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08.01.2016

16:50 Uhr

Prozess gegen Sachsen LB

Der letzte Akt im Milliardendesaster

VonKathrin Witsch

Die Sachsen LB wollte von der Provinz auf das internationale Parkett – und scheiterte grandios. Gegen zwei Ex-Vorstände begann heute der Prozess wegen Bilanzfälschung und Untreue. Sie sind sich keiner Schuld bewusst.

„Unvertretbaren Risikogeschäfte” wirft die Staatsanwaltschaft zwei ehemaligen Vorständen der sächsischen Landesbank vor. Reuters

Sachsen LB

„Unvertretbaren Risikogeschäfte” wirft die Staatsanwaltschaft zwei ehemaligen Vorständen der sächsischen Landesbank vor.

Herbert Süß sitzt mit eingesunkenen Schultern auf der Anklagebank. Immer wieder kaut er nervös auf seinem Bonbon herum, während der Leipziger Staatsanwalt einen Teil der Anklageschrift vorliest. Der Vorwurf lautet Bilanzfälschung und Untreue. Die beiden Angeklagten Herbert Süß und Stefan Leusder waren die zuletzt amtierenden Vorstände der 2007 notverkauften Sächsischen Landesbank.

Jetzt, acht Jahre später, sitzt der 76-jährige Ex-Vorstandvorsitzende Süß mit zusammengezogenen Augenbrauen im Leipziger Landgericht und fährt sich immer wieder mit seinem Finger über die Stirn. Den Blick stur auf das Papier vor ihm gerichtet. Staatsanwalt Jens Heinrich spricht von „unvertretbaren Risikogeschäften”. Lange vor der großen Krise mit Kreditpaketen aus den USA habe es Alarmzeichen gegeben, die von den Verantwortlichen ignoriert worden seien. Die milliardenschweren Engagements im Ausland hätten „in keinem Verhältnis zur Kapitalausstattung der kleinsten Landesbank” in Deutschland gestanden. Die Angeklagten hätten die Gefährdung des Fortbestandes der Landesbank mit ihren Entscheidungen billigend in Kauf genommen.

Nur 16 Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1992, versank die Sächsische Landesbank in einem Milliardendesaster, dass als Lehrstück für die Selbstüberschätzung von Bankern und Politikern vor der großen Finanzmarktkrise gelten kann.

Auslöser für den Zusammenbruch der Sachsen LB war die 1999 gegründete irische Tochtergesellschaft Sachsen LB Europe mit Sitz in Dublin. Das ostdeutsche Geldhaus hatte einen schweren Stand. Der bei Landesbanken übliche Gedanke, ein Land brauche ein eigenes Geldhaus, um die regionale Wirtschaft anzukurbeln, ließ sich für Sachsen nur schwer nachvollziehen. Es fehlte an Projekten, mit denen sich Geld verdienen ließ. Also gingen die Sachsen ins Ausland.

Die Sachsen LB Europe hatte 2004 unter anderem eine Zweckgesellschaft mit dem Namen Ormond Quay gegründet. Die Mutterbank in Leipzig übernahm vier Prozent der Risiken, die restlichen 96 Prozent übernahm die Dubliner Tochter. Für die wiederum die Sachsen LB über eine Patronatserklärung haftete. Die Idee kam von Investmentbanker Claus-Harald Wilsing, er sollte die „Sparkassen-Onkel von der Pleiße“ international groß rausbringen.

Mit Conduits, auch Zweckgesellschaften genannt, investiert eine Bank langfristig in Asset Backed Securities (ABS), die bisher nicht liquide Vermögensgegenstände in festverzinsliche, handelbare Wertpapiere umwandeln. Über Commercial Papers, kurzfristige Anleihen mit einer Laufzeit von einem bis zu 364 Tagen Laufzeit, werden die ABS' refinanziert. Die Zinsdifferenz zwischen kurz- und langfristig erworbenen Anleihen ist reiner Gewinn.

Als der Finanzmarkt im Sommer 2007 einbrach, weil die Hypothekenblase in den USA platzte, fiel wenige Tage später auch der Markt für Kurzfristanleihen zusammen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ormond Quay allerdings mindestens 17 Milliarden Euro auf dem US-Immobilienmarkt angelegt und geriet an den Rand des Ruins. Und mit ihr die Sachsen LB. Erst ein Notkredit, dann ein Notverkauf an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), für den der Freistaat Sachsen eine Landesbürgschaft von 2,75 Milliarden Euro für eventuelle Ausfallschäden übernehmen musste. Bisher musste Sachsen bereits rund 1,4 Milliarden Euro zahlen.

Diese deutschen Banken überprüft die EZB

Großbanken

Commerzbank
Deka-Bank (Spitzeninstitut der Sparkassen)
Deutsche Bank
DZ-Bank (Spitzeninstitut der Volksbanken)
Hypo Real Estate Holding (Deutsche Pfandbriefbank)
SEB
WGZ Bank (2. Spitzeninstitut der Volksbanken)

Landesbanken

Bayerische Landesbank (BayernLB)
Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
Landesbank Berlin (LBB)
Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)
Norddeutsche Landesbank (NordLB)
HSH Nordbank

Sparkassen/Genossenschaftsbanken

Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Haspa Finanzholding (Hamburger Sparkasse)

Immobilienbanken

Aareal Bank
Münchener Hypothekenbank

Förderbanken

Landeskreditbank Baden-Württemberg
Landwirtschaftliche Rentenbank
NRW.Bank

Sonstige Institute

Volkswagen Financial Services Aktiengesellschaft
Wüstenrot & Württembergische

Schuld daran sind aus Sicht der Staatsanwaltschaft vor allem Herbert Süß und Stefan Leusder. Statt einen Krisenplan zu entwerfen, habe man den Ausbau des verhängnisvollen Ormond Quay Portfolios sogar noch vorangetrieben. So sehr, dass das Volumen der Zweckgesellschaft mit 17 Milliarden Euro am Ende sogar den Landeshaushalt des Freistaats selbst überstieg. „Das Verhältnis von Chance und Risiko betrug 2007 eins zu 650“, betont Heinrich.

Unter Kapitalmarktvorstand Leusder, der sein Amt im November 2005 antrat, schwoll das Anlagevolumen auf ein vielfaches an. Anders als Wilsing griff Leusder massiv zu US-Papieren. Leusder hätte schon im Jahr 2006 die Anzeichen einer „herannahenden Krise“ erkennen müssen. Stattdessen versicherten die Buchprüfer dem Vorstand sogar im April 2007 noch, dass das Risikotragfähigkeitskonzept für die Geschäftsstruktur grundsätzlich angemessen sei. Zu einem Zeitpunkt, wo das Anlagevolumen von Ormond Quay schon fast das Doppelte dessen betrug, was die sächsische Landesbank hätte übernehmen können.

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