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12.12.2016

12:05 Uhr

Monte dei Paschi

Darum ist die älteste Bank der Welt so gefährlich

VonSven Prange
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die Märkte fürchten eine neue Bankenkrise. Im Mittelpunkt steht die älteste Bank der Welt: Monte dei Paschi di Siena. Dabei ist die Bank eher klein. Warum zittert Europa trotzdem vor dem Geldhaus?

Die Monte dei Paschi ist eine kleine Bank – ungefährlich ist sie dennoch nicht. AFP; Files; Francois Guillot

Das Fundament bröckelt

Die Monte dei Paschi ist eine kleine Bank – ungefährlich ist sie dennoch nicht.

DüsseldorfDer bisherige Außenminister Paolo Gentiloni ist als Übergangs-Ministerpräsident Italiens noch nicht ganz im Amt, da droht ihm schon die Zeit davonzulaufen. Denn der Sozialdemokrat findet auf seinem Schreibtisch im Palazzo Chigi ein Dossier vor, das sein Vormieter und Mentor Matteo Renzi, der am Wochenende dort auszog, nach allen Regeln der Kunst verschleppt hat: die ungelöste Krise der Banca Monte dei Paschi – älteste Bank der Welt, drittgrößte Bank Italiens und nach allem was man zu Beginn dieser Woche weiß, der derzeit größte Krisenherd an Europas Finanzmärkten.

Gentiloni scheint zum Äußersten gehen zu wollen. Notfalls soll der italienische Staat der angeschlagenen Bank unter die Arme greifen und sie mit frischem Geld ausstatten, sagte ein Insider am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. „Es gibt Zuversicht im Wirtschaftsministerium, dass Monte dei Paschis Kapitalsuche erfolgreich sein kann“, sagte der Insider. „Sollte das Vorhaben scheitern, würde der Staat eine vorsorgliche Rekapitalisierung vornehmen. Der Fortbestand der Bank und der Spareinlagen der Kunden werden unter allen Umständen gesichert.“ Die Aktionäre jubelten. Papiere von Monte dei Paschi verteuerten sich am Montag um zeitweise mehr als zehn Prozent.

Monte dei Paschi & Co.: Gentiloni muss Italiens Banken retten

Monte dei Paschi & Co.

Premium Gentiloni muss Italiens Banken retten

Europa schaut gebannt auf Italiens neuen Regierungschef Gentiloni: Der muss die Krisenbank Monte dei Paschi auffangen – doch ihm läuft die Zeit davon. Allerorten geht die Angst um vor einem Aufflammen der Bankenkrise.

Für Gentioloni ist die Bankenkrise in Italien Wohl und Wehe zugleich: Der 62-Jährige wurde dem Vernehmen nach nur Interims-Regierungschef bis zu möglichen Neuwahlen in 2017, weil Staatspräsident Sergio Mattarella angesichts der sich zuspitzenden Bankenkrise schnell eine vertrauenserweckende Technokraten-Lösung brauchte. Der als Favorit gehandelte Finanzminister Pier Carlo Padoan sollte nicht aus seiner Rolle als oberster Troubleshooter in Italiens Bankenkrise das Amt wechseln.

Gleichzeitig ist für Gentiloni wenig zu gewinnen in der Bankenfrage: „Entweder macht er es den Europäern recht oder den Italienern – beides geht eigentlich nicht“, sagt Erik Jones, Chef des Johns Hopkins Institut Bologna und wirtschaftlicher Berater der sozialdemokratischen Regierung.

Um was geht es nochmal?

Im Sommer forderte die Europäische Zentralbank die Banca Monte dei Paschi auf, bis Jahresende fünf Milliarden Euro frisches Kapital aufzutreiben. Damit sollte dem enormen Anstieg fauler Kredite in der Bilanz Rechnung getragen werden. Von etwa 110 Milliarden Euro Kreditvolumen gelten laut EZB mindestens 47 Milliarden als akut ausfallgefährdet. Seitdem die Eurozone zu Beginn des Jahres die Regeln änderte, darf diese Kapitalerhöhung nicht mehr über den Staat erfolgen. Kriselt eine Bank, müssen zuerst private einspringen.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

Ein Bankenkonsortium unter Leitung der amerikanischen Bank JP Morgan und der italienischen Mediobanca machte sich daran, einen privaten Rettungsplan umzusetzen. Es wurde nachrangige Anleihen in Aktien umgetauscht und immer mal machten Gerüchte von neuen privaten Ankerinvestoren die Runde: Mal sollte es JP Morgan selbst sein, mal der Investmentfonds aus Qatar. Fakt ist: Bisher floss kein Geld und die Zeit ist knapp. Der im Sommer neu eingesetzte Chef Marco Morelli beantragte deswegen vergangene Woche eine Verlängerung der Frist bei der Europäischen Bankenaufsicht. Die aber wurde abgelehnt. Morelli bleiben nun 18 Tage, um fast vier Milliarden Euro aufzutreiben.

Kommentare (18)

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Herr Percy Stuart

12.12.2016, 13:26 Uhr

Schon in 2009 wurde hier in den HB-Kommentaren vor den überschuldeten italienischen Pleitebanken gewarnt. Damals strafte und wertete man von Seiten der Politik und von Seiten großer Teile der Medien die HB-Kommentatoren, die auf die Problematik überschuldeter Banken (nicht nur in Italien) hinwiesen, als „Verschwörungstherotiker“ ab. Die Euro- und Bankenkrise ist eben nicht überstanden, wie uns die Politiker seit Jahren erzählen „Aussage Merkel: „Wir sind gut durch die Krise gekommen“, „Deutschland geht es gut“, „Wir schaffen das!“. Schäuble: „Wir sind auf einem guten Weg!“
Ha Ha Ha, genau deshalb muss Draghi ja auch jeden Monat 80 Mrd. Euros in die Finanzmärkte pumpen und Staats- und Unternehmensanleihen aufkaufen, weil wir die Krise so gut überwunden haben.

Herr Percy Stuart

12.12.2016, 13:40 Uhr

Ihr (Wirtschafts)Medien wisst doch genauso gut, dass der Euro und die EU in jetziger Form grandios gescheitert ist. Der Euro ist ein fehlversuch, diese Währung funktioniert un großen Teilen der EU-Mitgleidsländer nicht. Man kann im Euro eben nur durch eine dauerhafte Weichwährung (für Deutschland viel zu weich, für die Südländer auch heute noch viel zu hart), über Produktivitätssteigerungen und gleichzeitiger Lohnstückkostensenkungen wettbewerbsfähig werden. Genau dass, was man mit der Agenda 2010 in abgeschwächter Form hier durchgezogen hat. Die Folgen sind ein immer weiter wachsender Niedriglohnsektor und erodierende Sozialsysteme, vor allem die gesetzliche Rente wurde durch diese Dumping-Wirtschaftspolitik massiv geschädigt. Uns verkauft man offene europäische Grenzen (Schengener Abkommen) als unverzichtbar, währenddessen man von Konzernseiten billig in Osteuropa produzieren lässt und den ganzen Kram dann per LKW durch Europa karrt. Dass ist der wahre Grund, warum im letzten Jahr die deutsche Grenze nicht geschlossen wurde und es Millionen von zumeist jungen Arabern und Afrikanern nach Deutschland zog, sie hier illegal einreisten, obwohl sie bereits vorher in sicheren Drittstaaten Zuflucht und Schutz fanden. Wenn es an Silvester wieder zu Übergriffen und Ausschreitungen kommt, dann wird es hier endgültig mit der noch entgegengebrachten Toleranz und dem Verständnis für angeblich „Traumatisierte“ von Seiten der Inländer vorbei sein. Dann gehen die nämlich auf die Barrikaden!

Herr Thomas Behrends

12.12.2016, 13:40 Uhr

Moin Harald,

ich gebe Dir vollkommen recht; die Verschleierungspolitik der global agierenden Politiker, die die Probleme schon im eigenen Land nicht sehen möchten, führt dazu, dass wir uns alle unweigerlich auf dem Weg ins Verderben befinden.

Der große Knall ist schon absehbar; aber lasst uns alle noch vorher fröhlich Urlaub auf Malle machen, damit wir das Elend zunächst einmal nicht sehen müssen ...

Der Realitätsverlust bei bescheuerten Berliner und EU-Politikern ist grenzenlos.

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