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03.02.2011

07:00 Uhr

Milliardendeal

Russlands Börsen fusionieren

VonFlorian Willershausen

Der Startschuss ist gefallen: Als erster Schritt auf dem Weg zum internationalen Finanzzentrum fusionieren nun die beiden Moskauer Börsen RTS und MICEX. Doch an einem fehlt es dennoch, was den Finanzplatz Moskau betrifft – nämlich Vertrauen.

Die Moskauer Börse MICEX: In etwa zwei bis drei Jahren soll auf die Fusion ein Börsengang folgen. Reuters

Die Moskauer Börse MICEX: In etwa zwei bis drei Jahren soll auf die Fusion ein Börsengang folgen.

MOSKAU. Seit Monaten sitzen Alexander Woloschin die Kreml-Strategen im Nacken. Der 54-Jährige hat von Präsident Dimitri Medwedew im vorigen April den Auftrag bekommen, Moskau zum internationalen Finanzzentrum aufzubauen. Doch Woloschin, ein besonnener Politiker mit Vollglatze, kam nicht recht voran – vermutlich, weil er die Dimension des Auftrags erst allmählich erkannte.

Nun, zehn Monate nach Amtsantritt, klopft Woloschin einen ersten Pfahl in den Boden: Die beiden Moskauer Börsen RTS und MICEX fusionieren. Zunächst soll MICEX hierzu eine Kontrollmehrheit in Höhe von 53,5 Prozent an RTS erwerben, teilte die russische Zentralbank gestern mit. Die Transaktion bewerte MICEX mit 3,45 Milliarden US-Dollar und RTS mit 1,15 Milliarden Dollar. Etwa zwei bis drei Jahre nach dem Zusammenschluss soll ein Börsengang folgen. Experten betrachten den Deal durchweg als sinnvoll: Mit der Fusion erhöht sich automatisch die Liquidität, die Risiken sinken. Und eine Großbörse mit konzentrierten Finanzdienstleistungen kann leichter Vertrauen generieren.

Vertrauen. Dieses Wort gefällt Alexander Woloschin nicht. Denn daran hapert es, wenn es um den Aufbau eines globalen Finanzplatzes Moskau geht: Nicht einmal heimische Konzerne wagen es, in großem Stil Anleihen in Moskau zu emittieren oder IPOs zu starten – was freilich auch damit zu tun hat, dass sich an traditionellen Kapitalmärkten wie London und an aufstrebenden Finanzplätzen wie Hongkong sehr viel mehr Kapital generieren lässt.

Hinzu kommt: Fast alle russischen Konzerne haben ihren Sitz in Offshore-Paradiesen, was nicht nur steuerliche Hintergründe hat, sondern auch das mangelnde Vertrauen der russischer Unternehmer in das Rechtssystem des Heimatlandes spiegelt. Es hilft aber nichts: Präsident Medwedew träumt vom Finanzzentrum – und Woloschin soll es schaffen. Dabei dürfte der Politologe mittlerweile sehr wohl wissen, dass den hehren Kreml-Träumen in der Realität ein marodes Finanzsystem im Wege steht.

Auch nach der Finanzkrise gibt es in Russland immer noch fast 1000 Banken – und in deren Bilanzen war noch im Dezember fast jeder fünfte Kredit mehr oder weniger ausfallgefährdet. Auch die Vergabe von Neukrediten läuft nicht optimal, sagt Jörg Bongartz, Chef der Deutschen Bank in Moskau: „Die Liquidität der Banken ist durchaus üppig, aber bei der Kreditvergabe hakt es noch.“

Russlands Pläne stoßen auf Kritik

Dazu fehlt den Bankenkontrolleuren zuweilen der Mut: Ende letzten Jahres kassierten sie bei der insolventen International Industrial Bank (IIB) die Lizenz erst, als deren Inhaber Sergej Pugatschow – ein Abgeordneter im russischen Oberhaus – politisch zum Abschuss freigegeben wurde.

Wenn Präsident Dimitri Medwedew im Ausland über seine Finanzplatzpläne sinniert, erntet er bisweilen Hohn für den Größenwahn. Zuletzt von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank. In Davos warnte er: Wenn ein Land künstlich ein Finanzzentrum schaffe, dürfe die Erweiterung der realwirtschaftlichen Basis nicht vernachlässigt werden. Sonst laufe man Gefahr, neue Blasen zu schaffen. Ackermann stößt sich wohl primär daran, dass Russland im Unterschied zum Rest der Welt keine Anstalten macht, den Derivatemarkt zu regulieren.

Indes, es gibt einige Verbesserungen: Woloschin arbeitet an einem Einlagensicherungssystem, Staatskonzerne emittieren verstärkt Rubel-Anleihen und ein Teil des 23 Milliarden Euro schweren Privatisierungspakets der Regierung soll in Moskau verkauft werden. Freilich sind das Trippelschritte, sie machen den Finanzplatz Moskau aber kalkulierbarer. Doch auch nach der anberaumten Börsenfusion, die im April rechtskräftig sein soll, ist der Weg zum globalen Finanzplatz noch weit. Vermutlich hat das auch Alexander Woloschin eingesehen.

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