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06.10.2012

12:47 Uhr

London

Im Zentrum des Betrugs

VonMichael Maisch, Katharina Slodczyk, Olaf Storbeck

London entwickelte sich in den vergangenen Monaten von der einstigen Vorzeige-Metropole zum Hauptschauplatz für Zinsmanipulationen und Anlagebetrug. Um diese Wandlung zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückblicken.

Wer trägt Schuld - Kweku Adoboli oder das System, in dem er lebte? Reuters

Wer trägt Schuld - Kweku Adoboli oder das System, in dem er lebte?

LondonFast unbeweglich sitzt er da, stundenlang, kerzengerade. Eigentlich wirkt Kweku Adoboli wie ein extrem disziplinierter Mensch, nicht wie ein Glücksspieler. Und doch steht der 32-Jährige im Saal 3 des Southwark Crown Courts vor Gericht, weil er im Londoner Handelssaal der Schweizer Großbank UBS 2,3 Milliarden Dollar verzockt haben soll und damit die Bank an den Rand des Ruins trieb. Acht Wochen haben die zwölf Geschworenen Zeit, um zu entscheiden, ob der Diplomatensohn ein skrupelloser Täter ist oder Opfer des Systems Investment-Banking.

Im Southwark Crown Court geht es somit nicht nur um den mutmaßlichen Milliardenbetrüger Adoboli. Die gesamte Londoner City sitzt auf der Anklagebank. Der Prozess gegen den UBS-Trader ist der Abschluss eines Skandal-Sommers, der Europas wichtigstes Finanzzentrum in seinen Grundfesten erschüttert hat, vielleicht sogar stärker als alle Beben der Finanzkrise zuvor. Es geht um Betrug in den Handelssälen, um die Manipulation eines der wichtigsten Referenzwerte der Branche und um Beihilfe zur Geldwäsche. Die einstige Vorzeigebranche ist nicht mehr vorzeigbar. Von der glitzernden Metropole des Geldes hat sich London innerhalb weniger Wochen in die Welthauptstadt der Bankenskandale verwandelt.

Banken die in den Libor-Skandal verwickelt sind

16 Großbanken beteiligt

Die Affäre um Zinsmanipulationen durch Großbanken hat die Ermittler in Europa, Japan und den USA auf den Plan gerufen. Insgesamt werden derzeit mehr als ein Dutzend Institute durchleuchtet. Ihnen wird vorgeworfen, beim Libor-Zinssatz getrickst zu haben. Der einmal täglich in London ermittelte Libor zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen und dient damit als Referenz für billionenschwere Kreditgeschäfte mit Kunden rund um den Globus.

Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit auf das Jahr 2008, als sich die Finanzkrise zuspitzte. Damals trugen 16 Großbanken zur Festsetzung des Libor bei. Im Folgenden einige Informationen zu diesen Instituten (in alphabetischer Reihenfolge):

Bank of America

Das US-Institut ist von den Ermittlungen betroffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von einem Insider erfahren hatte. In ihrem Geschäftsbericht 2011 hat sich die Bank zur Sache aber nicht geäußert. Wegen Libor wurde die Bank vom Brokerhaus Charles Schwab verklagt.

Barclays

Die britische Großbank hat ein Fehlverhalten einiger Händler beim Libor eingeräumt und wurde zu einer Strafe von einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Die Führungsspitze muss gehen. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in London befasst sich mit der Aufklärung des Skandals und der Frage, wie viel die Aufseher von den Zinsmanipulationen wussten.

BTMU

Im Februar 2012 wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden unter anderem gegen das japanische Geldhaus Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen ermitteln. Die Bank machte dazu in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben. Zwei in London ansässige Händler wurden wegen Manipulationsvorwürfen beurlaubt - nach offiziellen Angaben hatte das aber nichts mit ihrer Arbeit bei BTMU zu tun.

Citigroup

Die US-Bank hat eingeräumt, dass Töchter von den Ermittlungen betroffen sind und ihre Kooperation bei der Aushändigung von Informationen angekündigt. In den USA ist die Bank auch von Libor-Klagen betroffen. In Japan wurde einigen Citi-Mitarbeitern auch die Manipulation des Interbanken-Zinssatzes Tibor vorgeworfen.

Credit Suisse

Die Schweizer Bank wird von den heimischen Behörden durchleuchtet. Sie werfen dem Institut als einem von insgesamt zwölf Häusern vor, Libor und Tibor manipuliert zu haben sowie damit zusammenhängende Derivate. Die Bank hat ihre Kooperation bei der Aufklärung der Vorwürfe zugesichert.

Deutsche Bank

Der deutsche Branchenprimus kooperiert mit den Ermittlern in den USA und Europa, die Untersuchungen drehen sich um den Zeitraum 2005 bis 2011. Wegen Libor gibt es in den USA bereits Klagen gegen das Geldhaus. In Deutschland hat die Bankenaufsicht Bafin Kreisen zufolge eine Sonderprüfung eingeleitet, die Ergebnisse stehen noch aus. Zwei Mitarbeiter hat das Geldhaus Finanzkreisen zufolge bereits suspendiert.

HBOS

Die inzwischen zu Lloyds gehörende Bank taucht ebenfalls in Klageschriften in den USA auf. Im Geschäftsbericht 2011 teilte HBOS mit, die Auswirkungen und das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse seien nicht abzuschätzen. Die Bank arbeite mit den Behörden zusammen.

HSBC

Die Bank hat erklärt, die Aufseher hätten sie um Informationen im Zusammenhang mit den Libor-Ermittlungen gebeten und man kooperiere. In den USA tauchte die HSBC auch in Klageschriften im Zusammenhang mit Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 hieß es, das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse sei nicht abzuschätzen.

JP Morgan

Die Bank hat erklärt, sie arbeite mit den Ermittlern zum Thema Libor, Euribor und Tibor zusammen, das betreffe vor allem die Zeiträume 2007 und 2008. Die Bank taucht auch als Beschuldigte in US-Klagen auf.

Lloyds

Auch Lloyds hat eine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt und taucht in US-Klagen zu Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 erklärte die Bank wie die anderen Institute, der Ausgang der Ermittlungen sei offen.

Norinchuckin

Die japanische Bank hat die Libor-Ermittlungen in ihrem Geschäftsbericht 2011 nicht erwähnt. Im April 2011 war das Institut eines von zwölf, die vom Vermögensverwalter FTC Capital wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen verklagt worden waren.

Rabobank

Das niederländische Geldhaus, ebenfalls in einigen US-Klagen beschuldigt, arbeitet nach eigenem Bekunden mit den Ermittlern bei Libor zusammen. Die Bank hat erklärt, sie halte die Klagen für unbegründet und werde sich gegen die Vorwürfe entsprechend verteidigen.

RBC

Kanadas größte Bank machte in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben dazu, ob sie von Ermittlungen wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen betroffen ist.

Royal Bank of Scotland

Die britische Großbank Royal Bank of Scotland (RBS) hatte erklärt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Mehreren Mitarbeitern wurde Fehlverhalten vorgeworfen. Das Institut zahlt eine Strafe in Höhe von 615 Millionen Dollar an britische und US-Behörden.

UBS

Die Schweizer Bank hoffte als Kronzeuge bei den Libor-Ermittlungen darauf, dass die Behörden etwa in den USA und der Schweiz Milde walten lassen. Doch die Strafe fiel hoch aus: 1,16 Milliarden Euro zahlt die Bank wegen des Libor-Skandals.

WestLB

Aus Finanzkreisen wurde bereits im März vergangenen Jahres bekannt, dass die WestLB zu den untersuchten Instituten zählt. In ihrem Geschäftsbericht 2011 ging die Bank auf die Libor-Ermittlungen nicht ein. Allerdings zog sich das Haus schon im Juli 2011 aus dem Kreise jener Banken zurück, die den Dollar-Libor festsetzen. Die Landesbank ist inzwischen aufgelöst und kam damit den EU-Auflagen nach.

Wie konnte das passieren? Und liegt das an den Menschen, die in der City arbeiten, oder am Investment-Banking, das Gier mit Reichtum belohnt, aber auch zu Skrupellosigkeit anstiftet, manchmal gar zum Verbrechen?

Die Geschichte dieser Skandale beginnt am 27. Juli. Es ist ein schwüler Sommermorgen, an dem die Anwaltskanzlei Latham & Watkins ihre besten Kunden zu früher Stunde ins Luxushotel „Corinthia“ eingeladen hat. Nach Croissants und Kaffee im Foyer drängt ein schier endloser Strom dunkler Anzüge in den großen Ballsaal. Angelockt hat die Menge der Harvard-Historiker Niall Ferguson. Sein Thema: „Wird London als globale Finanzhauptstadt überleben?“ Oder wird es der Stadt so ergehen wie einst Venedig, das jahrhundertelang Meere und Märkte beherrschte und heute nur noch als Touristenhochburg Weltruhm beanspruchen darf?

Wenige Stunden später wird die britische Finanzaufsicht FSA eine E-Mail versenden, die Fergusons Vergleich sehr aktuell macht. In dürrem Bürokraten-Englisch übermitteln die Aufseher, dass sich die drittgrößte britische Bank Barclays mit den Behörden in Großbritannien und den USA auf eine Rekordstrafe von knapp einer halben Milliarde Dollar geeinigt hat, weil Händler der Bank den globalen Referenzzins Libor manipuliert haben.

Dahinter verbirgt sich die London Interbank Offered Rate, ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Am Libor hängt ein weltumspannendes Netz von Produkten im Wert von Hunderten Billionen Dollar. In Großbritannien löste der Skandal einen Sturm aus, der binnen weniger Tage Barclays-Chairman Marcus Agius und Vorstandschef Bob Diamond aus dem Amt fegte.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

06.10.2012, 13:29 Uhr

Warum regt man sich wegen Zinsmanipulationen auf. Die Zentralbanken gehen doch hier mit gutem Beispiel voran. Natürlich nur zum Wohle des Volkes und für den Frieden. Dass aus dem Finanz- das derzeitige Finanzebtrugssystem werden konnte, war nur möglich, weil sich demokratisch gewählte Regierungen durch Verschuldungsorgien mit selbigem verstrickt haben und eine perverse Coabhängigkeit entstand.

Account gelöscht!

06.10.2012, 13:41 Uhr

Das ganze Finanzsystem basiert auf Lüge und Betrug .....
Aber die Menschen interessiert es nicht solange sie genügend Brot und Spiele haben.....

Goldfein

06.10.2012, 13:48 Uhr

Interessanter Artikel über das Überleben im Dschungel von London .
Die Ideale von Thatcher und Reagan finden in der Londoner City ihren Ausdruck .
Die Kombination der eigenen Selbstüberschätzung gepaart mit dem Überschreiten der Regeln bringt oft nur einen kurzen Erfolgsrausch . Bald tritt wie bei Drogenabhängigen die Ernüchterung ein und die Erkenntnis , dass mehr Schaden als Nutzen verursacht worden ist .

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