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09.12.2016

15:55 Uhr

Monte dei Paschi

EZB verschärft italienische Bankenkrise

Die Krisenbank Monte dei Paschi will mehr Zeit für ihren Rettungsplan – darauf pochen auch potenzielle Investoren. Doch die EZB lehnt ab. Die Aktie rauscht in den Keller. Jetzt könnte es wirklich eng werden.

Die älteste Bank der Welt ist zuletzt regelmäßig durch die europaweiten Banken-Stresstests gefallen. Die Bank leidet unter einem Milliardenberg fauler Kredite und braucht unbedingt frische Kapital. dpa

Monte dei Paschi

Die älteste Bank der Welt ist zuletzt regelmäßig durch die europaweiten Banken-Stresstests gefallen. Die Bank leidet unter einem Milliardenberg fauler Kredite und braucht unbedingt frische Kapital.

MailandDer italienischen Krisenbank Monte dei Paschi rennt die Zeit davon. Die EZB-Bankenaufsicht lehnte nach Informationen einer mit den Vorgang vertrauten Person vom Freitag die Anfrage des Instituts ab, ihr mehr Zeit zu geben, bei Investoren Geld für eine nötige Kapitalspritze einzusammeln. Monte dei Paschi hat wegen der Regierungskrise in Italien um eine Fristverlängerung bis zum 20. Januar gebeten. Die Rettung soll bis Jahresende erfolgen. Die EZB wollte die Berichte nicht kommentieren. Eine Bestätigung gab es auch von MPS nicht.

Mit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) nimmt nun der Druck auf die Regierung in Rom zu, selbst einzugreifen und die drittgrößte Bank des Landes zu retten. Denn es besteht die Gefahr, dass das Geldhaus aus der Toskana sonst abgewickelt werden müsste.

Solch ein Eingreifen des Staates könne sehr schnell erfolgen - dies sei innerhalb von Tagen denkbar, sagten Insider aus der Finanzbranche und Regierungskreise. Am Freitag traf sich Regierungskreisen zufolge Monte-Paschi-Chef Marco Morelli mit Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan sowie Vertretern der Banken JP Morgan und Mediobanca. Verwaltungsratschef Alessandro Falciai sagte, er sei überhaupt nicht besorgt angesichts der aktuellen Lage der Bank.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

Die Aktien gaben bis zum frühen Nachmittag um bis zu 14 Prozent nach, der Handel wurde zeitweise ausgesetzt. Der Kurs notierte am Nachmittag bei 19,31 Euro. Vor zwei Wochen hatte das Unternehmen die Aktien 100:1 zusammengelegt. Ohne diesen Schritt würde die Aktie bei 19 Cent notieren.

Italienische Banktitel lagen flächendeckend über vier Prozent im Minus. Auch die Deutsche Bank kann sich dem nicht entziehen und notiert drei Prozent im Minus – wie viele europäische Bankwerte. Der Gesamtmarkt hingegen notiert weiter leicht im Plus.

Potenzielle Investoren der schwer angeschlagenen Bank hatten auf mehr Zeit gedrängt. Mehrere Investmentbanken halten den Fahrplan für zu knapp bemessen. Auch mangele es an interessierten Investoren. Ein Konsortium von Investmentbanken muss darüber entscheiden, ob es bei der Kapitalerhöhung von fünf Milliarden Euro mitmachen will. Die Führung von Monte dei Paschi hat sich Regierungsvertretern zufolge inzwischen mit dem italienischen Wirtschaftsminister sowie Vertretern der Banken JPMorgan und Mediobanca getroffen.

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Das Geldhaus aus der Toskana ächzt unter einem Milliardenberg fauler Kredite und braucht dringend frisches Kapital. Der Rettungsplan war ursprünglich bis Ende Dezember angelegt und setzte auf eine privatwirtschaftliche Lösung: Die älteste Bank der Welt wollte am Markt fünf Milliarden Euro einsammeln – über eine Kapitalerhöhung und einen Anleihetausch. Doch die Suche nach neuen Ankerinvestoren gestaltete sich zuletzt wegen der Regierungskrise schwieriger als erwartet.

Möglich ist jetzt eine Teilverstaatlichung. Spielraum für eine solche Lösung gibt es: Die Verordnungen der Europäischen Union lassen prinzipiell eine „vorsorgliche Rekapitalisierung“ einer Bank durch den Staat zu, um eine drohende Schieflage abzuwenden.

Insidern zufolge könnte das Finanzministerium in Rom Nachrang-Anleihen von etwa 40.000 Kleinanlegern aufkaufen und diese Bonds dann in Aktien umwandeln. Damit würde der Staatsanteil an der Bank von derzeit vier auf bis zu 40 Prozent steigen. Bis zum Wochenende sei eine solche Transaktion - insgesamt zwei Milliarden Euro schwer - durchaus möglich, hatte es zuletzt geheißen.

Von

rtr

Kommentare (15)

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Herr Tom Schmidt

09.12.2016, 14:57 Uhr

Interessante Thematik... aber so ganz kann ich das auf Basis des Artikels nicht nachvollziehen.

Frage 1: Was wäre jetzt an einer Abwicklung so schlimm?
Frage 2: Prinzipiell wurde doch das Retten durch den Steuerzahler doch eher erschwert? Oder wie war da der Status?
Frage 3: Gibt es da eine Lücke in den EU Vorschriften (die oben zitiert wurde)? Oder wie ist eine drohende Schieflage zu verstehen? Schieflage der Bank, oder des Bankensystems, oder der Volkswirtschaft?


Account gelöscht!

09.12.2016, 16:51 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Account gelöscht!

09.12.2016, 17:08 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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