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11.11.2013

14:59 Uhr

Nach Handelsskandalen

Banken wollen Händler von Chat-Räumen abklemmen

Mehrere Großbanken erwägen, ihren Händlern in Chat-Räumen Funkstille aufzuerlegen. Einem Zeitungsbericht zufolge wollen Finanzinstitute wie JP Morgan oder Credit Suisse damit neue Manipulationsskandale verhindern.

Handelssystem an der New Yorker Börse: Banker sprachen über die Chat-Funktion Kurse ab. Reuters

Handelssystem an der New Yorker Börse: Banker sprachen über die Chat-Funktion Kurse ab.

DüsseldorfNach den Preisabsprachen bei wichtigen Leitzinsen und dem Verdacht auf Manipulationen von Devisenkursen wollen mehrere Großbanken offenbar ihren Händlern den Zugang zu Chat-Räume sperren. Das US-Geldhaus JP Morgan und die Schweizer Credit Suisse beraten einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge, ihren Angestellten den Zugang zu den virtuellen Konferenzräumen zu verbieten. Dies würde die Abläufe an den Finanzmärkten erheblich verändern.

Börsenhändler mehrerer Geldhäuser, darunter auch der Deutschen Bank, hatten über die Chatfunktion ihrer Handelssysteme die Manipulation wichtiger Leitzinssätze wie Libor und Euribor abgesprochen. Der Skandal weitete sich zuletzt auch auf Preisabsprachen bei Devisenkursen aus. Die Banken stehen unter wachsendem Druck der Aufseher, das Treiben ihrer Angestellten einzudämmen und weitere Betrugsfälle zu verhindern.

Dem Bericht zufolge überprüfen neben den britischen Instituten Royal Bank of Scotland (RBS) und Barclays auch die Schweizer UBS sowie die Cititgroup, wie sie die Diskussionen in den Chat-Räumen besser überwachen und kontrollieren können. Händler von Banken, Vermögensverwaltern und Versicherern nutzen die Chat-Funktion ihrer Handelsterminals, um abseits des Börsenparketts Angebote für den Kauf- oder Verkauf von Wertpapieren einzuholen.

Die Ermittlungen von Bankaufsehern weltweit rücken das Treiben in den Chat-Räumen immer mehr in den Fokus. Im Zentrum der Untersuchungen steht die Chat-Funktion der Bloomberg-Terminals. Über diesen Dienst wickeln weltweit viele Banken, Fondsgesellschaften, Pensionskassen oder Versicherungen ihre Finanzgeschäfte ab.

Chronologie der Ermittlungen zu Devisenmarkt-Manipulation

Juni 2013

Britische Regulierungsbehörden starten eine vorläufige Ermittlung wegen des Verdachts der Marktmanipulation auf dem Währungsmarkt. In den folgenden Monaten konkretisiert sich der Verdacht: Wichtige Händler verschiedener Geldhäuser sollen Preisabsprachen vor großen Kundenaufträgen getroffen und die Fixing-Kurse für bestimmte Währungen zu ihren Gunsten beeinflusst haben.

Anfang Oktober 2013

Auch die Schweizer Finanzaufsicht berichtet darüber, mehrere Banken wegen möglicher Verstöße auf dem Devisenmarkt zu überprüfen. Die EU-Kommission steht bereit, bei den Ermittlungen – es geht auch um Kartellvorwürfe – beizuspringen. Am 9. Oktober bestätigt die Royal Bank of Scotland Ermittlungen und übermittelt Kommunikationsaufzeichnungen eines ehemaligen Händlers an die Behörden.

Mitte Oktober 2013

Aus den vorläufigen Ermittlungen der britischen Aufsichtsbehörde FCA wird ein formales Verfahren. In Asien bestätigt die Finanzaufsicht in Hong Kong, ebenfalls einige Banken zu untersuchen.

Ende Oktober 2013

Die Deutsche Bank – Marktführer im Devisenhandel – bestätigt Anfragen der Aufsichtsbehörden. Die Ermittlungen befänden sich in einem frühen Stadium. Auch die Schweizer UBS legt die Prüfung in ihrem Quartalsbericht offen. Am 29. Oktober bestätigt das US-Justizministerium, dass sowohl die Strafverfolgungs- als auch die Kartellabteilung ermitteln.
Ende Oktober wird bekannt, dass die britische Bank Barclays und die Royal Bank of Scotland Händler von der Arbeit beurlaubt haben – ohne Schuldanerkenntnis.

Anfang November 2013

Citigroup und JP Morgan gehören ebenfalls zu den untersuchten Geldhäusern, am 4. November berichtet auch die HSBC offiziell von Behördenanfragen wegen möglicher Regelverstöße beim Devisenhandel. Am 5. November berichten mehrere Medien über millionenschwere Strafzahlungen wegen der Manipulation des Zinssatzes Euribor. Auch Goldman Sachs ist nun Ziel der Ermittlungen.

Januar 2014

Die Deutsche Bank suspendiert mindestens einen Devisenhändler wegen Manipulationsverdachts. Es bestehe der Verdacht, dass er Referenzkurse für Währungen manipuliert habe, berichtet die Tageszeitung „Die Welt“. Der Händler habe in New York gearbeitet und mit argentinischen Pesos gehandelt.

Februar 2014

Die privaten Konten von Händlern stehen bereits im Visier der Ermittler – der Verdacht: Bankmitarbeiter dürften Manipulationen auch zu gewinnträchtigen privaten Geschäften genutzt haben. Jetzt wollen einige Großbanken die internen Regeln für private Transaktionen ihrer Mitarbeiter verschärfen.

Die Ermittler entdeckten Mitteilungen, in denen Händler widerrechtlich Informationen an Konkurrenten weiterreichten oder darüber scherzten, wie sie Wechselkurse beeinflussen können. Eines der Diskussionsforen trug den treffenden Namen „Das Kartell“, berichtet das „Wall Street Journal“. Die verbotenen Kursabsprachen sollen einen Schaden in mehrstelliger Milliardenhöhe verursacht haben. Allein auf dem Libor-Satz basieren Finanzprodukte im Wert von mehr als 300 Billionen Euro.

Die Schwatzhaftigkeit ihrer Händler kommt die Banken teuer zu stehen. Fünf Institute haben zusammengenommen mehr als 2,6 Milliarden Euro Strafe berappen müssen. Weitere Zahlungen stehen noch aus. Auch die Deutsche Bank verhandelt noch mit den Behörden über die Höhe von Strafen.

Von

ert

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