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16.09.2011

08:25 Uhr

Neue Rechnung

Banken helfen Athen weniger als erwartet

Über die Höhe der Beteiligung privater Gläubiger an der Griechenland-Hilfe gab es von Beginn an Streit. Der dürfte nun zunehmen, denn die Banken zahlen wohl deutlich weniger als geplant. Der Dumme ist der Steuerzahler.

Er hat die Griechenland-Hilfe maßgeblich verhandelt: Josef Ackermann, Chef des Institute of International Finance (IIF). dpa

Er hat die Griechenland-Hilfe maßgeblich verhandelt: Josef Ackermann, Chef des Institute of International Finance (IIF).

Düsseldorf/BerlinAls Wolfgang Schäuble Ende Juni die Einigung mit den deutschen Banken über deren Beitrag zur Griechenland-Hilfe präsentierte, sagte er: "Ich bin froh, dass die Vertreter der deutschen Finanzwirtschaft ihre Bereitschaft erklärt haben, sich im europäischen Geleitzug an einem zweiten Hilfsprogramm zu beteiligen."

Doch schon damals stand Schäuble die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Zwar sprach er den Banken "dankbaren Respekt" aus. Doch insgeheim hat er mehr erhofft von den deutschen Instituten als die 3,2 Milliarden Euro, von denen ein wesentlicher Teil noch auf zum Teil verstaatlichte Geldhäuser entfällt.

Da wundert es nicht, dass es auch Kritik von der Opposition und anderer Seite hagelte. Ähnlich sah es in vielen anderen Ländern aus.

Nun dürfte diese noch zunehmen: Die internationalen Banken werden laut einem Pressebericht aller Voraussicht nach weit weniger zur Rettung Griechenlands beitragen müssen als gedacht. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ am Freitag unter Berufung auf entsprechende Berechnungen der Grünen.

Statt 21 Prozent, wie von den Regierungen der Euro-Staaten vorgesehen, müssten die Institute letztlich nur einen Wertverlust von 8,3 Prozent schultern, sagte der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, der Zeitung. Dabei galt so manchem Kritiker der Wert von 21 Prozent schon als zu niedrig.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Doch zuletzt gab es eine zusätzliche Entwicklung, die den Banken zupass kam: Zuletzt sind die Kurse europäisch besicherter Anleihen gestiegen. Nun bekommen die Institute im Tausch für ihre alten Papiere neue, die deutlich mehr wert sind, als zu Zeiten der Einigung über ihre Beteiligung an der Griechenland-Hilfe erwartet war.

Kommentare (33)

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Pequod

16.09.2011, 08:44 Uhr

So sollte man doch meinen, daß Wolfgang Schäuble soweit in-
formiert ist, daß das Management der Banken ihren Ge-
schäftsleitungen und Aktionären verpflichtet sind und
nicht dem notleidenden Steuerzahlern.
So wird sich ein Josef Ackermann, sowie alle anderen Ge-
Geschäftsführer der Banken, schwerlich mit kostenbringen-
den Rettungsaktionen, selber den Ast absägen!!!

Jaja

16.09.2011, 08:44 Uhr

Schick forderte die Bundesregierung auf, eine solch „lächerliche“ Form der Gläubigerbeteiligung zu stoppen.

Das wird sich nicht verhindern lassen, wetten?
Mit Sicherheit war das den Banken während der Verhandlungen zur Gläubigerbeteiligung schon bewusst.
So und nur so erreicht Ackermann 10 Mrd Gewinn vor Steuern.
Danke Herr Schäuble.

Eierkopp

16.09.2011, 08:50 Uhr

Natürlich war das den Banken und auch den Politikern klar. Nur hätten die französischen Banken eine höhere Beteiligung nicht überlebt, genausowenig wie die Regierung Sarkozy eine erneute Stützung der Banken. Auf Ackermann zu schimpfen ist in dem Fall zu billig, der hat im Gegensatz zu Schäuble die Interessen derjenigen vertreten, die ihn bezahlen. Oder hat Schäuble das vielleicht doch?

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