Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.07.2012

02:33 Uhr

Nach Zinsmanipulation

EU-Kommissar will Regeln verschärfen

EU-Kommissar Michel Barnier schaltet sich laut einem Medienbericht jetzt in die Diskussion um den Libor-Skandal ein. Er fordert die Marktmissbrauchsregeln in der Gemeinschaft zu verstärken.

Wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen verklagen Investoren die Deutsche Bank. dpa

Wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen verklagen Investoren die Deutsche Bank.

LondonAls Konsequenz aus den Libor-Zinsmanipulationen will EU-Kommissar Michel Barnier einem Zeitungsbericht zufolge die Marktmissbrauchsregeln in der Gemeinschaft verschärfen. Barnier wolle die Vorgaben so ändern, dass eventuelle Schlupflöcher geschlossen und Manipulationen von Referenzzinssätzen wie dem Libor oder dem Euribor unter Strafe gestellt würden, meldete die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" am Montag. Bei den Manipulationen handele sich nach Barniers Auffassung um einen Betrug, der unter Umständen Auswirkungen auf das ganze System habe. Änderungen an den Regeln müssten allerdings von den EU-Regierungen und dem EU-Parlament gebilligt werden, was bis zu einem Jahr dauern könnte.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Derzeit wird die internationale Bankenbranche von dem Skandal erschüttert. Mehreren Instituten, unter anderem der Deutschen Bank, wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Libor mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert auf Angaben der Großbanken und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in einem Volumen von vielen Billionen Dollar.

Zinsmanipulation: Investoren verklagen Deutsche Bank

Zinsmanipulation

Investoren verklagen Deutsche Bank

Gegen die Deutsche Bank sollen mehrere Sammelklagen eingereicht worden sein.

Mit Spannung wird am Montag der Auftritt des britischen Notenbankers Paul Tucker vor einem Parlamentsausschuss in London erwartet (17.30 Uhr MESZ). Die Abgeordneten wollen die Affäre aufklären, in deren Zentrum bislang die britische Bank Barclays steht.

Von

rtr

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

so_what

09.07.2012, 03:40 Uhr

" Änderungen an den Regeln müssten allerdings von den EU-Regierungen und dem EU-Parlament gebilligt werden, was bis zu einem Jahr dauern könnte"

Warum muß das derart lange dauern, bis den Gaunern das Handwerk gelegt wird?? Um dazwischen die Spuren zu verwischen, die sie gelegt haben? Haben die Entscheider nur noch Sonntags Dienst?

Die Manipulationen der Bankn sind zu einer Krake geworden, die sich an allem bereichert, was nur irgendwie machbar ist, just for profit over people.

Eine unglaubliche Schande ist das und wir retten munter Banken......

Und das Volk darf für alles in Haft genommn werden, was diese Gauner verbrechen......

Account gelöscht!

09.07.2012, 08:09 Uhr

Gleich verhaften, diese Bande.

Und Regeln für den Finanzsektor hat der Bundeshosenanzug schon vor 4 Jahren versprochen, passiert ist nichts.

Joker1

09.07.2012, 08:41 Uhr

Es zeigt sich immer deutlicher, die Polit- und Bankster-
kasten stecken und einer Decke. Joe Ackermann war doch
lange Zeit Vertrauter der Bundesregierung, Ratgeber und
Vorzeigebanker.
Regulierung der Banken? Geradezu lachhaft. Diese Kaste
hat die Politik voll im Griff und das nicht nur in
Europa. Der elktronische Handel, das Spekulieren muss
eingeschränkt und extrem besteuert werden.
Die Verantwortlichen sollten bestraft und enteignet werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×