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02.09.2016

14:58 Uhr

Matteo Renzi

„Banken müssen fusionieren“

Die italienische Bank Monte dei Paschi ächzt unter faulen Krediten. Beim jüngsten EU-Stresstest schnitt sie am schlechtesten ab. Der italienische Ministerpräsident fordert jetzt eine Konsolidierung der gesamten Branche.

Das 1472 gegründete Geldhaus schnitt beim jüngsten Stresstest der EU-Bankenaufseher so schwach ab wie kein anderes Institut in Europa. dpa

Krisenbank Monte dei Paschi di Siena

Das 1472 gegründete Geldhaus schnitt beim jüngsten Stresstest der EU-Bankenaufseher so schwach ab wie kein anderes Institut in Europa.

CernobbiaMinisterpräsident Matteo Renzi fordert Fusionen in der heimischen Bankenbranche. „Es gibt in Italien mehr Führungskräfte und Filialen als im Rest der Welt“, sagte Renzi am Freitag. „Das ist nicht gut.“ Er fügte hinzu: „Banken müssen fusionieren.“ Der Regierungschef gab sich zugleich optimistisch, dass eine Lösung für das kriselnde Bankhaus Monte dei Paschi di Siena gefunden werde. Er hoffte, dass bis Jahresende die dringend benötigte Kapitalspritze gesetzt werden könne.

Ob sich daran auch der Staat beteiligen wird, ist offen. „Das Finanzministerium wird abwägen, ob es sich an einer Kapitalerhöhung der Bank beteiligt, wenn Details vorliegen“, sagte Ressortchef Pier Carlo Padoan der Nachrichtenagentur Reuters. Das Ministerium ist größter Anteilseigner der Bank. Das 1472 gegründete Geldhaus schnitt beim jüngsten Stresstest der EU-Bankenaufseher so schwach ab wie kein anderes Institut in Europa.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

Insidern zufolge könnte es nun versuchen, durch die Umwandlung von Anleihen in Aktien das Volumen einer geplanten Kapitalerhöhung zu drücken. Diese würde damit für Investoren attraktiver. Statt wie bislang fünf Milliarden Euro würden dann nur noch etwa drei Milliarden Euro angepeilt werden müssen. Monte Paschi ächzt unter faulen Krediten.

Mit UniCredit will Medienberichten zufolge eine weitere Bank ihre Kapitalbasis stärken. Eine Fusion des konzerneigenen Vermögensverwalters Pioneer mit dem Konkurrenten Eurizon von Intesa SanPaolo werde allerdings nicht erwogen. „Das ist kein Thema“, sagte Intesa-Chef Gian Maria Gros-Pietro. Die gesamte Finanzbranche Italiens leidet unter Darlehen im Volumen von 360 Milliarden Euro, deren Rückzahlung auf der Kippe steht. Das entspricht etwa einem Fünftel des gesamten Kreditvolumens. EZB-Direktor Yves Mersch forderte, das Land müsse das Problem entschlossen angehen und legte Reformen nahe.

Die kriselnde Finanzbranche bedroht auch die Konjunktur. Von April bis Juni stagnierte das Bruttoinlandsprodukt der nach Deutschland und Italien drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone, gab das Statistikamt Istat nach endgültigen Berechungen bekannt. Damit hinkt das Land dem Währungsraum deutlich hinterher, wo die Wirtschaftsleistung im Schnitt um 0,3 Prozent zulegte. Dies bedeutet zugleich einen Rückschlag für Renzi, der Italien nach drei Jahren Rezession und einem leichten Wachstum 2015 nun wirtschaftlich wieder auf Kurs bekommen will. Die Regierung peilt für 2016 rund 1,2 Prozent Wachstum an, nach plus 0,8 Prozent im vorigen Jahr.

Von

rtr

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