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22.01.2007

16:58 Uhr

Osteuropas Börsen wehren sich

Wien stößt auf Widerstand

VonOliver Stock

Die Wiener Börse konnte den eigenen, hohen Ansprüchen nicht gerecht werden und hat sich bislang vergeblich bemüht, zur Leitbörse Osteuropas zu werden. Konnten die Österreicher noch die Börse Budapest übernehmen, scheiterten sie sonst – teils aufgrund kommunistischer Altlasten, erklärt Vorstand Michael Buhl.

Schwergewicht Wien. Marktkapitalisierung in Euro (Quelle: Fese, Feas)

Schwergewicht Wien. Marktkapitalisierung in Euro (Quelle: Fese, Feas)

WIEN. Die einst hochfliegenden Pläne der Wiener Börse, zur Leitbörse in Osteuropa zu werden, haben sich nicht erfüllt. Außer einer 68-Prozent-Beteiligung an der Börse in Budapest haben die Wiener bislang keinen Handelsplatz mehrheitlich in ihren Besitz bringen können. „Börsen sind ein nationales Symbol, das gerade in den ehemals kommunistischen Ländern ungern aus der Hand gegeben wird“, sagt Michael Buhl, Vorstand der Wiener Börse dem Handelsblatt.

Vor knapp einem Jahr hatte das noch etwas anders geklungen. Unter dem Eindruck der Konzentration der Börsenlandschaft in Westeuropa hatte Buhls Vorstandkollege Heinrich Schaller die Kooperation mit den osteuropäischen Handelsplätzen hervorgehoben und gesagt: „Wir wollen den zentralistischen Tendenzen in Europa etwas entgegensetzen.“ Inzwischen ist in den großzügigen Fluren des Börsengebäudes an der Wallnerstraße im ersten Wiener Bezirk die Euphorie verflogen und eine nüchterne Arbeitsstimmung hat sich breit gemacht. Zwar habe sich die Wiener Börse das grundsätzliche Einverständnis ihrer Eigentümer, der an ihr notierten großen Banken und Unternehmen, geholt, jede Chance zum Kauf in Osteuropa zu nutzen. An Geld herrscht also kein Mangel. Aber es fehle an Gelegenheiten, macht Buhl deutlich: In Polen, dem interessantesten Markt, betrachtet die Regierung ihre Beteiligung an der Börse als strategische Investition, die nicht zum Verkauf steht. „Das war lange eine große Hoffnung“, meint Buhl. Inzwischen wird der Hoffnungsträger zum Konkurrenten, da sich die Polen selbst um eine Leitfunktion in Osteuropa bemühen. Auch Tschechien hat den Verkauf abgeblasen. In Rumänien ist die Eigentümerstruktur der dortigen Börse derart zersplittert, dass sie sich „nicht sinnvoll greifen lässt“. Allenfalls in Bulgarien könnte in diesem Jahr mit der Privatisierung der Börse in Sofia begonnen werden. Die Wiener werden dann als Bieter dabei sein. Eine feindliche Übernahme komme aber nicht in Frage, sagt Buhl.

Weil es an Kaufgelegenheiten mangelt, setzt die Wiener Börse inzwischen stärker auf Kooperationen. So gibt es einen bis zum Jahr 2015 laufenden Vertrag mit Rumänien, nach dem der dortige Marktindex in Wien ausgerechnet wird. Ein Datenvertriebssystem wollen die Wiener ebenfalls nach Bukarest liefern. Mit Serbien und Kroatien gibt es Abkommen über den gegenseitigen Datenaustausch, Slowenien und die Slowakei stehen auf der Liste der Wunschpartner der Wiener. Neben bilateralen Vereinbarungen gibt es Treffen der Verantwortlichen sämtlicher osteuropäischen Börsen, bei denen beispielsweise über gemeinsame Regeln zur guten Unternehmensführung (Corporate Governance) oder etwa eine Harmonisierung der Handelszeiten gesprochen wird. Teilnehmer berichten von mitunter mühsamen Diskussionen.

Zusätzlich gestört werden aus Wiener Sicht die Bemühungen um möglichst tiefgehende Kooperationen mit osteuropäischen Börsen durch Konkurrenten, die ebenfalls auf die langfristigen Wachstumschancen an den osteuropäischen Handelsplätzen aufmerksam geworden sind. Bisher kommen alle osteuropäischen Börsenplätze gemeinsam nicht einmal auf zehn Prozent des Handelsvolumens, das in Westeuropa übers Parkett geht. Doch das dürfte sich ändern. Schließlich leben 40 Prozent der Bevölkerung EU-Europas dort und die Wachstumsraten der Volkswirtschaften sind deutlich höher als im Westen.

Diese Rechnung hat inzwischen ebenfalls der skandinavische Börsenbetreiber OMX aufgemacht, der nach der Expansion in die baltischen Staaten auch im Süden Osteuropas Beteiligungen erwerben will. Aktuell konkurrieren Wiener Börse umd OMX um die Gunst der kleinen slowenischen Börse in Ljubljana.

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