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23.12.2016

11:45 Uhr

Monte dei Paschi

Italienische Bankenrettung – etwas für Wohlhabende

Die italienische Regierung hat beschlossen, der Krisenbank Monte dei Paschi mit Milliarden beizuspringen. Kleinanleger mit Bankanleihen sollen keine Verluste erleiden. Doch ganz so arm sind die geschützten Sparer nicht.

Monte dei Paschi

Per Notfallverordnung – So soll die älteste Bank gerettet werden

Monte dei Paschi: Per Notfallverordnung  – So soll die älteste Bank gerettet werden

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RomDie italienische Regierung setzt alles daran, die Bankenbranche des Landes so zu stützen, dass Kleinsparer mit Bankanleihen keine Verluste erleiden. Doch „Kleinsparer“ scheint in diesem Fall recht relativ zu sein.

Denn eine Analyse der Nachrichtenagentur Bloomberg auf Basis von Daten der italienischen Notenbank zeigt: Nur 5,4 Prozent der italienischen Haushalte besitzen Bankanleihen. Und diese Haushalte verfügen im Mittel über ein mehr als doppelt so großes Vermögen wie der nationale Durchschnittshaushalt.

Das italienische Regierungskabinett hatte in der Nacht auf Freitag zugestimmt, bis zu 20 Milliarden Euro in die Stabilisierung des Finanzsektors zu stecken, nachdem die drittgrößte Bank des Landes – Banca Monte dei Paschi di Siena – mit dem Versuch gescheitert war, neue Investoren für eine dringend benötigte Kapitalerhöhung in Höhe von fünf Milliarden Euro zu finden. Die Regierung hat versprochen, dass Kleinsparer als Folge von Bankenrettungen keine finanziellen Einbußen befürchten müssen.

Doch die Berechnung von Bloomberg lässt Zweifel an dem Argument aufkommen, dass die Stabilisierung der Banken vor allem zum Schutz von Rentnern und Familien erfolgen müsse. EU-Regeln sehen eigentlich vor, dass die Besitzer von nachrangigen Anleihen Verluste hinnehmen müssen, bevor – unter besonderen Umständen – öffentliche Mittel zur Stützung von Banken aufgebracht werden dürfen.

Die mehr als 550-jährige Geschichte von Monte Paschi

1472 bis 1624: Gründung

Gegründet wurde das älteste heute noch existierende Bankhaus aus der Not heraus. Nachdem die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Siena ausgerottet hatte, gründeten mehrere franziskanische Mönche Pfandhäuser, um den Armen auf die Beine zu helfen. Daraus entstand 1472 die Monte Pio. Nahezu 200 Jahre behielt sie diesen Namen, bis sie ihn 1624 in Monte dei Paschi änderte. Das sollte ihren Fokus auf Landwirtschaftskredite betonen.

1936: In Zeiten des Faschismus

Unter dem faschistischen Führer Benito Mussolini wird die Bank unter die Kontrolle lokaler Politiker gestellt. Einige ihrer Gewinne werden zu der Zeit abgezweigt, um zivile Aktivtäten zu fördern, so etwa das Palio-Pferderennen in Siena.

1995: Aufspaltung

Im Jahr 1995 dann wird das ehemalige Pfandhaus eine Aktiengesellschaft. Fortan operiert sie unter ihrem heutigen Namen: Banca Monte dei Paschi di Siena SpA. Gleichzeitig teilt sich das Bankhaus in zwei Teile. Die Banca Monte dei Paschi Siena SpA und die Fondazione Monte dei Paschi di Siena, eine Non-Profit-Stiftung. Letztere übernimmt eine Kontrollfunktion und nutzt die ausgeschütteten Dividenden, um zivile Projekte zu unterstützen.

1999: Börsengang

Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, geht die Bank an die Börse. Wird sie am Anfang noch für einem Aktienpreis von 3,85 Euro gelistet, ist sie dank riesiger Nachfrage schon bald das zehnfache Wert.

2007: Aufstieg

Nach dem Börsengang geht es steil bergauf für das alteingesessene Geldhaus. Nachdem Monte Paschi 2007 den Rivalen Antonveneta gekauft hatte, wurde die Bank zum drittgrößten Kreditgeber Italiens. Der Wert des Deals wurde damals auf über neun Milliarden Euro taxiert.

2008 bis 2011: Verluste und Finanzspritze

Zwischen 2008 und 2011 nutzt der damalige Chef von Monte Paschi, Giuseppe Mussari, insbesondere Derivate, um Verluste in Höhe von mehr als 925 Millionen US-Dollar wieder auszugleichen. Dafür zahlt die italienische Bank mehr als 200 Millionen US-Dollar an Gebühren an Merrill Lynch, JPMorgan Chase & Co und die Deutsche Bank. 2009, inmitten der europäischen Finanzkrise, muss die italienische Regierung die Bank mit 1,9 Milliarden Euro unterstützen.

2012 bis 2013: Bailout

Zu Beginn des Jahres 2012 tritt Giuseppe Mussari, damaliger Chef der Bank, zurück. Kurz darauf erregen zwei Mitteilungen der Bank die italienischen Gemüter: Um Verluste zu verdecken, hatte sich die Bank je zwei Milliarden Euro von der Deutschen Bank und Nomura Holding geliehen – doch vergebens. Nur einen Monat später muss die italienische Regierung die Bank mit 4,07 Milliarden Euro unterstützen. Die EU segnet daraufhin einen Sanierungsplan für die Bank ab. Dieser sieht mehr als 8.000 Kündigungen und einem Verkauf von 3 Milliarden Euro in Dividenden vor.

2014 bis 2015: Verurteilung und faule Kredite

Nur ein Jahr nach der Absegnung des Sanierungsplans fällt die Bank durch den Stresstest der EZB. Mehr als 2,5 Milliarden Euro würden dem Geldhaus im Ernstfall fehlen, so die Kalkulation. Im selben Monat werden drei ehemaliger Mitarbeiter, darunter Ex-Chef Mussari, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie legten Berufung ein. Ende des Jahres dann der nächste Schock: Die Bank besitzt mehr als 52 Milliarden an faulen Krediten. Nur die Hälfte davon ist gedeckt.

2016: Versagen beim Stresstest

Doch die Bank kommt einfach nicht zur Ruhe. Zu Beginn des Jahres stürzt die Aktie von Monte Paschi um 61 Prozent ab. Nur wenige Monate später starten Gespräche zwischen Italien und der EU-Kommission, um einen Plan zu entwickeln, Monte Paschi zu rekapitalisieren. Im Juli dann fällt die Bank durch den Stresstest für Kreditgeber: Unter Annahme des härtesten Szenarios wäre von Monte Paschis Kapital nichts mehr übrig. Die Bank plant nun, faule Kredite in Höhe von 27,7 Milliarden Euro für einen Gesamtpreis von 9,2 Milliarden Euro zu veräußern.

Ende 2016: Verstaatlichung

Kurz vor Weihnachten beschließt die italienische Regierung ein Bankenrettungspaket. Monte dei Paschi beantragt eine staatliche Rekapitalisierung. Die drittgrößte Bank des Landes steht unmittelbar vor der Verstaatlichung.

„Es gibt den Hang in Italien, das emotionale Argument des Schutzes von Rentnern, Witwen und Waisen anzuführen, während in Wahrheit Leute geschützt werden, die das nicht verdient hätten“, sagt Nicolas Veron vom Brüsseler Think Tank Bruegel. „Den Wettbewerbsexperten der Europäischen Kommission ist das sehr wohl bewusst. Aber in Italien ist das im Prinzip ein Tabu.“

Italiens Finanzminister Pier Carlo Padoan hatte am Mittwoch vor dem Parlament versichert, dass es „maximalen Schutz für Kleinsparer“ geben werde, die Bankanleihen besitzen. Das Büro von Ministerpräsident Paolo Gentiloni bestätigte diese Woche, dass das Ziel sei, „Sparer zu schützen“.

Kommentare (3)

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Herr Moritz J. Mueller

23.12.2016, 14:50 Uhr

@Frau Lana Ebsel. Spareinlagen sind Europaweit bis zu einem Betrag von € 100.000,- gedeckt. Heist hierfür kommt der Steuerzahler auf. Bankenrettung findet nur statt um den Reichen ihre einlagen zu sichern. Und diejenigen die in hochverzinsten Anleihen investiert haben, haben eben das Risiko, welches damit einher geht, nicht bedacht.

Frau Lana Ebsel

23.12.2016, 16:24 Uhr

@Moritz J. Müller
Sie haben es nicht kapiert. Die Reichen sollen mit der Rettung durch den italienischen Staat, der sein Geld letztendlich von Mario Draghi und also uns bekommt, eben nicht in Haftung kommen.

Herr Peer Kabus

23.12.2016, 17:31 Uhr

@Rainer von Horn

Wie kommen Sie nur darauf, dass man bei den Abwicklungsregeln vorhatte, diese einzuhalten?

Ich kenne keine Vereinbarung und keinen Vertrag im Zusammenhang mit dem Euro, der je eingehalten worden wäre. Warum sollte das ausgerechnet bei dem kranken Versuch, per Bankenunion den Euro retten zu wollen, anders sein?

Je mehr und rücksichtsloser Staaten wie Italien, Frankreich, Griechenland, um nur einige zu nennen, ihre eigenen Interessen gegen die Verträge durchsetzen, desto früher bricht das Kartenhaus zusammen. Und das wünsche ich mir in der Tat. Denn nur dann, wenn der dummdeutsche Wähler erkennt, welchen Scharlatanen und selbstherrlichen Berufspolitikern er aufgesessen ist und er die Folgen zu tragen hat, haben wir eine Chance, dass diese verfluchten Gesinnungstäter (sogenannte Gesinnungsethiker von Verantwortungsethikern abgelöst werden können.

Es gab in der WiWo dieser Tage einen Artikel, in dem zu Gesinnungsethikern eine Meinung geäußert wurde, wonach von 10 Gesinnungsethikern 9 Windbeutel sind.

Lassen wir den Windbeuteln die Luft raus.

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