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10.01.2017

17:27 Uhr

Nach Cum-Ex-Deals

J. Safra Sarasin soll sich aus Deutschland zurückziehen

VonOzan Demircan, Volker Votsmeier

Die Privatbank aus Basel hatte zehn Jahre versucht, hierzulande Geschäfte zu machen – vergeblich. Nun soll das Geldhaus, das vor allem mit Cum-Ex-Geschäften bekannt geworden war, Deutschland den Rücken kehren.

Die Bank soll ihr Deutschlandgeschäft aufgeben. Reuters

J. Safra Sarasin

Die Bank soll ihr Deutschlandgeschäft aufgeben.

Zürich/DüsseldorfKennen Sie die Bank J. Safra Sarasin? Dämmert es vielleicht bei den Begriffen Cum-Ex, Ermittlungen oder beim Namen Carsten Maschmeyer? So ging es vielen in Deutschland: Sie kannten die Bank als Skandalinstitut und weniger als anerkanntes Geldhaus. Deshalb zieht sich die brasilianisch-schweizerische Privatbank laut Medienberichten aus der Bundesrepublik zurück. Das Deutschland-Geschäft werde im Laufe des Jahres 2017 abgewickelt, zitierte das Schweizer Finanzportal finews am Dienstag zwei Quellen. Die Bank lehnte bislang einen Kommentar zu der Angelegenheit ab.

Die Bank stand im Mittelpunkt des deutschen Finanzskandals um sogenannte „Cum-Ex“-Deals. Dabei werden Aktien um den Dividenden-Stichtag mehrmals zwischen verschiedenen Insidern verkauft. Dadurch konnten sich die Beteiligten mehrfach die Kapitalertragssteuer erstatten lassen, obwohl sie diese nie gezahlt hatten. Anfangs funktionierte das Modell, weil der deutsche Fiskus noch mitspielte.

Steuertricks mit Aktien: Cum-Ex

Was sind eigentlich „Cum-Ex-Geschäfte“ genau?

Steuerrechtlich sind diese Aktiendeals schon lange heiß umstritten. Bei den auch „Dividendenstripping“ genannten Geschäften geht es um den raschen Kauf und Verkauf von Aktien rund um den Dividendenstichtag, um Kapitalertragssteuern mehrfach vom Fiskus erstattet zu bekommen. Von Banken bekamen sie eine Bestätigung, eine Kapitalertragsteuer abgeführt zu haben, was sie beim Fiskus mehrfach steuerlich geltend machten - obwohl sie so nicht gezahlt hatten. Die Behörden kamen dem erst später auf die Schliche. Sie gehen nun davon aus, dass die Tricksereien illegal waren.

Waren diese Geschäfte auch etwas für Kleinanleger?

Eher nicht. Eine Reihe von Banken sollen laut Presseberichten solche Geschäfte betrieben haben, teils im Eigenhandel, teils im Auftrag vermögender Kunden. Für Kleinanleger ist das Ganze dagegen nichts. Schon alleine deshalb, weil sich der Aufwand bei kleineren Summen nicht rechnet. Sie hätten nur geringe bis keine Chancen gehabt, an solchen Deals zu verdienen.

Warum waren solche Geschäfte überhaupt möglich?

Banken und Investoren nutzten bestimmte Eigenheiten der Abwicklungssysteme an den Börsen, aber auch steuerrechtliche Besonderheiten - und das offensichtlich über Jahre hinweg und mit Wissen von Bund, Ländern und Finanzbehörden. So erklärte der Bundesfinanzhof das Dividendenstripping bereits in einem Urteil aus dem Jahr 1999 für grundsätzlich rechtens. Geschlossen wurde das Schlupfloch aber erst 2012 durch eine Neuregelung der Nachweispflichten. Ob Investoren mit solchen Geschäften eine unzulässige Steuergestaltung betrieben, wird die zentrale Frage bei der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesfinanzhof sein. Sie wird allerdings wegen des Steuergeheimnisses aller Voraussicht nach unter Ausschluss der Öffentlichkeit geklärt.

Um wieviel Geld geht es?

So genau weiß das niemand. Weil sehr viele Geschäfte dieser Art in verschiedensten Varianten abgewickelt worden sein sollen, wird die Summe nach Medienberichten auf bis zu zwölf Milliarden Euro geschätzt. An anderer Stelle ist von „nur“ einer Milliarde Euro die Rede, was die ausstehenden Forderungen der Länder betrifft. Alleine die Hypovereinsbank, die früher solche Geschäfte betrieben haben soll, hat für den Fall, dass sie Steuern nachzahlen muss, vorsorglich 200 Millionen Euro zurückgelegt. Auch der krisengeschüttelten HSH Nordbank drohen Steuernachzahlungen, sie hatte Rückstellungen von 127 Millionen Euro angekündigt.

Wer ist an dem Verfahren vor dem BFH beteiligt?

Es geht dem Vernehmen nach um eine Gesellschaft, hinter der Anleger stehen und die ein Depot zur Abwicklung führte sowie ein Finanzamt aus Norddeutschland. Auch der Bund ist involviert. Grund für die unklaren Angaben ist das Steuergeheimnis. Das macht es auch schwierig, einen deutschlandweiten Überblick über das Thema zu bekommen. Von mehr als 50 Verfahren berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf die Länder. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die sich schwerpunktmäßig mit „Cum-Ex-Geschäften“ befasst, lässt nur wissen, dass sie aktuell in vier Verfahren wegen Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.

Wann fällt die Entscheidung?

Nach einer mündlichen Verhandlung mit Rechtsgespräch treffen die Richter des Bundesfinanzhofes ihre Entscheidung, über die die streitenden Parteien innerhalb von 14 Tagen zu unterrichten sind. Anschließend darf der BFH auch die Öffentlichkeit informieren. Schriftlich liegt das Urteil nach etwa zwei bis drei Monaten vor.

Wie könnte das Verfahren ausgehen?

Das oberste deutsche Steuergericht hat sich schon mehrfach mit dem Dividendenstripping befasst - und es dabei teils für rechtens erklärt. Doch das muss nichts heißen, denn die Richter könnten im aktuellen Fall auch zu einem anderen Ergebnis kommen.

Welche Tragweite hat das Urteil?

Klar ist: Beim Bundesfinanzhof liegen immer Einzelfälle auf dem Tisch - die aber Signalwirkung haben können. Wie die Finanzbehörden die Entscheidung letztendlich umsetzen werden, muss aber abgewartet werden. Möglich wäre beispielsweise auch, dass das Bundesfinanzministerium zu dem Urteil einen sogenannten Nichtanwendungserlass ausgibt, wenn es damit nicht einverstanden ist. Dann wäre die Entscheidung nur auf den konkreten Einzelfall anzuwenden, nicht aber auf andere, vergleichbare Fälle.

Doch schließlich verweigerte die Finanzverwaltung die Erstattung und die Fonds floppten. Im Jahr 2012 schloss das Bundesfinanzministerium schließlich die Steuerlücke. Im November desselben Jahres begann für J. Safra Sarasin eine Odyssee in Deutschland, von der sich das Institut offenbar nicht mehr erholen konnte. Damals durchsuchten über 60 Staatsanwälte, Steuerfahnder und Polizeibeamte unter anderem Büros der deutschen Niederlassung der Bank.

Zahlreiche namhafte Kunden überwarfen sich mit der Bank, unter ihnen etwa AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, Drogerieunternehmer Erwin Müller oder Fleischfabrikant Clemens Tönnies. Noch heute sind Schadensersatzklagen anhängig. Erwin Müller etwa verklagt Sarasin vor dem Landgericht Ulm auf rund 50 Millionen Euro Schadensersatz.

Im Oktober 2014 dann die nächste Razzia: Die Staatsanwaltschaft Köln startet zusammen mit Schweizer Kollegen eine Großrazzia im Umfeld der Bank gegen mehr als 30 Personen. Zu den Beschuldigten gehört auch der Steueranwalt Dr. Hanno Berger, dessen Haus in der Schweiz ebenfalls Ziel der Ermittler ist. Es ging um den Verdacht der schweren Steuerhinterziehung und des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs im Zusammenhang mit dem Vertrieb von Cum-Ex-Fonds.

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