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05.03.2013

10:22 Uhr

Portigon

Personal-Posse bei WestLB-Nachfolger

VonSebastian Ertinger

Bei der Nachfolgegesellschaft der WestLB bleiben bislang die erhofften Aufträge aus. Das hat schwerwiegende Folgen: Portigon muss den Personalabbau vorantreiben. Doch manche Angestellte sitzen fest im Sattel.

Ende einer Landesbank: Aus WestLB-Teilen wurde Portigon. Reuters

Ende einer Landesbank: Aus WestLB-Teilen wurde Portigon.

DüsseldorfDie letzten Mitarbeiter der zerschlagenen WestLB bangen um ihre Arbeitsplätze. Rund 2600 Menschen arbeiten noch für die Nachfolgegesellschaft Portigon. Die Zahl der Stellen soll weiter reduziert werden. Denn die Restbank kann kaum Neugeschäft heranziehen. Bis 2016 soll die Zahl neuesten Planungen zufolge auf rund 980 sinken. Ursprüngliche Planungen gingen von bis zu 1400 aus.

Doch rund 430 Mitarbeiter müssen nicht bangen. Sie besitzen sogenannte Doppelverträge und sind sowohl bei Portigon als auch bei der landeseigenen Förderbank, der NRW-Bank angestellt. Werden sie bei der WestLB-Nachfolgerin entlassen, greift der Arbeitsvertrag mit der NRW-Bank und die Betroffenen können sich dort einklagen – eine potenziell erhebliche Last für das Institut.

„Wenn sich die Mitarbeiter mit Doppelvertrag einklagen, hat die NRW-Bank ein Riesenproblem“, meint Ralf Witzel, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion. „Zu den insgesamt rund 1250 Mitarbeitern kämen noch einmal 430 dazu.“ Die Bank müsste diesen entweder Abfindungen zahlen oder über einen Sozialplan die gesamte Belegschaft entsprechend reduzieren, so der FDP-Politiker.

Die rund 430 WestLB-Angestellten mit Zweitvertrag waren 2002 bei der Aufspaltung von WestLB und NRW-Bank von der Förderbank an die Landesbank ausgeliehen worden. Die WestLB war im Sommer 2012 zerschlagen worden. In der Finanzkrise 2008 mussten die Eigentümer – das Land Nordrhein-Westfalen sowie Sparkassenverbände des Landes – die Bank mit Milliardenhilfen stützen. Toxische Wertpapiere und unerwünschte Aktivitäten wurden in Deutschlands erste „Bad Bank“, die Erste Abwicklungsanstalt (EAA), ausgelagert.

WestLB: Von der „Hülfskasse“ zur Zerschlagung

Die Westdeutsche Landesbank hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Das Institut geht zurück auf die Gründung der „Westfälischen Provinzial Hülfskasse“ vor 179 Jahren und deren Pendant im Rheinland.

1832

Die Westfälische Provinzial-Hülfskasse nimmt in Münster ihre Tätigkeit auf. Gut 20 Jahre danach startet ihr Pendant im Rheinland

1954

Das Land NRW wird Anteilseigner beider Landesbanken

1969

Aus der Fusion beider Landesbanken entsteht die Westdeutsche Landesbank Girozentrale (WestLB)

1973

Durch Devisenspekulationen verzockt die WestLB fast ihren gesamten Jahresgewinn.

1981

Friedel Neuber wird Bankchef und leitet über zwei Jahrzehnte die Geschicke des Bankkonzerns. Unter seiner Führung wird die WestLB zu einem der einflussreichsten Kreditinstitute in Deutschland und zu einem Instrument der Industriepolitik für die NRW-Regierung

1998

Die Rubelkrise und der Zusammenbruch des russischen Anleihemarkts brockt der WestLB einen Milliardenverlust ein.

1999

Die WestLB soll an das Land auf Geheiß der EU eine illegale Beihilfe über 808 Millionen Euro zurückzahlen. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgt.

2002

Die WestLB wird auf EU-Druck aufgespalten in die WestLB AG für kommerzielle Geschäfte und die NRW.Bank für das Fördergeschäft

2003

Die WestLB erlebt mit Fehlinvestitionen unter anderem beim britischen Fernsehverleiher Boxclever ein Fiasko. Die Bank verbucht Milliardenverluste

2004

Wegen unerlaubter Beihilfen des Landes NRW muss die WestLB auf Druck der EU 1,4 Milliarden Euro zurückzahlen. Bei der WestLB entsteht ein Verlust von 1,2 Milliarden.

2005

Am 19. Juli beginnt für die Landesbanken eine neue Ära: Die Staatsgarantien fallen weg. Nach einer Kapitalerhöhung sind die beiden Sparkassenverbände im Rheinland und Westfalen mit insgesamt 51 Prozent Mehrheitseigentümer der WestLB

2007

Händler der WestLB setzen 600 Millionen Euro in den Sand. Chef Thomas Fischer tritt zurück. Nachfolger wird Alexander Stuhlmann von der HSH Nordbank. Die EU gibt grünes Licht für eine staatliche Kapitalspritze über 6,2
Milliarden Euro, die die Bank zur Aufspaltung in die NRW-Bank und die WestLB braucht.

2008

In einer Rettungsaktion geben die Eigentümer fünf Milliarden Euro Garantien für faule Papiere

2009

Harte EU-Auflagen: Die WestLB muss um die Hälfte verkleinert werden und bis Ende 2011 mehrheitlich in neue Hände kommen

2010

Der Bund steigt in die WestLB mit einer Kapitalspritze von drei Milliarden Euro ein. Damit wird die Auslagerung von risikoreichen und nicht mehr zum Kerngeschäft gehörenden Papieren in eine „Bad Bank“ möglich.

2011

Bund, Land und Sparkassen beschließen das Konzept für die Zerschlagung der WestLB. Die EU-Kommission besiegelt das Ende.

2012

Nach zähen Verhandlungen wird die Bank zum Stichtag 30. Juni zerlegt: Das Sparkassengeschäft fließt ins Schwesterinstitut Helaba. Nicht verkäufliche Geschäfte werden in die „Bad Bank“ verschoben. Die restliche WestLB wird zur Servicegesellschaft „Portigon“ umgewandelt.

Das Sparkassen- und Mittelstandsgeschäft kam bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) unter. Rechtsnachfolgerin der WestLB ist die Portigon, welche das Bankgeschäft weiterführen soll. Faktisch wickelt das Institut bisher aber vorwiegend die in der Bad Bank EAA liegenden Schrottpapiere ab und erbringt noch Serviceleistungen für die Helaba. Rund 18 Milliarden Euro dürfte der Niedergang der WestLB am Ende gekostet haben.

Die Doppelverträge könnten den geplanten Stellenabbau erschweren: Diese Mitarbeiter haben kaum einen Anreiz, Abfindungsangebote anzunehmen. „Bisher konnte die Landesregierung keine angemessene Lösung präsentieren“, kritisiert Witzel.

Kommentare (8)

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dasletzte

05.03.2013, 10:37 Uhr

und es werden noch Heerscharen von Unternehmensberatern und weiteren externen Mitarbeitern beschäftigt. Die Portigon schwimmt scheinbar im Geld ...

theaterkritik

05.03.2013, 12:29 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

RalphFischer

05.03.2013, 12:41 Uhr

Wer in der Zeitung schreibt, das die guten Mitarbeiter alle gegangen und die schlechten alle geblieben sind, braucht sich nicht zu wundern, wenn er keine Aufträge bekommt.

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