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05.01.2007

07:13 Uhr

Neue Eigenkapitalregeln

Versicherer vor dem Härtetest

VonRita Lansch

Der europäische Versicherungsmarkt steht nach Ansicht von Experten vor einer Marktbereinigung. Mitte des Jahres kommt die Rahmen-Richtlinie über die künftig europaweit einheitlichen Eigenkapital- und Aufsichtsregeln für die Assekuranz (Solvency II) auf die Tagesordnung der europäischen Kommission. Das könnte für kleinere Versicherungsgesellschaften das Ende bedeuten.

Thomas Steffen, Vizevorsitzender der Vereinigung der europäischen Versicherungsaufseher (Ceiops), fordert: "Sorgfalt vor Schnelligkeit". Foto: PR

Thomas Steffen, Vizevorsitzender der Vereinigung der europäischen Versicherungsaufseher (Ceiops), fordert: "Sorgfalt vor Schnelligkeit". Foto: PR

BONN. „Die zweite Auswirkungsstudie hat deutlich gezeigt, dass sich Solvency II vor allem auf kleine Versicherer negativ auswirken kann“, warnt Thomas Steffen, Vizevorsitzender der Vereinigung der europäischen Versicherungsaufseher (Ceiops) im Handelsblatt-Gespräch. Mit Hilfe solcher Studien testet Ceiops mögliche Konsequenzen der geplanten Regeln in der Praxis. Die Banken haben für die vergleichbare Einführung der Eigenkapitalregeln nach Basel II insgesamt fünf Studien gemacht. Die Versicherer führen von April bis Juni ihren dritten Test durch, der aus Zeitgründen nicht mehr in die Rahmenrichtlinie einfließt.

„Wir werden wegen Solvency II deutlich mehr Fusionen und Übernahmen sehen“, prognostiziert der Vorstand der Zurich Versicherung, Andreas Bruckner. Solvency II bringe klare Eigenkapitalvorteile für große, diversifizierte Versicherungsgruppen – dagegen eine stärkere Belastung für kleinere Versicherer, so Bruckner.

Steffen, der auch das Versicherungsressort bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) leitet, versucht über Ceiops gegenzusteuern: „Wir wollen Konsolidierungseffekte vermeiden und brauchen deshalb ausreichend Zeit für das Austesten.“ Ceiops biete an: „Je kleiner das Unternehmen, desto geringer die Anforderungen an das Risikomanagement.“ Im Klartext: Ein Marktführer muss mit höheren Aufsichtsanforderungen rechnen als eine „Pfefferminzia“, wie die Branche kleine Versicherer nennt.

Sorgfalt vor Schnelligkeit

Im Kern sollen die Versicherer mit Solvency II angehalten werden, ihre Risiken stärker zu analysieren und entsprechend mit Kapital zu unterlegen. Die dafür erforderlichen Rechenmodelle sind recht aufwendig. Kleinere Versicherer werden wegen der hohen Kosten vor eigenen Modellen zurückschrecken und ein EU-einheitliches Standardmodell anwenden, erwarten Experten. Auch der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der am Standardmodell arbeitet, befürchtet: „Vor allem für kleinere und spezialisierte Versicherer gibt es deutliche Schwächen, die es im weiteren Entwicklungsprozess zu beseitigen gilt.“

Bisher orientiert sich die Aufsicht über Versicherungsunternehmen an deren Geschäftsvolumen. Das berücksichtigt zwar Größenunterschiede, kommt aber zu absurden Ergebnissen: So führt eine Beitragserhöhung zu größeren Sicherheitsanforderungen. Derartige Dinge will Brüssel künftig mit Blick auf die Risiken bereinigen.

In der Reform gesteht Steffen großen Konzernen den Vorteil zu, dass sie Risiken innerhalb der Gruppe besser ausgleichen können. Die Konzerne steuerten die Risiken ihrer Einzelgesellschaften ohnehin auf Ebene der Holding. So gelte zwar die Grundregel: „Gleiches Risiko – gleiches Zielkapital“. Doch: „Dabei müssen wir die Diversifikationseffekte honorieren“, so Ceiops-Mann Steffen.

Er setzt sich für „Sorgfalt vor Schnelligkeit“ beim Gesetzesvorhaben ein. Das geplante Regelwerk tritt nach Auskunft des zuständigen EU-Referatsleiters Karel van Hulle zwar frühestens 2011 in Kraft. Die Rahmenrichtlinie steht jedoch schon Mitte 2007 an. „Ein Risiko besteht darin, dass die Regeln schon geschrieben werden, während parallel dazu noch Tests über die Auswirkungen laufen“, meint Steffen.

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