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23.02.2004

09:12 Uhr

Praxis aus den USA ruft Bundestag und Verbände auf den Plan – Unternehmen sehen falsche Bonitätseinstufung

Firmen fürchten unerwünschte Ratings

VonPeter Köhler

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird im Finanzausschuss des Bundestags in der nächsten Woche ein heißes Eisen angefasst: die Arbeitsweise und die Macht der Rating-Agenturen. Die Spitzenverbände der Kredit- und Versicherungswirtschaft sind ebenso geladen wie „Rating-Papst“ Oliver Everling und nicht zuletzt Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

FRANKFURT/M. Ein Thema, das vielen Teilnehmern unter den Nägeln brennt, ist das „unsolicited rating“, also die „unbeauftragten“ Bonitätseinstufungen. Dabei wird ein Rating erteilt, obwohl das betroffene Unternehmen dies im Extremfall als unerwünscht betrachtet. In diese Grauzone fiel auch der Versuch von Standard Poor’s (S&P), im vergangenen Jahr „fiktive“ Landesbanken-Ratings zu veröffentlichen, was aber durch eine konzertierte Aktion der deutschen Politik und der Finanzaufsicht in letzter Sekunde verhindert werden konnte.

In den USA sind „unsolicited ratings“ ein seit Jahren bekanntes Phänomen, erklärt Thorsten Reinhard, Rechtsanwalt im Düsseldorfer Büro der Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer. Seiner Meinung nach werden sie auch in Deutschland verstärkt Einzug halten. Der hiesige Markt sei im internationalen Vergleich noch unterentwickelt, in den kommenden zwei bis drei Jahren werde das Rating-Thema aber auch massiv den Mittelstand erreichen.

Die größte Gefahr der „nicht bestellten“ Ratings liegt darin, dass sie die Bonität des Unternehmens falsch darstellen. Denn bei der unbeauftragten Notengebung stützen sich die Agenturen auf öffentlich zugängliche Informationen. Unternehmensinterne Plandaten und Gespräche mit dem Management fehlen. Problematisch wird es besonders dann, wenn unbestellte Ratings für die Investoren nicht als solche gekennzeichnet werden. Bei S&P ist man sich der Brisanz des Themas bewusst: „Bei Unternehmen erstellt S&P ausschließlich Ratings im Auftrag des Kunden, die mit dessen Zustimmung veröffentlicht werden. Bei Versicherungen hat S&P wegen des Investoreninteresses an einer weitgehenden Marktabdeckung schon viele Jahre auch Ratings im Markt, die auf der Basis von veröffentlichten Informationen erstellt werden. Diese sind zur Unterscheidung von den interaktiven Ratings mit „pi“ (public information) gekennzeichnet“, erläutert der Deutschland-Chef von S&P, Torsten Hinrichs. Beim Konkurrenten Fitch heißen die unbestellten Einstufungen „Fitch Initiated Ratings“. Sie seien eine Reaktion auf Investorenwünsche und beträfen nur eine „sehr begrenzte Anzahl“ von Unternehmen, so Paul Taylor, Europa-Chef von Fitch Ratings.

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