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10.07.2012

20:46 Uhr

Libor-Skandal

Barclays-Chefaufseher wäscht Hände in Unschuld

Der aus dem Amt scheidende Barclays-Aufsichtsratsvorsitzende Marcus Agius bestreitet, von Manipulationen des Marktzinses Libor gewusst zu haben - und schiebt den schwarzen Peter seinem Management zu. Ex-Vorstandschef Diamond gewährt er trotzdem einen goldenen Handschlag.

Der scheidende Chef des Barclays-Verwaltungsrats, Marcus Agius, vor der Ausschusssitzung. AFP

Der scheidende Chef des Barclays-Verwaltungsrats, Marcus Agius, vor der Ausschusssitzung.

LondonDer Aufsichtsratsvorsitzende und aktuelle Interimsvorstandschef von Barclays, Marcus Agius, weist eine Mitkenntnis der Manipulationen des Marktzinses Libor von sich. Die Entscheidungen über die Festsetzung des Libor-Satzes seien vom Management unterhalb des Boards getroffen worden, sagte Agius am Dienstag vor einem Parlamentsausschuss in London.

Er könne jedoch nicht sagen, wer genau für die Entscheidungen verantwortlich gewesen sei, sagte Agius. Er sei jedenfalls erst auf die Ausmaße der Manipulationen aufmerksam geworden, als die Ermittlungen bereits fortgeschritten waren. Dass es möglicherweise zu Gesetzesverstößen kam, sei ihm Anfang 2011 bewusstgeworden.

Agius bleibt bei Barclays noch so lange an Bord, bis er einen Nachfolger für Diamond gefunden hat. Zu dessen Rücktritt sagte er vor den Abgeordneten, Diamond sei aus Sicht der Aufseher nicht mehr zu halten gewesen. "Wir sind daher zu dem Ergebnis gekommen, dass wir keine andere Wahl haben, als ihn zum Rücktritt aufzufordern."

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Der im Zuge der Affäre zurückgetretene Barclays-Chef Bob Diamond hatte angedeutet, dass sein Haus 2008 davon ausgegangen sei, die Notenbank heiße falsche Angaben zur Ermittlung des Libor-Satzes gut. Agius betonte nun, er habe nicht gewusst, dass es eine entsprechende Kommunikation zwischen Notenbank-Vize Paul Tucker und der Bank gegeben habe.

Diamond gibt sich indes nach dem Skandal demonstrativ bescheiden: Der einst bestbezahlte Banker Europas verzichtet nach seinem Rücktritt auf Bonuszahlungen von bis zu 20 Millionen Pfund, kündigte Agius an. Stattdessen erhält er einen goldenen Handschlag: Diamond werde zur Abfindung aber ein Jahresgehalt sowie eine Sonderzahlung anstelle einer Pension erhalten, zusammen rund zwei Millionen Pfund. Barclays bestätigte die Einigung. In einer Mitteilung zitierte die Bank ihren früheren Chef mit den Worten, er hoffe sehr, dass Barclays das unrühmliche Kapitel nun schließen und nach vorne schauen könnte. "Das Fehlverhalten einiger weniger sollte nicht von der hervorragenden Arbeit ablenken, die die Barclays-Beschäftigten jeden Tag für ihre Kunden auf der ganzen Welt verrichten."

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Allein im vergangenen Jahr hatte Diamond inklusive eingelöster Aktienpakete satte 17 Millionen Pfund eingestrichen. In Sachen Banker-Vergütung war der US-Amerikaner diesseits des Atlantiks lange Zeit das Maß aller Dinge. Dass der 60-Jährige die ihm eigentlich zustehenden Bonuszahlungen für dieses Jahr nun nicht einfordert, wurde in der Londoner Downing Street mit Erleichterung aufgenommen. Zugleich mahnte Premierminister David Cameron aber einen grundlegenden Wandel in der Bankenkultur an.

Der britische Premierminister David Cameron begrüßte Barclays Entscheidung, Diamond den Bonus zu streichen. Es zeige, dass das Management die Bedenken der Öffentlichkeit angesichts der schweren Vorwürfe verstanden habe. Zugleich forderte der Regierungschef einen grundlegenden Wandel in der Bankenkultur.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

10.07.2012, 15:41 Uhr

Hmm...
Da bleibt dennoch ein fader Beigeschmack zurück.
Wieder einmal zeigt sich das manche "Banker" mit solche Methoden durchkommen. Da wird einfach vorgehalten das niemand weiss wer den Zinssatz entschieden und weitergegeben habe. Da wird doch jeder "ein Mann Kiosk" besser geführt (es sei denn man glaubt dran das es so war).
Ich denke, auch hier wird niemand an den Pranger gestellt werden können, geschweige denn Verurteilt wird. Und wir (diesmal meine ich nicht nur die Deutschland), sondern alle Zahlen für solche Menschen auch noch deren exorbitanten Gehälter und Abfindungen.
Zumindest kann ich der Handelsblatt danken, das ich auf eine legale Weise meinen Meinung einer etwas breiteren Leserschaft zugänglich machen kann.
Daher braucht es keinen Propheten, um die nächste Bankenkrise vorherzusagen...

vdf

10.07.2012, 15:48 Uhr

Hier mal wieder eine Ausgabe, wie korrupt das ganze Bankensystem ist und mit welchen Strafen die Gangster zu rechnen haben. Anstatt für mehrerer Jahre hinter Schloss und Riegel zu wandern, bekommen sie die schlimmste Strafe die man sich vorstellen kann - noch mehr GELD in die Rachen der Wölfe, sozusagen als Belobigung. Das ist Anreiz genug, dass seine Kollegen Gleiches tun, was sie ohnehin machen. Die Zeche bzw. die Strafe, dürfen die Bankkunden zahlen und zum Schluss wieder die Steuerzahler. Ist doch immer der selbe Kreislauf und daran wird sich auch nichts mehr ändern bis das ganze Finanzsystem wirklich zusammenbricht. Und dann werden sich Banker und Politiker wieder herausreden, dass Sie alles getan hätten um diesen Fall nicht eintreten zu lassen - mit vielen Rettungsschirmen und dummen Geschwätz. Solange die Banker machen können was sie wollen und für ihre Korruptheit noch zusätzliche finanzielle Belohnungen ausgesetzt werden, wird sich auch nichts ändern. Da wir das Feld eh schon den Bankern überlassen haben, brauchen wir auch keine Parlamente mehr. Mit dem eingesparten Steuergeld finanzieren wir dann direkt die "systemrelevanten" Banker.

Account gelöscht!

10.07.2012, 15:54 Uhr

Der Pontius Pilatus von der Barclays Bank wäscht seine Hände in Unschuld.Ach,wie herrlich!So einfach gestrickt ist der Mensch.Wenn wir weiter diese Verbrecher hätscheln,dann haben wir es nicht besser verdient als noch perfekter versklavt zu werden,als wir es ohnehin schon sind.
Wir sind ein Selbstbedienungsladen für diese Typen,für den sie einen Blankocheque haben.

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