Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.04.2013

15:49 Uhr

Portigon

WestLB-Nachfolger erwartet Milliardenverlust

Im vergangenen Jahr wurde die WestLB auf Druck der EU-Kommission zerschlagen. Der Rechtsnachfolger Portigon erwartet für dieses Jahr einen Verlust von rund einer Milliarde. Grund seien Pensionsverpflichtungen.

Der WestLB-Nachfolger Portigon wickelt die frühere Landesbank in Düsseldorf ab. dpa

Der WestLB-Nachfolger Portigon wickelt die frühere Landesbank in Düsseldorf ab.

DüsseldorfDer Abriss der einstmals größten deutschen Landesbank WestLB kostet die Steuerzahler wie befürchtet Milliarden und tausende Mitarbeiter den Job. Die WestLB-Nachfolgerin Portigon hat in ihrem ersten Geschäftsjahr 2012 bei hohen Verlusten rund eine Milliarde Kapital verbraucht. Im laufenden Geschäftsjahr 2013 wird mit einem Kapitalverzehr in einer ähnlicher Größenordnung gerechnet.

Vorstandschef Dietrich Voigtländer zeigt sich aber überzeugt, dass das vom Land Nordrhein-Westfalen, den NRW-Sparkassen und dem Bund bereitgestellte Kapital von ursprünglich 4,1 Milliarden Euro reicht, um den Bankabriss und den Aufbau von Dienstleistungen zu bewältigen.

So wurde die WestLB zerschlagen

Zerschlagung

Die WestLB ist seit dem 30. Juni 2012 Geschichte. Das Geldhaus, das auf die 1832 in Münster gegründete Westfälische Provinzial-Hülfskasse zurückgeht, wurde in drei Teile zerschlagen.

Verbundbank I

Sie umfasst das Sparkassengeschäft der WestLB - und wurde von der Frankfurter Helaba übernommen. 451 Mitarbeiter der WestLB wechselten dabei den Arbeitgeber. Die Helaba übernahm nach langem Poker mit den WestLB-Eignern - dem Land NRW und den beiden örtlichen Sparkassenverbänden - sowie der bundesweiten Sparkassenorganisation Geschäfte mit einer Bilanzsumme von rund 40 Milliarden Euro.

Verbundbank II

Eine Milliarde Euro erhielt die Verbundbank als Mitgift – die beiden NRW-Sparkassenverbände polsterten die Kapitaldecke der Verbundbank mit 500 Millionen Euro auf, weitere 500 Millionen Euro steuerten die Sicherungseinrichtungen der Sparkassen-Finanzgruppe bei. Diese wurden im Gegenzug an der Helaba beteiligt. Die vor allem in Hessen und Thüringen aktive Helaba konnte damit nach Nordrhein-Westfalen expandieren.

Erste Abwicklungsanstalt I

Die EAA ist die Bad Bank der WestLB - sie soll bis voraussichtlich 2027 die unverkäuflichen Überbleibsel der Bank abwickeln. Die Resterampe der Landesbank wurde im Dezember 2009 aus der Taufe gehoben. Die beiden Vorstände Markus Bolder und Matthias Wargers begannen danach, Käufer für Risikopapiere und Geschäftsbereiche der WestLB mit einem Volumen von rund 77,5 Milliarden Euro zu suchen. Mitte 2012 standen davon noch rund 45 Milliarden Euro in den Büchern der EAA.

Erste Abwicklungsanstalt II

Auf Bolder und Wargers kommt nun aber neue Arbeit zu: Portfolios mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Euro, darunter auch der Immobilien-Finanzierer WestImmo, landeten aus der Erbmasse der WestLB bei der EAA. Die Übertragung soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Für Verluste aus der Abwicklung stehen Steuerzahler und Sparkassen gerade. Allein für das mit besonders risikoreichen Papieren bestückte, „Phoenix“-Portfolio haben Land und Sparkassen Garantien in einer Höhe von fünf Milliarden Euro gegeben.

Portigon I

Am 1. Juli 2012 ging das neue Serviceinstitut an den Start. Rund 3500 Mitarbeiter sollte Portigon zunächst haben, bis Jahresende sollen es dann weniger als 2700 Menschen sein – und die Zahl der Beschäftigten soll in Zukunft weiter schrumpfen, bis Ende 2016 soll das Service-Geschäft verkauft sein.

Portigon II

Die Portigon-Mitarbeiter werden sich zunächst vor allem mit gut bekannten Geschäftsvorgängen beschäftigen: Sie sollen die EAA bei der Abwicklung ihrer Milliarden-Portfolien unterstützen. Diese strebt selbst einen Personalstand von rund 100 Mitarbeitern an. Auch Portigon wurde mit einer Finanzspritze auf den Weg geschickt: Das Land Nordrhein-Westfalen gab eine Milliarde Euro – es ist nun auch alleiniger Eigner von Portigon.

Mangels neuer Großaufträge für Portigon drückt der Vorstand aufs Tempo, um die Verluste für die Steuerzahler in Grenzen zu halten. „In der Konsequenz werden wir den Rückbau fokussieren und beschleunigen“, sagte Voigtländer am Dienstag. Nach den Detailplanungen sollen binnen vier Jahren bis Ende 2016 rund 2000 Vollzeitarbeitsplätze abgebaut werden.

Davon entfällt der Löwenanteil auf 2013 mit 1000 abzubauenden Arbeitsplätzen. Darunter sind 360 IT-Stellen, die ausgelagert und in Hände eines neuen Arbeitgebers überführt werden sollen. Voigtländer betonte, dass der Stellenabbau möglichst sozialverträglich erfolgen soll. Betriebsbedingte Kündigungen schloss er aber nicht aus.

Große Hoffnung beim WestLB-Abriss ist weiterhin, dass letztlich weitere 1000 Arbeitsplätze gerettet werden. Die WestLB-Nachfolgerin baut eine zu privatisierende Servicetochter auf, die Ende 2016 rund 880 Arbeitsplätze bieten soll. Bei Portigon selbst werden dann nur noch 150 Arbeitsplätze für Restaufgaben benötigt. Die Servicetochter soll Abwicklungsanstalten und Banken helfen, Kredite und Wertpapiere zu verwalten. Bisher ist die „Bad Bank“ für WestLB-Papiere einer der wenigen Großkunden. Die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze sank im Jahr der WestLB-Zerschlagung 2012 schon von knapp 4200 auf gut 2600. Gut 400 Stellen übernahm dabei die Landesbank Hessen-Thürigen (Helaba).

WestLB: Von der „Hülfskasse“ zur Zerschlagung

Die Westdeutsche Landesbank hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Das Institut geht zurück auf die Gründung der „Westfälischen Provinzial Hülfskasse“ vor 179 Jahren und deren Pendant im Rheinland.

1832

Die Westfälische Provinzial-Hülfskasse nimmt in Münster ihre Tätigkeit auf. Gut 20 Jahre danach startet ihr Pendant im Rheinland

1954

Das Land NRW wird Anteilseigner beider Landesbanken

1969

Aus der Fusion beider Landesbanken entsteht die Westdeutsche Landesbank Girozentrale (WestLB)

1973

Durch Devisenspekulationen verzockt die WestLB fast ihren gesamten Jahresgewinn.

1981

Friedel Neuber wird Bankchef und leitet über zwei Jahrzehnte die Geschicke des Bankkonzerns. Unter seiner Führung wird die WestLB zu einem der einflussreichsten Kreditinstitute in Deutschland und zu einem Instrument der Industriepolitik für die NRW-Regierung

1998

Die Rubelkrise und der Zusammenbruch des russischen Anleihemarkts brockt der WestLB einen Milliardenverlust ein.

1999

Die WestLB soll an das Land auf Geheiß der EU eine illegale Beihilfe über 808 Millionen Euro zurückzahlen. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgt.

2002

Die WestLB wird auf EU-Druck aufgespalten in die WestLB AG für kommerzielle Geschäfte und die NRW.Bank für das Fördergeschäft

2003

Die WestLB erlebt mit Fehlinvestitionen unter anderem beim britischen Fernsehverleiher Boxclever ein Fiasko. Die Bank verbucht Milliardenverluste

2004

Wegen unerlaubter Beihilfen des Landes NRW muss die WestLB auf Druck der EU 1,4 Milliarden Euro zurückzahlen. Bei der WestLB entsteht ein Verlust von 1,2 Milliarden.

2005

Am 19. Juli beginnt für die Landesbanken eine neue Ära: Die Staatsgarantien fallen weg. Nach einer Kapitalerhöhung sind die beiden Sparkassenverbände im Rheinland und Westfalen mit insgesamt 51 Prozent Mehrheitseigentümer der WestLB

2007

Händler der WestLB setzen 600 Millionen Euro in den Sand. Chef Thomas Fischer tritt zurück. Nachfolger wird Alexander Stuhlmann von der HSH Nordbank. Die EU gibt grünes Licht für eine staatliche Kapitalspritze über 6,2
Milliarden Euro, die die Bank zur Aufspaltung in die NRW-Bank und die WestLB braucht.

2008

In einer Rettungsaktion geben die Eigentümer fünf Milliarden Euro Garantien für faule Papiere

2009

Harte EU-Auflagen: Die WestLB muss um die Hälfte verkleinert werden und bis Ende 2011 mehrheitlich in neue Hände kommen

2010

Der Bund steigt in die WestLB mit einer Kapitalspritze von drei Milliarden Euro ein. Damit wird die Auslagerung von risikoreichen und nicht mehr zum Kerngeschäft gehörenden Papieren in eine „Bad Bank“ möglich.

2011

Bund, Land und Sparkassen beschließen das Konzept für die Zerschlagung der WestLB. Die EU-Kommission besiegelt das Ende.

2012

Nach zähen Verhandlungen wird die Bank zum Stichtag 30. Juni zerlegt: Das Sparkassengeschäft fließt ins Schwesterinstitut Helaba. Nicht verkäufliche Geschäfte werden in die „Bad Bank“ verschoben. Die restliche WestLB wird zur Servicegesellschaft „Portigon“ umgewandelt.

Die WestLB-Zerschlagung zur Jahresmitte 2012 hinterlässt tiefe Spuren in der ersten Bilanz von Portigon. Durch hohe Umbaukosten entstand nach HGB-Rechnungslegung 2012 ein Verlust von rund 570 Millionen Euro. Das Eigenkapital von Portigon schrumpfte 2012 um rund eine Milliarde auf 3,1 Milliarden Euro. Nach der internationalen Rechnungslegung IFRS, die für den WestLB-Konzern maßgeblich war, wird für 2012 sogar ein Verlust von etwa 1,5 Milliarden Euro erwartet.

Auch 2013 zeichnen sich tiefrote Zahlen ab: Auf Basis von HGB wird von etwa einer Milliarde Euro Verlust ausgegangen. Das Eigenkapital dürfte in dieser Größenordnung auf gut zwei Milliarden Euro sinken.

Von

dpa

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Mazi

24.04.2013, 08:23 Uhr

Worin besteht der Unterschied zu einem Steuerhinterzieher?

Ganz klar. Es ist der andere!

Materiell unterscheiden sich beide Fälle nicht. Der Staat wird in beiden Fällen geschädigt. Nur sind die Schädiger in diesem Fall auf der anderen Seite und erhalten durch ihr "Nicht-Handel" sowohl Diäten als auch Pensionsansprüche für die die Steuerzahler nochmals zählen müssen.

Der Krug geht solange zum Brunnen bis er zerbricht.

Es mangelt dem System an Selbstkontrolle. Nicht das es keine Selbstkontrolle gäbe, die Kontrollen sind lediglich mit dem gleichen Menschentypus wie die Räuber, Trickbetrüger auf der anderen Tischseite besetzt. Wir brauchen dringend eine Strukturreform unseres Staates, wollten wir ihn retten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×