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03.12.2013

20:26 Uhr

Machtkampf in Kiew

Banken fürchten Chaos in der Ukraine

VonHans-Peter Siebenhaar

Den Österreichern reicht's: Raiffeisen International stellt die viertgrößte Bank der Ukraine zum Verkauf. Die Banken hoffen auf stabile Verhältnisse. Unicredit reagiert in dem osteuropäischen Land aber mit einer Fusion.

Proteste in Kiew am Dienstag: Die ausländischen Banken hoffen auf stabile Verhältnisse in der Ukraine. dpa

Proteste in Kiew am Dienstag: Die ausländischen Banken hoffen auf stabile Verhältnisse in der Ukraine.

Wien/KiewDie Banken fürchten angesichts des auf der Straße ausgetragenen Machtkampfes um die Stabilität der Ukraine. „Für eine Bank ist das Wichtigste, dass in einem Land stabile Verhältnisse bestehen“, sagte Gianni Franco Papa, stellvertretender Vorstandschef der Bank Austria, in Wien. „Wir hoffen auf eine Lösung in den nächsten Wochen.“ Der Italiener ist für das Osteuropa-Geschäft des Mutterhauses Unicredit zuständig.

Mit seiner Meinung steht Papa im Bankensektor nicht allein. „Die geringsten Probleme haben wir in Weißrussland. Dort herrscht Rechtssicherheit“, sagt ein Finanzexperte. Das ukrainische Nachbarland gilt als die letzte Diktatur in Europa.

Die österreichische Bank Raiffeisen International (RBI) will unterdessen aus der Ukraine aussteigen. Wie aus Unternehmenskreisen in Wien zu erfahren war, steht die ukrainische Tochter Bank Aval zum Verkauf – aber nicht zu jedem Preis. Ein Abschluss des Geschäfts wird aber nicht mehr in diesem Jahr erwartet. Der seit Sommer amtierende Vorstandschef Karl Sevelda erwartet einen Verkaufspreis von mehr als zwei Milliarden Euro.

Raiffeisen ist vor acht Jahren in dem knapp 46 Millionen Einwohner zählenden Land für 1,05 Milliarden Dollar eingestiegen und stellt heute mit der Raiffeisen Bank Aval JSC die mit einer Bilanzsumme von 4,9 Milliarden Euro viertgrößte Bank der Ukraine.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

Schon jetzt dominieren die Russen den ukrainischen Finanzmarkt. Sie kommen nach einer jüngsten Studie auf einen Marktanteil von 38 Prozent. An zweiter Stelle folgen die Österreicher mit 15 und die Italiener mit 14 Prozent Marktanteil. Unicredit will hingegen trotz des zunehmend brutalen Machtkampfs an der Ukraine als Bankenstandort festhalten. Um ihre Schlagkraft zu erhöhen, wurde auf einer außerordentlichen Hauptversammlung beschlossen, die beiden Banktöchter zu einer Einheit zusammenzulegen. Die neue Bank in der Ukraine besitzt eine Bilanzsumme von 3,3 Milliarden Euro. Das Geldhaus mit insgesamt 435 Filialen und 6000 Mitarbeitern firmiert nach Unternehmensangaben vom Dienstag künftig unter dem Namen Unicredit Bank.

Der bei der Bank Austria für das Geschäft in Mittel- und Osteuropa zuständige Gianni Franco Papa setzt in das Land trotz der aktuellen politischen Krise große Hoffnungen. Die Ukraine sei mit Bankfilialen unterversorgt, sagte der italienische Bankmanager in Wien. Er sieht das Land als interessanten Markt. „Die Ukraine ist Europa, und es ist ein Land, das Investitionen braucht“, sagte der Manager. Die Bank Austria steuert von Wien aus das Mittel- und Osteuropa-Geschäft von Unicredit in 14 Ländern. In den ersten neun Monaten erzielte die Einheit einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro.

Die Volkswirte von Unicredit erwarten für das kommende Jahr in der Ukraine ein Wirtschaftswachstum beim Bruttoinlandsprodukt von einem Prozent. In diesem Jahr gehen die Volkswirte von einem Nullwachstum aus.

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