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05.02.2016

18:20 Uhr

Obergrenzen-Debatte

„Bargeld wird verschwinden“

VonYasmin Osman, Elisabeth Atzler

Der Vorstandschef der Direktbank ING-Diba rechnet langfristig mit einem Ende von Münzen und Scheinen. Doch eine aktuelle Umfrage zeigt: Die Mehrzahl Deutschen will darauf so schnell nicht verzichten.

Blick in eine Ladenkasse: Die Bundesregierung will eine Obergrenze für Barzahlungen von 5000 Euro einführen. dpa

Ein Auslaufmodell?

Blick in eine Ladenkasse: Die Bundesregierung will eine Obergrenze für Barzahlungen von 5000 Euro einführen.

Frankfurt am MainDer Vorstoß der Bundesregierung, Obergrenzen für Barzahlungen einzuführen, stößt in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Wie sehr die Deutschen an Münzen und Scheinen hängen, zeigt nun auch eine repräsentative Umfrage von TNS-Emnid für das Nachrichtenmagazin „Focus“, die am Freitag veröffentlicht wurde. Demnach wollen 79 Prozent der Deutschen nicht auf Bargeld verzichten. Nur jeder Fünfte, genauer 21 Prozent, der gut 1000 Befragten könnte sich ein bargeldloses Leben vorstellen.

Der Vorstandschef der ING Diba geht dennoch davon aus, dass Bargeld langfristig keine Zukunft hat. „Bargeld wird verschwinden, aber es wird sehr lange dauern“, sagte Roland Boekhout auf der Jahrespressekonferenz der Direktbank, der drittgrößten Privatkundenbank in Deutschland.

Er ist damit der zweite Top-Banker, der mit einem Ende der Bargeld-Ära rechnet. Vor wenigen Wochen erst hatte der Deutsche-Bank-Chef John Cryan auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Prognose gewagt: „In zehn Jahren wird Bargeld wahrscheinlich nicht mehr existieren.“ Der Grund: Bargeld sei „einfach schrecklich ineffizient“.

Diese Länder fahren Kampagnen gegen Bargeld

Dänemark

In ein Regierungsprogramm zur Konjunkturankurbelung hat die dänische Regierung den Plan geschrieben, für kleine Geschäfte, Tankstellen und Restaurants den bisherigen gesetzlichen Annahmezwang für Bargeld aufzuheben. Begründet wird das mit den Kosten, die das Zählen und Bearbeiten des Bargelds mit sich bringt. In den nordischen Ländern hat das elektronische Bezahlen das Zahlen mit Bargeld bereits weitgehend verdrängt.

Frankreich

Ab September 2015 wird für Bürger, die in Frankreich leben, die Bargeldzahlungsgrenze auf 1.000 Euro (bis dahin 3.000 Euro) begrenzt. Für ausländische Bürger liegt die Grenze – um den Tourismus nicht zu stark zu beeinträchtigen ‒ bei 10.000 Euro (bisher 15.000 Euro). Quelle: Buch „Bargeldverbot“, S. 27

Belgien

Seit Januar 2014 hat sich die zulässige Bargeldsumme für Waren und Dienstleistungen von 5.000 Euro auf 3.000 Euro verringert.

Spanien

Barzahlungen von über 2.500 Euro sind nach einem Gesetz vom 30. Oktober 2012 verboten, wenn eine der Parteien professionell oder gewerblich tätig ist. Es dient angeblich dem Kampf gegen Steuerbetrug.

Italien

Barzahlungen von mehr als 1.000 Euro sind in Italien seit Anfang 2012 verboten (Direktive zur Nachvollziehbarkeit von Finanzierungen, vor der Barzahlung mit hohen Beträgen wird gewarnt).

Griechenland

Ab Jahresanfang 2011 sind Geschäfte mit einer Barzahlung von 1.500 Euro und mehr illegal, wenn zumindest ein Partner gewerblich aktiv ist.

Schweden

Kampagne zur Bargeldabschaffung „Bargeldfrei jetzt!“ (Kontantfritt Nu), getragen von der Gewerkschaft für Finanzdienstleister „Finansförbundet“ und „Svensk Handel“ mit Sprüchen wie „Bargeld braucht nur noch deine Oma ‒ und der Bankräuber“ oder „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“.

Auch wenn Boekhout Cryan in der Sache recht gibt – was den Zeitraum anbelangt, ist er wesentlich vorsichtiger. In Deutschland spiele Bargeld noch immer eine wichtige Rolle, seine Bedeutung sei zuletzt sogar noch gewachsen. Man könne die Bürger zudem nicht zwingen, auf Bargeld zu verzichten. Er warnt: „Wenn man Bargeld zu schnell abschaffen würde, könne es passieren, dass die Bürger das Vertrauen in die Währung verlieren.“

Bislang hat die Bundesregierung nur von der Einführung von Obergrenzen gesprochen. Bei den Volks- und Raiffeisenbanken stößt das auf Kritik. „Im Interesse der Kunden und des Datenschutzes muss auch in Zukunft die hohe Flexibilität bei der Wahl der Zahlungsverfahren beibehalten werden“, sagt der Präsident des Bundesverbands deutscher Volks- und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich. „Eine Begrenzung des Bargeldeinsatzes, wie aktuell diskutiert, wirft auch die grundsätzliche Frage auf, ob hiermit nicht in die bürgerliche Freiheit eingegriffen wird“, sagt er.

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