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24.09.2012

16:43 Uhr

Mordfall Jakob von Metzler

Die verdrehte Frage nach der Schuld

VonSebastian Ertinger

Vor zehn Jahren wurde Jakob von Metzler entführt. Die Polizei drohte dem Täter mit Folter, um den Bankier-Sohn zu retten – und machte sich schuldig. Nun widmet sich ein Film der wirren Wahrnehmung von Täter und Opfer.

Bankier Friedrich von Metzler in der Zentrale des Bankhauses Metzler in Frankfurt am Main. dapd

Bankier Friedrich von Metzler in der Zentrale des Bankhauses Metzler in Frankfurt am Main.

DüsseldorfWer ist das Opfer, wer der Täter? Manchmal gerät die Antwort auf eine eigentlich einfach zu beantwortende Frage durcheinander. Denn bei spektakulären Kriminalfällen rücken oft die Täter in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Opfer und ihre Familien werden an den Rand gedrängt, ihr Leid übersehen.

Das war auch bei der Entführung des Bankier-Sohns Jakob von Metzler durch den Jurastudenten Magnus Gäfgen vor zehn Jahren so. Doch damals drängte nicht allein die Faszination an der abgrundtiefen Bösartigkeit des Täters in den Brennpunkt. Das Frankfurter Entführungsdrama hatte noch eine andere Qualität. Die Polizei drohte Gäfgen Folter an, sollte der nicht verraten, wo er Jakob versteckt hält. Eine lange Diskussion über die Rechte der Staatsgewalt in Notsituationen schloss sich an.

Wie Sie sich auf Skandale vorbereiten

Bewusstsein schärfen

Diskutieren Sie im engeren Führungskreis regelmäßig, welche Aspekte der Unternehmenspolitik als problematisch wahrgenommen werden könnten. Mitarbeitern muss klar sein, dass das Verheimlichen auch scheinbar irrelevanter Vorkommnisse schädlich sein kann.

Dossiers vorbereiten

Bereiten Sie für skandalträchtige Themenfelder ein Dossier mit allen verfügbaren Informationen vor, um im Ernstfall schnell reagieren zu können. Dazu zählt auch das stete Beobachten relevanter Internet-Kanäle.

Mediennetzwerk knüpfen

Nur wer gute Kontakte zu Multiplikatoren und Meinungsbildnern in allen Mediensparten hat - dazu zählen heute auch Blogger -, hat die Chance, im Krisenfall Einfluss zu nehmen.

Schnellschüsse vermeiden

Wenn Sie Vorwürfe unvorbereitet treffen, voreilige Stellungnahmen vermeiden. Besser: zugeben, dass Sie noch Zeit brauchen, und rasche Aufklärung ankündigen.

Wahrheit sagen

Die beste Kommunikationsstrategie heißt: Die Wahrheit muss auf den Tisch. Selbst kleinste Fehler zerstören das wichtigste Gut der Krisenkommunikation: Vertrauen.

Anschaulich kommunizieren

Stellen Sie etwaige Schäden in einen plastischen Kontext ("Wie viel dioxinverseuchte Eier müsste man essen, um sich zu vergiften?"). Sonst geht die Bevölkerung vom größtmöglichen Schaden aus.

Opferrolle einnehmen

Für nicht bestreitbare Missstände muss eine glaubwürdige Erklärung her. Schlüpfen Sie in die Opferrolle ("Was hätten wir tun sollen? Wir mussten so handeln!") - das erregt Mitleid.

Für den Vater des Kindes, Friedrich von Metzler, muss die Welt dennoch Kopf gestanden haben. Recht und Gerechtigkeit schienen durcheinandergeraten. Der Privatbankier, der als freundlich, offen und gutherzig gilt, leidet noch heute. Wenn Metzler über seinen Sohn spricht, kommen ihm immer noch die Tränen. In der Öffentlichkeit hat der Leiter einer der ältesten Privatbanken Deutschlands nie über die Ereignisse im Herbst 2002 gesprochen.

Ausgerechnet ein Film über die Entführung und den Tod seines Sohnes rückt nun für von Metzler die Verhältnisse wieder zurecht. Das ZDF hat das Verbrechen in einem halb-dokumentarischen Spielfilm aufgearbeitet. Im Zentrum steht dabei nicht der Kidnapper Gäfgen, sondern der damalige Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner.

Der wurde zu einer tragischen Helden-Figur. Im Herbst 2002 entführte Magnus Gäfgen von Metzlers Sohn und forderte eine Million Euro Lösegeld von den Eltern – der Jurastudent wollte so seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren. Nach der Geldübergabe beschattete die Frankfurter Polizei Gäfgen in der Hoffnung, dass er den Weg zu dem Kind weist - den elfjährigen Jakob hatte er aber bereits kurz nach der Entführung erstickt.

Als sich Gäfgen ins Ausland davonstehlen wollte, griffen die Ermittler zu. Dann begannen die verhängnisvollen Verwirrungen, welche die klaren Seiten von Opfer und Täter, Recht und Gerechtigkeit durcheinanderwirbelte. Im Glauben, Jakob sei noch am Leben und in größter Gefahr, wies Polizeipräsident Daschner einen Ermittler an, dem Entführer mit Gewalt zu drohen.

Kommentare (43)

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Account gelöscht!

24.09.2012, 17:24 Uhr

Am Ende der Rechnung muss immer stehen: Wer ist Täter, wer ist Opfer. Und es muss (nahezu) ALLES getan werden, um dem Opfer Hilfe und Recht zu gewähren.
Den Täter zu schützen ist pervers.

WernerR

24.09.2012, 17:27 Uhr

Gafgen hätte ohne weiteres sagen können, wo sich das Kind befindet, und niemand hätte ihm irgendwie gedroht. Mag sein, dass es juristisch problematisch ist, in einem Fall wie diesen einen Verdächtigen (verbal!) unter Druck zu setzen, aber ich möchte gerne mal diejenigen von Amnesty International oder den Demonstranten sehen, wenn sie in der Situation sind und ihr Kind entführt wurde. Offen gesagt finde ich die Reaktion von denen widerlich.
"Held" ist der falsche Ausdruck, aber für mich hat die Polizei völlig korrekt gehandelt. Aber in Zukunft wird man den Kindern wohl die kleine Chance auf Rettung verweheren, weil irgend jemand nicht sagen möchte, wo er sie versteckt hat und seine Menschenwürde auch in dieser Situation über der des Opfers steht.
Sehr gut, dass hierzu nun mal einen Film gibt!

scharfschuetze

24.09.2012, 17:37 Uhr

Ein Gäfgen hat keine Menschenwürde

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