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08.05.2014

07:57 Uhr

Neue Freihandelszone

Deutsche Bank hofft auf Schub in China

Im September gab China den Startschuss für die Freihandelszone in Shanghai, um Finanzreformen zu testen. Nun setzt die Deutsche Bank auf diese Zone – und will ab Donnerstag endlich in der Volksrepublik durchstarten.

Die Deutsche Bank möchte sich stärker in China positionieren: „Unternehmen, die eine Niederlassung in der Freihandelzone haben, können ihr Cash Management nun in ihre konzernweiten Systeme integrieren und über eine zentrale Plattform steuern.“ AFP

Die Deutsche Bank möchte sich stärker in China positionieren: „Unternehmen, die eine Niederlassung in der Freihandelzone haben, können ihr Cash Management nun in ihre konzernweiten Systeme integrieren und über eine zentrale Plattform steuern.“

FrankfurtDie Deutsche Bank erhofft sich durch eine Filiale in der Freihandelszone in Shanghai einen Schub für ihr Geschäft in China. „Durch die Regeln in der Freihandelszone wird es für Unternehmen aus dem Ausland deutlich leichter, ihre Geschäfte in China zu finanzieren und Gelder über Landesgrenzen hinweg zu transferieren“, sagte Deutsche-Bank-Manager Oliver Brinkmann in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Die Deutsche Bank eröffnet am Donnerstag als erstes deutsches Geldhaus eine Niederlassung in der neuen Freihandelszone.

Die Volksrepublik hat im September den Startschuss für die Freihandelszone gegeben, in der China Finanzreformen für das gesamte Land testen will. Besonders der Umgang mit der Landeswährung Yuan, der bisher stark reguliert ist, soll dort gelockert werden. Nach der Ankündigung im September zögerten viele internationale Konzerne jedoch zunächst, sich in der Zone anzusiedeln, weil die genauen Regeln unklar waren.

Mittlerweile sei die Skepsis aber gewichen und viele Kunden hätten sich in dem Gebiet niedergelassen, sagte Brinkmann, der bei der Deutsche Bank aus China heraus das Geschäft mit Unternehmenskunden leitet. „Zahlreiche weltweit aktive Konzerne sind dort bereits vertreten, viele andere werden folgen. Gerade für große deutsche Mittelständler ist es attraktiv, ihre Geschäfte in China über die Freihandelszone abzuwickeln.“

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

Zinsskandal

Wegen der Manipulation wichtiger Referenzzinssätze wie Euribor und Libor musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte bereits Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro (990 Millionen US-Dollar) der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf, davon 2,175 Milliarden US-Dollar in den USA und 226,8 Millionen in Großbritannien.

Diese Beträge wurden bis auf 150 Millionen US-Dollar vollständig gezahlt, ein Urteil zu dem ausstehenden Betrag wird für den 7. Oktober 2016 erwartet. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer 2015 sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem Bafin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.

Mit vier mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt, der ebenfalls Geld kostete. Ob das Zinskapitel wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.

US-Sanktionen

Schon länger steht die Deutsche Bank im Verdacht, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen Länder wie den Iran verhängt haben. Für die Missachtung von Sanktionen zahlte das Geldhaus im November 2015 bereits 260 Millionen US-Dollar. Die Bank hatte betont, sie habe sich bereits 2007 aus Iran-Geschäften zurückgezogen. Auch andere Finanzinstitute mussten für Vergleiche in der Sache bereits tief in die Tasche greifen: Die französische BNP Paribas zahlte knapp neun Milliarden Dollar, die Commerzbank 1,45 Milliarden Dollar.

US-Hypotheken

Ende 2013 zahlte die Deutsche Bank 1,4 Milliarden Euro (1,919 Milliarden US-Dollar) für die Beilegung ihres größten Rechtsstreits im Zusammenhang mit fragwürdigen Hypothekengeschäften in den USA. Das Institut soll vor der Finanzkrise beim Verkauf von Wertpapieren, die mit Hypotheken unterlegt sind, falsche Angaben gemacht haben. Andere Verfahren, die die amerikanischen Federal Housing Finance Agency (FHFA) gegen die Deutsche Bank und weitere Häuser angestrengt hatte, sind aus dem Vergleich jedoch ausgeklammert. Auch andere Klagen liegen noch auf dem Tisch und könnten potenziell viel Geld kosten.

Kirch

Die Bank ist nach Ansicht des Oberlandesgerichts München mitverantwortlich für die Pleite des Medienkonzerns im Jahr 2002. Grund ist ein Interview des damaligen Bankchefs Rolf Breuer, in dem dieser Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit gesät hatte. Anfang 2014 einigten sich die Streitparteien in einem Vergleich zwar auf Schadenersatz von 925 Millionen Euro (1,23 Milliarden US-Dollar). Doch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen einzelne Spitzenmanager der Bank wegen versuchten Prozessbetrugs liefen weiter. Die Staatsanwaltschaft München erhob schließlich Anklage gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen sowie die früheren Spitzenmanager Josef Ackermann, Rolf Breuer und Clemens Börsig.

Prozessauftakt war im April 2015, das Verfahren zog sich hin. In seiner Urteilsverkündung vom 25. April 2016 hat das Landgericht München die Manager und auch die Bank freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte gegen das Urteil Revision ein. Die weiteren Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang dauern noch an.

CO2

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Bank wegen des Verdachts der Umsatzsteuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Betrug mit CO2-Verschmutzungsrechten. Rund 500 bewaffnete Polizisten und Steuerfahnder hatten deshalb Ende 2012 den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros durchsucht. Ex-Co-Chef Fitschen und der langjährige Finanzvorstand Stefan Krause gehörten zu ursprünglich 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Denn Fitschen und Krause hatten die auf dem CO2-Betrug basierende Steuererklärung unterzeichnet. Im August 2015 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schließlich gegen acht beteiligte Kundenbetreuer und Händler der Deutschen Bank Anklage wegen „bandenmäßiger Steuerhinterziehung“. Im Juni 2016 verurteilte das Frankfurter Landgericht sechs ehemalige Beschäftigte der Deutschen Bank, weil sie die millionenschweren Steuerbetrügereien ermöglicht hatten.

Devisen und Derivate

Aufseher, darunter auch die Bafin, gehen dem Verdacht nach, dass Banken am billionenschweren Devisenmarkt ebenfalls getrickst haben. Einige internationale Großbanken haben in der Sache bereits milliardenschwere Vergleiche geschlossen. Die Deutsche Bank als einer der größten Devisenhändler der Welt allerdings noch nicht.

Sie hat Finanzkreisen zufolge aber mehrere Händler vom Dienst suspendiert. Sie stehen offenbar im Verdacht, an Referenzkursen gedreht zu haben. Die Bank ist beklagte in drei Sammelklagen in den USA und zwei kanadischen Sammelklagen, die im September 2015 erhoben wurden. Die Deutsche Bank hat erklärt, dass sie zur Aufklärung des Skandals mit verschiedenen Aufsichtsbehörden zusammenarbeitet und zudem eine interne Untersuchung gestartet hat. Diese Untersuchung ergab nach Angaben aus Finanzkreisen, dass es bislang keinerlei Hinweise auf Tricksereien bei den großen Währungen Euro, Dollar, Pfund und Yen gibt, wohl aber vereinzelt beim russischen Rubel und dem argentinischen Peso.

Vom Haken sind die Frankfurter aber nicht: In der US-Niederlassung der Bank installierte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Kontrolleur, der sich Finanzkreisen zufolge nun schon seit einigen Monaten das elektronische Devisenhandelssystem genauer anschaut. Demnach sind Algorithmen der Plattform „Autobahn“ Teil der Ermittlungen. Amerikanische und deutsche Aufseher gehen zudem dem Verdacht nach, dass Geldhäuser den viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Die Deutsche Bank hat für Zinsswap-Manipulationen bereits 50 Millionen US-Dollar zahlen müssen.

Geldwäsche in Russland

Im Juni 2015 war bekannt geworden, dass Ermittler rund um den Globus dem Verdacht nachgehen, russische Kunden könnten über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. Die Bank hat versprochen, zur Aufarbeitung der Affäre mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Mehrere Mitarbeiter in der Moskauer Niederlassung wurden deshalb vor die Tür gesetzt, darunter auch der ehemalige Chef-Händler in Russland, Tim Wiswell.

Inzwischen hat die Affäre eine neue Dimension erreicht: Das US-Justizministerium und die Finanzbehörde von New York (DFS) prüfen laut einem Medienbericht, ob die Bank gegen Sanktionen verstoßen hat. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden und ob die Bank intern geeignete Vorkehrungen getroffen hat, um solche Verstöße zu verhindern.

US-Steuerstreit

Das US-Justizministerium ermittelt seit mehr als fünf Jahren gegen Finanzinstitute in der Schweiz wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Am Haken haben die Behörden seit 2013 auch die Deutsche Bank. Deren Schweizer Tochter erstatte Selbstanzeige. Finanzkreisen zufolge hat sich die Deutsche Bank bei den US-Behörden gemeldet, weil sie den Verdacht hegte, einige US-Kunden könnten ihr Vermögen in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus versteckt haben. Seither würden Daten an die USA geliefert und Anfragen beantwortet. Eine Strafzahlung könne die Bank damit aber wohl nicht abwenden, sondern nur auf einen Rabatt hoffen. Eine Entscheidung steht noch aus. Das Bußgeld kann sich auf bis zu 50 Prozent der versteckten Gelder belaufen. Bereits im Dezember 2010 hatte die Deutsche Bank 550 Millionen US-Dollar Strafzahlungen für Beihilfe zur Steuerhinterziehung zahlen müssen.

Besonders groß sind die Erleichterungen aus seiner Sicht im Zahlungsverkehr. „Unternehmen, die eine Niederlassung in der Freihandelzone haben, können ihr Cash Management nun in ihre konzernweiten Systeme integrieren und über eine zentrale Plattform steuern.“ Bisher mussten Konzerne den Zahlungsverkehr in China streng getrennt von Geschäften in anderen Teilen der Welt organisieren. Auch Kapital könnten Konzerne künftig leichter in die Volksrepublik transferieren, wenn sie dort Investitionen planten, erklärte Brinkmann.

Der Devisenhandel werde ebenfalls stark vereinfacht. „Bisher mussten die Unternehmen Dokumente vorlegen, die belegen, dass die Transaktion im Zusammenhang mit Handels- oder Dienstleistungsgeschäften steht“, sagte Brinkmann. „Diese Nachweispflicht entfällt künftig für Unternehmen, die in der Freihandelszone niedergelassen sind“. Die Überprüfung übernehmen künftig die Geldhäuser, die in der Freihandelszone ansässig sind. Neben der Deutschen Bank haben sich bereits andere Großbanken wie Citi oder HSBC in dem 29 Quadratkilometer großen Gebiet angesiedelt. Auch der US-Versicherer Metlife erhielt kürzlich eine Lizenz für die Eröffnung einer Filiale. Hingegen will die Commerzbank nach eigenen Angaben keine Filiale in der Freihandelszone eröffnen.

Die Freihandelszone ist ein weiterer Schritt, mit der China die Öffnung seiner Finanzmärkte und die Internationalisierung des Yuan vorantreiben will. Erst vor kurzem hat die chinesische Notenbank angekündigt, in Frankfurt eine Clearingbank aufzubauen, mit der die Stadt zu einer Drehscheibe für den Handel mit der chinesischen Währung werden soll. Der Yuan ist allerdings nach wie vor an den Dollar gekoppelt und darf nur in einer kleinen Bandbreite schwanken. Vor einer Freigabe des Wechselkurses schreckt China bisher zurück, da es eine kräftige Aufwertung befürchtet, die Waren im Ausland teurer machen und damit die Exportchancen beeinträchtigen könnten.

Von

rtr

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