behörden zusammen.

HSBC

Die Bank hat erklärt, die Aufseher hätten sie um Informationen im Zusammenhang mit den Libor-Ermittlungen gebeten und man kooperiere. In den USA tauchte die HSBC auch in Klageschriften im Zusammenhang mit Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 hieß es, das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse sei nicht abzuschätzen.

JP Morgan

Die Bank hat erklärt, sie arbeite mit den Ermittlern zum Thema Libor, Euribor und Tibor zusammen, das betreffe vor allem die Zeiträume 2007 und 2008. Die Bank taucht auch als Beschuldigte in US-Klagen auf.

Lloyds

Auch Lloyds hat eine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt und taucht in US-Klagen zu Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 erklärte die Bank wie die anderen Institute, der Ausgang der Ermittlungen sei offen.

Norinchuckin

Die japanische Bank hat die Libor-Ermittlungen in ihrem Geschäftsbericht 2011 nicht erwähnt. Im April 2011 war das Institut eines von zwölf, die vom Vermögensverwalter FTC Capital wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen verklagt worden waren.

Rabobank

Das niederländische Geldhaus, ebenfalls in einigen US-Klagen beschuldigt, arbeitet nach eigenem Bekunden mit den Ermittlern bei Libor zusammen. Die Bank hat erklärt, sie halte die Klagen für unbegründet und werde sich gegen die Vorwürfe entsprechend verteidigen.

RBC

Kanadas größte Bank machte in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben dazu, ob sie von Ermittlungen wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen betroffen ist.

Royal Bank of Scotland

Die britische Großbank Royal Bank of Scotland (RBS) hatte erklärt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Mehreren Mitarbeitern wurde Fehlverhalten vorgeworfen. Das Institut zahlt eine Strafe in Höhe von 615 Millionen Dollar an britische und US-Behörden.

UBS

Die Schweizer Bank hoffte als Kronzeuge bei den Libor-Ermittlungen darauf, dass die Behörden etwa in den USA und der Schweiz Milde walten lassen. Doch die Strafe fiel hoch aus: 1,16 Milliarden Euro zahlt die Bank wegen des Libor-Skandals.

WestLB

Aus Finanzkreisen wurde bereits im März vergangenen Jahres bekannt, dass die WestLB zu den untersuchten Instituten zählt. In ihrem Geschäftsbericht 2011 ging die Bank auf die Libor-Ermittlungen nicht ein. Allerdings zog sich das Haus schon im Juli 2011 aus dem Kreise jener Banken zurück, die den Dollar-Libor festsetzen. Die Landesbank ist inzwischen aufgelöst und kam damit den EU-Auflagen nach.

Barclays hat als erstes Institut eingeräumt, dass Händler in der Finanzkrise den Referenz-Zinssatz Libor durch falsche Angaben manipuliert haben. Die Bank wurde daraufhin von den Behörden in den USA und Großbritannien zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Zudem musste das gesamte Top-Management gehen, der Ruf ist angekratzt.

Nach der Barclays-Strafe hätten die Verhandlungen über einen gemeinsamen Vergleich an Dynamik gewonnen, sagte ein Banker. Es sei aber nicht einfach, die Institute, die unterschiedlich stark verstrickt seien, unter einen Hut zu bringen. Zudem seien verschiedene Regulierer zuständig, was eine Verständigung auf eine gemeinsame Linie ebenfalls erschwere. Auf der anderen Seite würde eine Gruppenlösung keine einzelne Bank herausstellen. "Zudem wäre das Thema dann so schnell wie möglich vom Tisch", sagte ein Insider.

Speziell in den USA sind gemeinsame Vergleiche mehrerer Unternehmen keine Seltenheit: Zuletzt einigten sich fünf US-Großbanken mit dem Justizministerium und anderen Behörden im Streit um mutmaßliche Hypotheken-Betrügereien auf die Zahlung von 25 Milliarden Dollar.

Für den neuen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain hat die Aufklärung des Libor-Skandals höchste Priorität, da dieser das Institut und die neue Führung in Bedrängnis bringen könnte, wie es in Finanzkreisen heißt. Ein Team von 100 Mitarbeitern durchforstet seit Monaten alte E-Mails und Dokumente. Zwei Händler wurden suspendiert. Sie sollen Finanzkreisen zufolge an einem Ring von Händlern beteiligt gewesen sein, die den Libor verzerrt haben.

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Analysten fürchten, dass sich die Banken gegenseitig verklagen.

Die deutsche Aufsicht BaFin hat eine Sonderprüfung bei der Deutschen Bank eingeleitet. Ergebnisse gibt es noch nicht. Ein Vergleich der Banken hätte voraussichtlich keine Folgen für Ermittlungen gegen individuelle Händler, die in den Skandal verstrickt sind.

Nach Analystenschätzungen könnte der Skandal die gesamte Branche am Ende zwischen 20 und 40 Milliarden Dollar kosten. Neben den Strafzahlungen drohen vor allem Sammelklagen von Anlegern und anderen Instituten. Denn der Libor dient als Basis für Finanztransaktionen weltweit im Volumen von mehr als 500 Billionen Dollar.

Von

rtr

Kommentare (19)

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Ludwig500

20.07.2012, 09:38 Uhr

Banken sind es aus langjähriger Praxis gewohnt, mit Regulierungsbehörden, Politik und Justiz zu mauscheln. Es wird auch dieses Mal gelingen. Einen kleinen Anteil des ergaunerten Geldes zurückzahlen, Deckel zu, Affe tot. Weiter geht´s, Milliarden scheffeln ist einfach geil.

Bankenbetrugsorganisation

20.07.2012, 09:47 Uhr

Ein Vergleich!!!!! Das ist lächerlich. Diesen Betrüger muss man den Prozess machen und einsperren! Hier geht es um Billionen die durch Manipulationen den Besitzer unrechtmäßig gewechselt haben. Darum Prozess und Gefängnis!!!!!!!!!!
Ein Vergleich und schön raus. Der Betrug wird legalisiert. Aber nur für die Bankster, Verunsicherungen und Regierungsmitglieder. Jetzt reichts!
Betrügen sie eine Bank. Bei lächerlichen Summen werden sie weggesperrt. Den Elitebrüger, die Billionen versetzen, passiert nichts. So geht das nicht mehr weiter.

Account gelöscht!

20.07.2012, 09:57 Uhr

Gruppenlösung !! In anderen Bereichen nennt man sowas organisiertes Verbrechen. Bernd Gregorzewski

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