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10.08.2012

14:27 Uhr

Nach Zinsskandal

Ex-Notenbanker soll bei Barclays aufräumen

Die in den Libor-Skandal verwickelte Großbank Barclays hat einen neuen Verwaltungsratschef. Der Ex-Notenbanker David Walker soll den guten Ruf der Bank wieder herstellen. Die Börse reagierte positiv auf die Entscheidung.

David Walker will schnell einen neuen Kopf für den Vorstand von Barclays finden. Reuters

David Walker will schnell einen neuen Kopf für den Vorstand von Barclays finden.

LondonDie britische Großbank Barclays will den Zins-Skandal schnell hinter sich lassen und stellt die Weichen für einen Neuanfang. Das Geldhaus ernannte den ehemaligen Notenbanker David Walker zum neuen Verwaltungsratschef. Der 72-Jährige gilt als Schwergewicht in der Londoner "City" und hat sich vor allem einen Namen als Wächter guter Unternehmensführung (Corporate Governance) gemacht.

Er wird den Posten des Chefaufsehers bei Barclays zum 1. November übernehmen, wie Barclays in der Nacht zum Freitag mitteilte. Walker soll den guten Ruf der Bank wiederherstellen und einen Nachfolger für den langjährigen Vorstandschef Bob Diamond finden. Dieser musste wegen der Affäre um Tricksereien beim Referenz-Zinssatz Libor gehen.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Der Libor ist der Interbanken-Zinssatz, zu dem in Großbritannien Banken anderen Instituten Geld leihen. Die Zinssätze werden auf Grundlage der Angaben von Banken berechnet. Dabei machten Institute falsche Angaben, um Vorteile zu erlangen. Auch die Deutsche Bank soll in den Skandal verwickelt sein. Für die internationalen Bankengeschäfte sind die Interbanken-Sätze von großer Bedeutung.

Die weltweite Affäre um Zinsmanipulationen hatte Barclays in ein Führungschaos gestürzt. Wie Agius musste auch Vorstandschef Bob Diamond seinen Posten wegen des Skandals räumen. Die Bank hat als einziges Institut bislang eine Beteiligung an den Zinsmanipulationen eingeräumt und ist daher mit einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar belegt worden.

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