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18.06.2015

14:19 Uhr

Piraeus, Alpha und Ergasias

Griechischen Banken droht Geldnot – auch ohne Grexit

In den Büchern griechischer Banken türmen sich Kredite in Höhe von fast 60 Milliarden Euro. Bei Zahlungsausfällen würden selbst die Rückstellungen nicht reichen, um das auszugleichen. Helfen kann nur noch Europa.

Die Nationalbank zählt zu den vier Geldhäusern Griechenlands, die überfällige und umstrukturierte Kredite in Höhe von 59 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen haben. dpa

Nationalbank von Griechenland

Die Nationalbank zählt zu den vier Geldhäusern Griechenlands, die überfällige und umstrukturierte Kredite in Höhe von 59 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen haben.

Griechische Banken haben in den vergangenen zwei Jahren zwei Kapitalspritzen erhalten. Sie benötigen möglicherweise eine dritte, da die Rezession die Verluste aus faulen Krediten nach oben treibt. Die steigenden Rückstellungen für Zahlungsausfälle könnten das materielle Kernkapital von zwölf Milliarden Euro der vier größten Banken des Landes komplett aufgezehrt werden. Auf diese vier Institute entfallen 91 Prozent der Bankenaktiva des Landes. Selbst wenn Griechenland mit den europäischen Geldgebern auf zusätzliche Gelder einigt, muss ein nächstes Hilfsprogramm auch eine neue Finanzierungsrunde für die strauchelnden Banken umfassen.

Die faulen Kredite – sprich jene, deren Rückzahlung ungewiss sind – stiegen im vergangenen Quartal deutlich: Weil die neue Regierung auf einen Schuldenschnitt hofft, zögerte sie Zahlungen hinaus. Dadurch rutschte die Wirtschaft wieder in die Rezession ab. Angesichts der Konjunkturschwäche brauchten die vier Banken – die National Bank of Greece, die Piraeus Bank, die Alpha Bank und die Eurobank Ergasias – voraussichtlich 16 Milliarden Euro an zusätzliche Rückstellungen für die Abdeckung von Verlusten. Denn in ihren Büchern stehen überfällige und umstrukturierte Kredite in Höhe von 59 Milliarden Euro. Wenn auch nur die Hälfte davon ausfallen, haben die Banken also ein Problem.

Wie die EZB Griechenland und seinen Banken hilft

Unterstützung für Griechenland

Auch wenn die neue griechische Regierung die Zusammenarbeit mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) beenden will: Europas Währungshüter halten das Land und seine Banken seit Jahren über Wasser.

Anleihenkaufprogramm SMP

Nach einer Krisensitzung beschloss die EZB im Mai 2010 aus Furcht vor einem Zerfall der Eurozone, auch Anleihen hoch verschuldeter Eurostaaten zu kaufen. Das Programm ist seit Herbst 2012 beendet. Nach jüngsten veröffentlichten Zahlen hält die EZB noch Staatsanleihen im Volumen von 144,3 Milliarden Euro. Ende 2013 entfielen auf griechische Bonds 27,7 Milliarden Euro. Aktuell dürften es noch etwa 20 Milliarden Euro sein, schätzt die Commerzbank. Die EZB nennt die Zahl erst im nächsten Jahresbericht.

Bankenhilfe I

Hellas-Banken sind zu einem sehr großen Teil von frischem EZB-Geld abhängig. Ende November hatten sich griechische Finanzinstitute fast 45 Milliarden Euro bei der EZB geliehen. Um dieses Geld zu bekommen, müssen sie Wertpapiere als Sicherheiten liefern - und die EZB akzeptiert griechische Anleihen nur, solange sich das Land in einem Hilfsprogramm befindet.

Bankenhilfe II

Allerdings wurden die Anforderungen gelockert - somit können griechische Institute nun mehr EZB-Geld bekommen, wenn sie Anleihen ihres Staates als Sicherheiten hinterlegen. Denn die Abschläge, die die EZB für Hellas-Bonds verlangt, wurden im November 2014 gesenkt. Zum Beispiel gilt für Papiere mit bis zu drei Jahren Laufzeit nun ein Abschlag von 11 Prozent nach zuvor 33 Prozent. Mit anderen Worten: Für eine Staatsanleihe über 100 Euro Nennwert bekommt die Geschäftsbank nun 89 Euro Kredit statt zuvor 67 Euro.

Rettungsprogramm-Bedingung I

Üblicherweise vergibt die EZB Geld nur gegen Wertpapiere, denen Ratingagenturen gute Noten geben. Das ist bei Griechenland-Anleihen nicht mehr der Fall. Die EZB macht aber eine Ausnahme, wenn das betroffene Land ein EU-Rettungsprogramm mit harten Reformauflagen durchläuft.

Rettungsprogramm-Bedingung II

Beendet Athen die Teilnahme an einem solchen Sanierungsprogramm, würde die EZB die Anleihen des Landes nach heutigem Stand nicht mehr als Sicherheit akzeptieren - und auch beim jüngst angekündigten neuen Anleihenkaufprogramm der EZB ginge Hellas leer aus. Griechische Banken wären von der Versorgung mit frischem Zentralbankgeld abgeschnitten, Pleiten drohten. Das könnte auch den Staat treffen, weil private Geldgeber dem strauchelnden Land keinen Kredit mehr geben wollen, die Europartner als Geldgeber wegfallen und die griechischen Banken dann keinen Kredit mehr geben können.

Sonderregelung

Finanzminister Gianis Varoufakis hat in einem Interview erklärt, dass er bei der EZB für eine Ausnahme werben will. Demnach soll die Notenbank zusichern, griechische Banken bis Anfang Juni zu unterstützen - obwohl das aktuelle Hilfsprogramm für Athen Ende Februar ausläuft und Athen keine Verlängerung beantragen will.

Notfall-Hilfe ELA

In Ausnahmefällen können Kreditinstitute des Eurogebiets Zentralbankkredite auch über die Notfall-Liquiditätshilfe (ELA) erhalten. Allerdings kann der EZB-Rat dies verbieten, wenn er meint, dass diese Geschäfte nicht mit den Zielen und Aufgaben der Notenbanken vereinbar sind. Dies muss allerdings mit Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat beschlossen werden.

„Wir hatten damit gerechnet, dass die Problem-Kredite im ersten Quartal einen Höhepunkt erreichen, aber nun erwarten wir dies irgendwann 2016, vorausgesetzt es gibt eine gewisse wirtschaftliche Stabilität“, sagt Nondas Nicolaides, Analyst bei Moody's in Athen. „Es besteht ein hohes Risiko, dass die umstrukturierten Kredite und andere in Schwierigkeiten geratene Verbindlichkeiten wieder in den Zahlungsausfall zurückrutschen werden. Es besteht die Möglichkeit, dass die Banken eine weitere Runde von Kapitalspritzen benötigen werden.“

Selbst nach zwei vorherigen Kapitalspritzen, einschließlich eines Hilfspakets von Europäischer Union (EU) und Internationalem Währungsfonds (IWF), sind griechische Banken schwach kapitalisiert. Mehr als die Hälfte ihres Kapitals besteht aus latenten Steueransprüchen, also Gutschriften für Verluste, die steuermindernd angesetzt werden können, wenn die Banken wieder schwarze Zahlen schreiben. Die Gutschriften haben nur einen Wert, wenn die Regierung sie in bare Mittel verwandeln kann. Da sie aber kurz vor der Staatspleite steht, sind diese Zahlungen nicht sicher.

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Die nach der Finanzkrise von 2008 eingesetzten weltweiten Vorschriften sehen ein allmähliches Auslaufen der Verwendung von latenten Steueransprüchen als Kapital vor, weil sie bei der Abdeckung von Verlusten nicht helfen. Einige europäische Länder einschließlich Griechenland haben sie in Staatsgarantien zukünftiger Gutschriften gewandelt. Die Europäische Zentralbank ist skeptisch bezüglich ihrer Verwendung und könnte die Banken auffordern, ihr Eigenkapital zu erhöhen, um ihre Abhängigkeit von derartigem Kapital zu reduzieren. Der Wert von zwölf Milliarden Euro für das materielle Kernkapital bei den vier griechischen Banken ist ohne latente Steueransprüche.

Analysten und Investoren haben sich in den vergangenen Monaten mehr auf die Liquidität konzentriert, also darauf, wie Banken finanziert sind, als auf die Solvenz. Die Kreditinstitute haben seit November mehr als 20 Prozent ihrer Einlagen verloren, zeigen Daten der griechischen Notenbank und Schätzungen von JPMorgan. Die Banken sind für den Ausgleich des Einlagenschwunds abhängig von den fast 120 Milliarden Euro an Finanzierung von der EZB und der griechischen Notenbank. Außerdem gehen ihnen allmählich die dafür zu hinterlegenden Sicherheiten aus.

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