Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.03.2017

17:00 Uhr

LSE und Deutsche Börse

EU-Kommission unmittelbar vor Verbot von Börsenfusion

Zum wiederholten Male droht eine geplante Fusion zwischen Deutscher Börse und der London Stock Exchange (LSE) zu scheitern. Die EU-Kommission steht einem Bericht zufolge kurz davor, ein Verbot zu verkünden.

Der beschlossene „Brexit“ hatte die Verhandlungen über die Fusion erheblich erschwert. Reuters, Sascha Rheker

Passant vor der London Stock Exchange

Der beschlossene „Brexit“ hatte die Verhandlungen über die Fusion erheblich erschwert.

Der geplante Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange (LSE) wird Insidern zufolge in den nächsten Tagen endgültig abgeblasen. Die EU-Kommission will die gut 25 Milliarden Euro schwere Fusion in Kürze untersagen, wie vier mit dem Vorgang vertraute Personen am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Die Verkündung der Entscheidung sei nur noch eine Frage von Tagen. Zwei mit der Fusion befasste Personen erwarten dies am 29. März.

Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter hatte sich zuvor wenig hoffnungsvoll gezeigt. „Wir müssen schon sehen, dass mit den letzten Entwicklungen diese Transaktion in ein sehr schweres Fahrwasser geraten ist“, sagte er am Dienstag auf einer Konferenz in Frankfurt. Er sei zwar nach wie vor davon überzeugt, dass der Zusammenschluss sinnvoll sei. Denn nur mit einer bestimmten Größe könne die Deutsche Börse auf den komplexen Märkten ihre Position dauerhaft behaupten. Aber, so fuhr Kengeter fort: „Wir müssen der Realität ins Auge sehen.“

Damit wird die deutsch-britische Börsenhochzeit voraussichtlich auch im fünften Anlauf platzen. Beide Unternehmen waren mit ihren Fusionsplänen vor gut einem Jahr an die Öffentlichkeit gegangen. Durch den Zusammenschluss wollten sie eine europäische Megabörse schaffen, die mit den größeren Konkurrenten aus den USA und Asien mithalten kann. Nach dem Brexit kam es jedoch zu immer mehr Streitigkeiten zwischen den Fusionspartnern. Für Deutschland war der geplante Holdingsitz der fusionierten Börse in London nicht mehr akzeptabel – genauso wenig wie für die Briten eine Verlagerung des Sitzes nach Frankfurt.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Für Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter hat sich das vergangene Jahr finanziell trotzdem gelohnt. Seine Gesamtvergütung stieg auf 7,3 Millionen Euro nach 3,1 Millionen Euro im Jahr 2015. Der starke Anstieg ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Kengeter erst im April 2015 bei Deutschlands größtem Börsenbetreiber anheuerte und zwei Monate später die Führung des Unternehmens übernahm. 2016 schoss bei ihm besonders die erfolgsabhängige Vergütung nach oben.

Die EU-Wettbewerbshüter wollten eigentlich grünes Licht für die Börsenfusion geben. Sie forderten von der LSE dafür neben dem angebotenen Verkauf des Abwicklungshauses Clearnet SA jedoch auch noch die Veräußerung der kleinen italienischen Handelsplattform MTS. Die LSE lehnte dies Ende Februar aber ab und erklärte, eine Genehmigung der Börsenfusion durch die EU sei in der Folge unwahrscheinlich.

Anfang März sagte LSE-Chef Xavier Rolet jedoch, die LSE habe der EU-Kommission andere Zugeständnisse angeboten. „Es ist jetzt an ihr, darüber nachzudenken.“ Zur Forderung der EU an die LSE, die italienische Anleihen-Plattform MTS zu verkaufen, sagte Rolet damals: „Das hat uns in eine sehr schwierige Situation gebracht“. Selbst wenn die LSE wolle, hätte sich die MTS wohl nicht verkaufen lassen. Warum, führte Rolet jedoch nicht aus. Als wahrscheinlichster Käufer galt lange der französische Rivale Euronext.

Rolet hatte noch Anfang März betont, man habe „unglaublich hart dafür gekämpft, die Fusion sicherzustellen“. Forderungen deutscher Politiker und Regulierer, die Holding in Frankfurt und damit innerhalb der Europäischen Union anzusiedeln statt in der Metropole des EU-Austrittskandidaten Großbritannien, hatte er damals aber eine Absage erteilt: „Das ist als Fusion unter Gleichen konstruiert und nicht dazu, die Kräfteverhältnisse zu verschieben. Das ist kein Projekt, das von Nationalismus getrieben ist.“ Einen „Plan B“ zur Fusion mit der Deutschen Börse habe die LSE nicht.

Die letzten Hoffnungen der Fusions-Befürworter werden mit dem bevorstehenden Veto der EU nun platzen. Mit dem Deal vertraute Personen in Brüssel und Frankfurt sind sich einig, dass die Briten den MTS-Verkauf nur als Vorwand genutzt haben, um den Stecker zu ziehen. In Wahrheit habe die LSE-Spitze während der Brexit-Verhandlungen keine Debatte darüber führen wollen, dass der Holdingsitz nun wegen des EU-Austritts zumindest teilweise nach Frankfurt verlagert werden müsse. Die Deutsche Börse, die LSE und die EU-Kommission wollten sich zum bevorstehenden Aus für den Zusammenschluss nicht äußern.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

22.03.2017, 15:56 Uhr


Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×