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22.06.2012

10:05 Uhr

Nach der Parlamentswahl

Griechische Sparer bringen Geld zurück

VonGerd Höhler

In den vergangenen Wochen sind die Bankeinlagen in Griechenland infolge der Vertrauenskrise dramatisch gesunken. Nun zeichnet sich eine Kehrtwende ab. Doch die Institute haben noch viel gravierendere Probleme.

In den vergangenen Monaten holten die Bankkunden immer mehr Geld von ihren Konten. Nun scheinen sie wieder ein wenig zurückzubringen. dpa

In den vergangenen Monaten holten die Bankkunden immer mehr Geld von ihren Konten. Nun scheinen sie wieder ein wenig zurückzubringen.

AthenMittwochmorgen in der Zweigstelle einer großen Bank im Athener Villenvorort Voula: Ein Rentner geht zur Kasse, in der einen Hand das Sparbuch, in der anderen ein dickes Banknotenbündel, das er einzahlen will. Nebenan füttert eine junge Frau einen der Geldautomaten im Kassenraum geduldig mit einem 50-Euro-Schein nach dem anderen. „Solche Kunden sieht man gern“, sagt der Zweigstellenleiter.

In den vergangenen Wochen hörten seine Kassierer meist: „Ich möchte mein Geld.“ Nach inoffiziellen Schätzungen aus Zentralbankkreisen haben die Griechen rund 20 Milliarden Euro in ihren Wohnungen und in Schließfächern gebunkert. Damit ist rund die Hälfte des Bargeldbestandes, der sich in Griechenland auf etwa 40 Milliarden Euro beläuft, dem Geldkreislauf entzogen.

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Wenige Tage vor der Parlamentswahl am vergangenen Sonntag hatten die griechischen Banker sogar Pläne für den Fall entwickelt, dass es nach dem Urnengang zu einem Ansturm der Kunden auf die Konten käme, wenn die Radikallinke gewänne.

Nun aber, nach der Wahl, erlebt Griechenland eine Art umgekehrten Bank-Run: Immer mehr Kunden bringen zumindest einen Teil jener Gelder zurück, die sie von ihren Konten abgehoben hatten, um sie an anderer Stelle zu verwahren. Noch gibt es keine belastbaren Zahlen darüber, wie viel Geld die Griechen wieder bei ihren Kreditinstituten anlegen, aber mehrere Banker berichten übereinstimmend von der Trendwende.

Wozu Griechenland sich verpflichtet hat

Schuldenabbau

Griechenland hat sich verpflichtet, seine Staatsverschuldung bis 2020 auf einen Stand von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung zu bringen. Erlaubt sind nach den Maastrichter-Kriterien eigentlich nur 60 Prozent.

Einsparungen

Vereinbart sind Einsparungen für 2013 und 2014 in Höhe von 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Der Großteil wird erreicht durch Einschnitte bei den Staatsausgaben, die die Größe des Staates reduzieren und seine Effizienz verbessern“, heißt es in der Vereinbarung mit der Troika aus EU, EZB und IWF.

Renten

Athen hat sich zu einer radikalen Reform des Rentensystems verpflichtet.

Öffentlicher Sektor

Athen muss die Beschäftigung im öffentlichen Sektor bis Ende 2015 um 150.000 Stellen reduzieren.

Steuern

Griechenland vereinfacht sein Steuersystem und hebt Steuerbefreiungen auf - um seine Einnahmen zu steigern. Der Kampf gegen Steuerbetrug wird verschärft.

Arbeitsmarkt

Die Mindestlöhne werden um 22 Prozent gegenüber dem am 1. Januar 2012 geltenden Niveau gesenkt. Regelungen über automatische Lohnzuwächse werden ausgesetzt.

Liberalisierung

Der griechische Staat soll konkurrenzgeschützte Berufe wie etwa Apotheker, Buchhalter oder Makler liberalisieren. In überteuerten Wirtschaftsbereichen muss ausländische Konkurrenz zugelassen werden.

Verkehr

Angegangen werden Fusionen und Privatisierungen - etwa regionaler Flughäfen. Auf dem Strommarkt sollen Netze und Versorgung getrennt werden.

Kontrolle

Die Umsetzung der Reformen überwacht die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF), die vierteljährliche Berichte erstellt.

Derzeitige Lage

Griechenland liegt in der Verwirklichung fast aller Auflagen zurück. Das liegt an der starken Rezession, aber auch am kompletten politischen Stillstand während des Wahlkampfs.

Athens Ziel

Das „strategische“ Ziel Athens sind Neuverhandlungen, um die Sparmaßnahmen um zwei Jahre zu strecken. Die Rückzahlung der gewährten Hilfen soll erst 2017 beginnen. Der neue Premier Antonis Samaras will beim EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel mit den EU-Staats- und Regierungschefs darüber reden.

Klausel

In dem Memorandum ist ausdrücklich vorgesehen, die Verpflichtungen Griechenlands zeitlich zu strecken, falls die Wirtschaftskrise sich verschärft. Athen kann laut Text die EU, die EZB und den IWF „konsultieren“, falls die Rezession schlimmer als erwartet ausfallen sollte.

Aussicht auf Erfolg

Bei den Geldgebern ist die Bereitschaft erkennbar, der neuen Regierung mehr Zeit für die Verwirklichung des Reform- und Sparprogramms und die Rückzahlung der Kredite zu lassen. Die Euro-Staaten pochen laut Diplomaten aber darauf, dass Athen seine Schulden langfristig abbaut und strukturelle Reformen umsetzt.

Branchenschätzungen zufolge wurden von Anfang Mai, als Griechenland auf die erste Wahl zuging, bis zum vergangenen Freitag vor der zweiten Wahl rund zwölf Milliarden Euro an Einlagen abgezogen. Offizielle Zahlen hält die griechische Zentralbank bisher zurück. Den Schätzungen Athener Banker zufolge floss etwa ein Drittel ins Ausland, vor allem nach Großbritannien. Ein weiteres Drittel wurde in ausländischen Wertpapieren wie Bundesanleihen oder Rentenfonds angelegt. Das restliche Drittel wurde in bar gehortet.

Kommentare (5)

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Kroisos

22.06.2012, 10:17 Uhr

...die Falle schnappt zu. Couwntdown is running - 4 Monate

Account gelöscht!

22.06.2012, 10:34 Uhr

Ich mach nen Sekt auf wenn dieses Fass endlich komplett zerplatzt (nicht überläuft) und diese ganze Eurok***e endlich zerrinnt.

mkn

22.06.2012, 12:52 Uhr

"Herr schmeiss Hirn ra" möchte man denen zurufen - aber weiß eh nicht, was das auf griechisch heißen würde. Dem Artikel zur Folge muss dann wohl ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung an ein "einfach weiter wie bisher" glauben...interessant auch, dass seitens der Banken erst in den Tagen vor der Wahl über den "GAU" nachgedacht wurde, die waren ja richtig früh dran.

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