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31.07.2012

15:04 Uhr

Libor-Skandal

Berkshire Bank benennt Schaden durch Zins-Betrug

VonRolf Benders, Michael Maisch

Die kleine Berkshire Bank zieht wegen des Libor-Skandals vor Gericht. Als erstes Institut erläutert sie, wie ihr durch die Manipulation Zinseinnahmen entgangen sind. Damit könnte sie Vorreiter für eine Klagewelle werden.

Passanten im Finanzdistrikt in London Die Libor-Manipulationsskandale schlagen hohe Wellen. dapd

Passanten im Finanzdistrikt in London Die Libor-Manipulationsskandale schlagen hohe Wellen.

New York, LondonDie Klagewelle gegen die in den Libor-Skandal verwickelten Banken nimmt konkretere Formen an. Erstmals hat in den USA nun ein Institut präzisiert, wie ihm durch die Manipulation des Londoner Interbanken-Richtzinses Schaden entstanden ist. Die kleine Berkshire Bank im US-Bundesstaat New York argumentiert in ihrer am Montagabend eingereichten Klage, durch die künstliche Absenkung des Libors seien ihr Zinseinnahmen im Geschäft mit variabel verzinsten Hypotheken entgangen.

Damit unterscheidet sie sich von vielen anderen Klagen gegen die Libor-Banken, die sich zumeist auf das Wettbewerbsrecht stützen und nicht konkret den Mechanismus benennen, durch den ihnen Schaden entstanden sein könnte. Sollte die Klage zugelassen werden, könnte sie ein Muster für Klagen von Banken weltweit abgeben.

Einer Gruppe von 16 Banken, darunter die Deutsche Bank, wird vorgeworfen, den Libor-Zinssatz über Jahre manipuliert zu haben. Dabei sollen sie ihn sowohl nach unten gedrückt als auch nach oben verzerrt haben. Gestern räumte die britische RBS ein, zu den Banken zu gehören, "die im Libor-Skandal gefangen sind", wie RBS-Chef Stephen Hester dem "Guardian" sagte. Er kenne zwar nicht die Höhe der Strafe für die RBS, sagte aber, die Untersuchungen der britischen Finanzaufsicht seien "im Gange".

Die britische Barclays Bank hatte in einem Vergleich mit den Behörden fast eine halbe Milliarde Dollar Strafe gezahlt. Zudem musste Bankchef Bob Diamond gehen. Ähnliche Vergleiche werden in näherer Zukunft erwartet. Es gibt eine Serie von privatrechtlichen Klagen. So zieht das deutsche Privatinstitut Metzler gegen die Deutsche Bank in New York zu Felde.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Die Berkshire Bank ist ein kleines Institut mit elf Filialen in den Bundesstaaten New York und New Jersey. Im Antrag auf Sammelklage heißt es mit Blick auf die Manipulationen, die New Yorker Banken seien "nicht in der Lage gewesen, die Zinseinkünfte zu verdienen, auf die sie ein Anrecht haben". Allein im Bundesstaat New York würden womöglich Hunderte von Milliarden Dollar an Krediten im Jahr vergeben, so die Bank über die Größenordnung des Schadens.

Experten sehen darin Sprengstoff für die Branche: "Libor könnte sehr wohl das Asbest dieses Jahrhunderts werden", sagte James Cox, Rechtsprofessor an der Duke University. In den 1980er- und 1990er-Jahren hatte es eine Flut von Klagen wegen Gesundheitsschäden durch Asbesteinbau in Gebäuden gegeben. Noch heute werben Kanzleien im Fernsehen damit, dass sie potenziellen Opfern, die durch Kontakt mit Asbest Krebs bekamen, große Summen an Schadensersatz einklagen könnten.

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Analysten fürchten, dass sich die Banken gegenseitig verklagen.

Schätzungen zufolge nutzen weltweit Finanzkontrakte im Volumen von über 300 Billionen Dollar den Libor als Richtschnur für die Verzinsung. Bei der Reform des in Verruf geratenen Marktbarometers wollen die Briten aufs Tempo drücken. Der mit der Untersuchung des Libor-Prozesses beauftragte Aufseher Martin Wheatley soll am 10. August ein Diskussionspapier vorlegen. Bis Ende September soll ein Untersuchungsbericht mit Vorschlägen zu Reform oder Ablösung des Libors und ähnlich konstruierter Marktbarometer fertig sein.

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