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31.10.2011

13:33 Uhr

Milliarden falsch verbucht

Die absurden Zahlenspiele der HRE

VonFrank Wiebe

Die Bilanzierungspanne bei der Hypo Real Estate zeigt, wie absurd viele der Zahlenspiele sind, mit denen Unternehmen und Staaten die Öffentlichkeit beglücken. Wir müssen unsere Kennziffern verbessern. Ein Kommentar.

Mal schnell nachgerechnet: Bei der HRE wurden 55,5 Milliarden Euro falsch verbucht. dpa

Mal schnell nachgerechnet: Bei der HRE wurden 55,5 Milliarden Euro falsch verbucht.

Im Fall der Hypo Real Estate (HRE) scheint es sich um eine echte Panne gehandelt zu haben. Der Beweis: Während sich zum Beispiel der griechische Staat lange Zeit zum eigenen Vorteil verrechnet hat und einige, vor allem amerikanische Banken, mit zweifelhaften Tricks ihre Bilanzen schönen, hat die HRE sich nicht geschönt, sondern gehässlicht, wenn man das so sagen will.

Einer der Gründe dafür, Bad Banks zu bilden, war der Wunsch, problematische Wertpapiere nicht mehr nach internationalen Standards, sondern nach dem deutschen HGB bilanzieren zu können. Das erspart der Bad Bank, zu schnell Abschreibungen vornehmen zu müssen, und verzögert damit, dass diese Verluste in die staatlichen Haushalte durchschlagen. Auch eine Art Trick.

Die Bad Bank der Hypo Real Estate

Abwicklungsanstalt FMS

Die FMS Wertmanagement ist eine Abwicklungsanstalt, die die hochriskanten Giftpapiere der Krisenbank HRE als so genannte Bad Bank übernommen hat. Sie ist im Sommer 2010 gegründet worden, damit die verstaatlichte Immobilienbank Hypo Real Estate, die mittlerweile als Deutsche Pfandbriefbank auftritt, nach der Finanzkrise einen wirtschaftlichen Neubeginn starten konnte.

Die Aufgaben

Im Oktober 2010 lagerte die HRE Risikopapiere im Wert von 175 Milliarden Euro in die Bad Bank aus. Diese giftigen Papiere soll die FMS Wertmanagement in den kommenden zehn Jahren möglichst ohne größere Verluste wieder zu Geld machen. Die Abkürzung FMS steht für Finanzmarktstabilisierung.

Wer für Verluste zahlt

Für die Verluste der öffentlich-rechtlichen Abwicklungsanstalt kommt der staatliche Rettungsfonds Soffin auf, letztendlich also der Steuerzahler. Im ersten vollständigen Geschäftsjahr 2011 verhagelte die Griechenland-Krise das Ergebnis. Die Risikovorsorge für die Hellas-Papiere betrug 8,9 Milliarden Euro. Insgesamt steht ein Verlust von 9,97 Milliarden Euro zur Buche.

Personal

Die HRE-Bad-Bank beschäftigt der Bilanz zufolge 92 Mitarbeiter. Mitte des Jahres waren es noch rund 70 Mitarbeiter. Zudem greift die Abwicklungsanstalt je nach Bedarf auf externe Dienstleister zurück, die auch beratend tätig sind, und kooperiert mit Unternehmen der HRE-Gruppe.

Die Köpfe der FMS

Den Vorstand der FMS Wertmanagement teilen sich Christian Bluhm und Ernst-Albrecht Brockhaus. Bluhm war zuvor im Management der Bank Credit Suisse, Brockhaus kommt von der Bayerischen Landesbank, wo er auch für die Liquiditätsplanung und -sicherung der BayernLB zuständig war. Die FMS hat einen aus sechs Mitgliedern bestehenden Verwaltungsrat.

Eines ist aber beim HGB wie auch bei den in Europa gebräuchlichen internationalen Standards ganz ähnlich: Im Vergleich zu amerikanischen Bilanzen wird werden hier Aktiv- und Passiv-Positionen nur in Ausnahmefällen in der Bilanz gegeneinander aufgerechnet. Bei dem Rechnungsfehler der HRE-Bad-Bank handelte es sich aber um so einen Ausnahmefall, was offenbar die Buchhalter und ihre Prüfer übersehen haben. In Amerika wäre das nicht passiert, weil dort ohnehin sehr großzügig saldiert wird.

Das Beispiel zeigt aber auch, wie gefährlich es ist, die offiziellen Verschuldungsquoten der Staaten allzu ernst zu nehmen. Dabei bilden unterschiedliche Bilanzierungsregeln von angehängten Unternehmen nur eine kleine Quelle der Unsicherheit. Weitaus größer sind andere Unterschiede - etwa die Frage, ob den Schulden des Staates Vermögen gegenüber steht, zum Beispiel in Form von Pensions- oder Staatsfonds. Auf der kommunalen Ebene in Deutschland hat man vor einigen Jahren, mit mäßigem Erfolg, eine Buchführung eingeführt, bei der neben Schulden auch Vermögenswerte erfasst werden.

Ergebnisse des Euro-Krisengipfels

Neue Kredite

Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.

Einbeziehung von Banken

Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.

Neue Aufgaben für Krisenfonds

Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.

Irland und Portugal

Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.

Budgetdefizite

EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.

Banken-Stresstests

Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.

Wirtschaftliche Koordination

Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.

Rating-Agenturen

Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Ratingagentur etablieren.

Krisenmanagement

In der Eurozone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzenden der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.

Bei so einer Buchhaltung hätte der Rechenfehler bei HRE letztlich keinen großen Unterschied gemacht. Im Fall von Griechenland ist auch immer wieder behauptet worden, den hohen Schulden des Landes stünde auch ein großes Vermögen, zum Teil in Form von Immobilien gegenüber. Möglicherweise werden wir also in einigen Jahren gar nicht mehr allein von Verschuldung in Prozent des Bruttoinlandprodukts reden, sondern Staaten und ihre finanzielle Stabilität ähnlich wie bei Unternehmen bewerten. Nachdenken sollte man darüber - auch unabhängig von peinlichen Buchungspannen.

Griechische Schuldenkrise: wichtige Termine bis zum Jahresende

23./24. Oktober 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

1. November 2011

Mario Draghi ersetzt Jean-Claude Trichet als Präsident der EZB.

3. November 2011

EZB Zinsentscheid in Frankfurt, G-20-Gipfel in Cannes.

4. November 2011

G-20-Gipfel in Cannes.

7./8. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

11. November 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

18. November 2011

1,6 Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29./30. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

8. Dezember 2011

EZB-Zinsentscheid in Frankfurt.

9. Dezember 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

16. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

19. Dezember 2011

1,17 Mrd. Euro-Staatsanleihen werden fällig.

22. Dezember 2011

0,98 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

23. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29. Dezember 2011

5,23 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

30. Dezember 2011

0,71 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

Ende Dezember 2011

Siebte Tranche des Rettungspakets von 2010 steht zur Auszahlung an.

Kommentare (15)

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Baier

31.10.2011, 13:45 Uhr

seltsame Begründung des HB. Der Bilanzierungsfehler von 55Mrd (!) wird hier zum dubiosen Ausnahmefall reduziert. Wurden hier Aktiva falsch bewertet? Und die HRE bilanziert doch sicher nicht mehr nach HGB! Das Fachpiblikum des HB hat sicher Interesse an fundierter Erklärung des Vorfalls, nicht an nebulösen Darstellungen für ein Laienpublikum. Das sollte man klären

Mark_und_Pfennig

31.10.2011, 13:48 Uhr

Sie glauben an den Irtum???

Im günstigsten Fall, wenn ich also keine Absicht den Staat zu erleichtern, sehen will, in diesem Fall also halte ich es auch für möglich, dass man noch schlimmer drohendem Unheil vorbeugen wollte.

Ein Versehen, wie Sie es darstellen, halte ich für völlig ausgeschlossen.
(PS: War sowohl lange im Staatsdienst, als auch lange bei Banken beschäftigt, teilweise beides gleichzeitig.)

Zahlenfuchs

31.10.2011, 14:08 Uhr

Gratulation zu einem vollkommen sinnfreien und verfälschenden Artikel. Allein die Hypothese, dass die Bilanzierung nach HGB "schlecht" und die Saldierungen nach angelsächsischen Vorbild"gut" seien, ist fachlicher Nonsens.

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