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25.09.2013

19:44 Uhr

Libor-Skandal

Britisches Brokerhaus muss Millionenstrafe zahlen

Neue Entwicklung im Libor-Skandal: Das britische Brokerhaus ICAP muss 65 Millionen Euro Strafe zahlen. Einzelne Mitarbeiter sollen Bankern dabei geholfen haben, den wichtigen Referenzzins zu manipulieren.

ICAP-Firmenchef Michael Spencer sprach am Mittwoch in London von „unentschuldbaren Handlungen“ einzelner Beschäftigter, die mittlerweile aber nicht mehr im Haus seien. Reuters

ICAP-Firmenchef Michael Spencer sprach am Mittwoch in London von „unentschuldbaren Handlungen“ einzelner Beschäftigter, die mittlerweile aber nicht mehr im Haus seien.

London/WashingtonEine weitere Finanzfirma wird im Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze zur Rechenschaft gezogen. Das britische Brokerhaus ICAP einigte sich mit den Behörden in den USA und Großbritannien auf eine Strafzahlung von umgerechnet 65 Millionen Euro. Händler der Firma haben demnach Bankern dabei geholfen, den Yen-Libor in eine bestimmte Richtung zu verschieben. In den USA wurde gegen drei ehemalige ICAP-Mitarbeiter Anklage erhoben, einer davon trug den Spitznamen „Lord Libor“.

„Die Angeklagten haben die Integrität der Märkte untergraben“, erklärte US-Justizminister Eric Holder am Mittwoch in Washington. ICAP mit seinen 5000 Mitarbeitern ist ein Vermittler zwischen Banken. Den Erkenntnissen der Behörden zufolge hatte ein Händler eine tägliche E-Mail an seine Geschäftspartner verschickt mit einer Schätzung, wo der Referenzzinssatz für den japanischen Yen zum Handelsschluss stehen könnte. Das Ziel sei gewesen, den Markt derart zu beeinflussen, dass die Schweizer Großbank UBS als wichtiger Kunde davon profitiere.

Der täglich in London festgestellte Liborsatz gibt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er wird aus den wenig kontrollierten Eingaben von einigen Kreditinstituten gebildet. Schon winzige Veränderungen können dabei große Wirkungen haben, denn der Libor wird als Grundlage für eine große Zahl an Finanzgeschäften herangezogen: von Krediten für Häuslebauer bis hin zu komplexen Derivategeschäften.

Im vergangenen Jahr war herausgekommen, dass Mitarbeiter mehrerer Großbanken den Satz jahrelang mit falschen Angaben verschoben hatten, um höhere Gewinne einzustreichen. Barclays, UBS und die Royal Bank of Scotland wurden bereits zur Verantwortung gezogen und zahlten insgesamt rund 2,4 Milliarden Dollar. In diesem Herbst wird nach früheren Medienberichten mit einer Reihe weiterer Vergleiche gerechnet. Weltweit laufen Ermittlungen gegen mehr als ein Dutzend Institute, darunter ist auch die Deutsche Bank.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Die ICAP-Händler sollen von 2006 bis 2011 an der Manipulation mitgewirkt haben. Firmenchef Michael Spencer sprach am Mittwoch in London von „unentschuldbaren Handlungen“ einzelner Beschäftigter, die mittlerweile aber nicht mehr im Haus seien. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass jemand aus der Geschäftsführung in diese Geschichte verwickelt war.“ Sein Haus muss 65 Millionen Dollar (48 Mio Euro) an die US-Marktaufsicht CFTC zahlen und 14 Millionen Pfund (17 Millionen Euro) an die britische Finanzaufsichtsbehörde FCA.

Als Konsequenz aus dem Skandal will die EU-Kommission durchsetzten, dass Zinssätzen wie Libor oder der verwandte Euribor künftig nur noch unter behördlicher Aufsicht bestimmt werden können. Zinsfälscher sollen mit Geldbußen bis hin zu Gefängnisstrafen rechnen müssen.

Von

dpa

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