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23.07.2012

12:36 Uhr

Libor-Skandal

Die Deutsche Bank muss um ihre Bilanz fürchten

VonPeter Köhler, Robert Landgraf, Michael Maisch

Bisher gab man sich bei der Deutschen Bank in Hinblick auf die Bilanz noch gelassen. Doch das ist vorbei. Dem Institut drohen durch den Libor-Skandal immense Strafen. Experten rechnen mit bis zu einer Milliarde Dollar.

Erste Klagen gegen die Deutsche Bank sind bereits öffentlich geworden. dpa

Erste Klagen gegen die Deutsche Bank sind bereits öffentlich geworden.

Frankfurt/LondonIm Zwischenbericht zum ersten Quartal dieses Jahres gibt sich die Deutsche Bank Ende Mai noch gelassen. Ganz allgemein schreibt das größte deutsche Institut, dass es von verschiedenen Behörden in den USA und in Europa um Auskunft "im Zusammenhang mit der Quotierung von Zinssätzen im Interbankenmarkt für verschiedene Währungen" zwischen 2005 und 2011 gebeten worden sei. Eine Umschreibung für die Zinsmanipulationen, die derzeit unter dem Stichwort Libor-Skandal Schlagzeilen machen.

Doch mit der Gelassenheit ist es inzwischen vorbei: Zum einen stehen im Libor-Skandal nach Informationen aus Finanzkreisen die ersten Festnahmen von Händlern bevor. Zum anderen forderte die Chefin der Finanzaufsicht Bafin, Elke König, die beteiligten Banken im "Spiegel" auf, "für eventuelle Schäden angemessene Rückstellungen" zu bilden. In Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bank werde bereits um die Höhe dieser Rückstellungen gerungen, berichten Finanzkreise. Es gehe um einen Betrag zwischen 300 Millionen und einer Milliarde Dollar.

Libor-Manipulationen: Erste Festnahmen stehen im Zinsskandal kurz bevor

Libor-Manipulationen

Erste Festnahmen stehen bevor

Im Libor-Skandal könnte es offenbar zu ersten Verhaftungen kommen.

Die Zahl von einer Milliarde Dollar kommt nicht von ungefähr. Die Analysten von Morgan Stanley um Betsy Graseck und Michael Cyprys haben gerechnet. Das Ergebnis: Der Deutschen Bank könnten Strafen über insgesamt 1,04 Milliarden Dollar drohen. Die Summe würde nach der Berechnung der Experten das Ergebnis der Bank 2013 und 2014 um fünf Prozent nach unten drücken. Besonders genau schauen die Vorstände aber auf den Fall Barclays, der gegen eine Rekordsumme von knapp 500 Millionen Dollar in einem Vergleich mit den Aufsehern endete. Die Deutsche Bank sollte darunter liegen, hoffen Finanzkreise.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Erste Klagen gegen das Institut sind inzwischen öffentlich geworden. So hat die Tochter Metzler Investments des Frankfurter Bankhauses Metzler sich einer Sammelklage in den USA angeschlossen. Dabei spielte es keine Rolle, dass Friedrich von Metzler, der wohl bekannteste Privatbankier Deutschlands, aus alter Verbundenheit ein gutes Verhältnis mit den Deutsche-Bank-Vorständen pflegt.

Denn zwei Geldmarkthändler des Instituts werden verdächtigt, Teil eines Rings von zwölf Banken gewesen zu sein, die den Libor je nach Bedarf manipulierten. Beide gehörten zum Bereich Global Markets, der vom neuen Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, geführt wurde, wenn sie auch fünf Hierarchiestufen tiefer arbeiteten.

Kommentare (4)

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murksel

23.07.2012, 13:21 Uhr

die schadensersatzklagen dürften ein vielfaches einer milliarde ausmachen.

aber so agressiv wie die die deutsche bank bilanziert,dürften rückstellungen ausbleiben,die bonis könnten ausfallen.

von den buddies die prüfen is eh kein genauer blick zu erwarten,stecken diese doch dreistellige beträge weg

der tanz ums hohle kalb deutsche muß ja weitergehen.

alternativlos,wie die wettpatin immer sagt,wir brauchen eine internationale großbank

pro-D

23.07.2012, 13:33 Uhr

na so etwas, endlich kommt mal ans Tageslicht, was die Dt. Bank wirklich so gemacht hat. Man kann sich nur wünschen, dass endlich mal mit den Stahlbesen durchkehren lässt.

Eine interessante Brut diese Bankster.

Dabei war die dt. Bank schon immer berühmt für seine Kurs Manipulationen.



Daniela_L

23.07.2012, 19:03 Uhr

Es gibt eine Lösung, die da heisst Trennbankensystem, oder auch Glass-Steagall. Das bedeutet, dass man den Teil der Investmentbanken pleite gehen lässt, und die Geschäftsbanken mit Renten, Ersparnisse und Krediten schützt.Dieses Gesetz hat 1933 zusammen mit der Pecorra Untersuchung in den USA Bänker vors Gericht gebracht und Gerechtigkeit geschaffen.Setzt Euch dafür bei Euren Abgeordneten ein!

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